Berlin

„Union ist keine C-Partei mehr“

Der Publizist Klaus Kelle will die bürgerliche Basis vernetzen.

Der Publizist Klaus Kelle
"Nach der Aussage von Friedrich Merz, für mich lange ein Hoffnungsträger in der Union, dass er mit den Grünen eine Bundesregierung bilden will, ist mein Optimismus bezüglich der Union ins Bodenlose gestürzt", so Klaus Kelle. Foto: KK

Herr Kelle, Seit Jahren kritisieren Sie Frau Merkels Kurs. Und doch ist die Union heute so stark wie seit Jahren nicht mehr. Wer liegt also falsch? Die Deutschen, die Merkels CDU gut finden, oder Sie?

Die Union lag vor vier Monaten bei 26 Prozent. Ohne CSU war die CDU bundesweit bei 21 Prozent. Und dann kam Corona. Wer gibt die Richtung in einer Krise vor? Die, die die Macht haben und das Geld verteilen. Die heißen jetzt Merkel, Spahn, Söder und Laschet, und viele Bürger versammeln sich hinter den Anführern. Aber glauben Sie mir: Nach Corona, wenn die Arbeitslosigkeit steigt, wenn viele Betriebe Insolvenz anmelden müssen – dann werden die Bürger fragen: War Corona eigentlich so gefährlich, dass all das gerechtfertigt war. Und das fragen sie dann auch die CDU.

Fakt bleibt aber, dass Merkel sogar Spekulationen um eine fünfte Amtszeit zurückweisen musste. Merkel hat die Partei offenbar nicht derart demoliert, wie ihr immer vorgeworfen wird.

Doch das hat sie. Ich habe ihre Kandidatur 2005 begeistert unterstützt und sie auch 2009 noch einmal gewählt. Was dann kam, lässt mich meine CDU – bin Mitglied seit 42 Jahren – nicht mehr erkennen: Atomausstieg, Wehrpflicht aussetzen, Gender-Schwachsinn, effektive Kinderförderung nur, wenn sie über staatliche Betreuung organisiert wird, sexuelle Vielfalt für Kindergartenkinder und dann 2015/2016 die Migrationskatastrophe – all das wird für immer mit dem Namen Merkel verbunden sein.

Glauben Sie wirklich, eine CDU aus den 80/90er Jahren wäre heute mehrheitsfähig?

Nein. Die Gesellschaft verändert sich, Parteien müssen da mitgehen, wenn sie Wahlen gewinnen wollen. Aber sie müssen diese Reformen auf Basis eigener Grundüberzeugungen entwickeln und nicht die Politik anderer übernehmen, die sie vorher jahrzehntelang bekämpft haben.

Sie bemühen sich um eine Vernetzung der konservativen Basis. Welche messbaren Erfolge gibt es da vorzuweisen?

"Konservative wollen einen starken Staat,
ich will so wenig Staat wie möglich"

Kleine Korrektur: Ich bemühe mich um eine Vernetzung der bürgerlichen Basis unserer Gesellschaft. Es gibt Themen, da bin ich konservativ, wie etwa Innere Sicherheit und Lebensschutz. Aber es gibt eben auch Themen, wo ich mich auf der liberalen Seite wähne. Konservative wollen einen starken Staat, ich will so wenig Staat wie möglich. In aktuellen Umfragen liegen die eindeutig linken Parteien SPD, Linke und Grüne zusammen bei 37 Prozent Zustimmung der Bürger. Und alle außer der AfD folgen deren Agenda – das dürfen wir nicht hinnehmen. Und konkret zu Ihrer Frage: Ich habe mehrere Netzwerke mit Inzwischen zusammen etwa 8.000 registrierten Bürgern, die bereit sind, etwas zu tun – unabhängig, welcher Partei oder Organisation man angehört.

Muss vielleicht etwas von unten wachsen, das die Parteien dann aufgreifen anstatt die Parteien selber ändern zu wollen? Wie bei den 68ern?

Es sieht so aus. Nach der Aussage von Friedrich Merz, für mich lange ein Hoffnungsträger in der Union, dass er mit den Grünen eine Bundesregierung bilden will, ist mein Optimismus bezüglich der Union ins Bodenlose gestürzt. Die FDP könnte bei 15 Prozent liegen in diesen Zeiten, wenn sie sich für Politik interessieren würde. Und dann natürlich auch die AfD, umstritten und mit rechtem Narrensaum, keine Frage. Aber auch dort gibt es intelligente Politiker, die heute das vertreten, was vor zehn Jahren noch CDU-Politik war. Es wäre ein großer Schritt, wenn wir alle mal miteinander reden, wie es mit unserem Land weitergehen soll.

Auch unter Konservativen spielt das kirchliche Christentum immer weniger eine Rolle. Täuscht der Eindruck?

"Nicht alle Christen sind konservativ, nicht alle Konservativen
glauben an unseren Herrn. Aber die Schnittmengen
zwischen Bürgerlichen und Christen sind schon gewaltig"

Nicht alle Christen sind konservativ, nicht alle Konservativen glauben an unseren Herrn. Aber die Schnittmengen zwischen Bürgerlichen und Christen sind schon gewaltig. Beide wollen das Gute bewahren. Beide wollen die traditionelle Familie, Recht und Gesetz, Demokratie und Freiheit. Ob das allerdings reicht, um eine C-Partei zu wählen? Die Union ist keine C-Partei mehr, und die christlichen Kleinparteien scheitern seit Jahrzehnten bei jeder Wahl in Deutschland.

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