Ungewisser Ausgang

Nigeria steht nach den Wahlen vor einem möglichen Machtwechsel. Von Michael Gregory
Foto: dpa | Nigerias Noch-Präsident Goodluck Jonathan bei der Stimmabgabe.
Foto: dpa | Nigerias Noch-Präsident Goodluck Jonathan bei der Stimmabgabe.

Nigeria, das mit rund 170 Millionen Menschen bevölkerungsreichste und mittlerweile auch wirtschaftlich stärkste Land Afrikas, hat gewählt. Zwar standen die Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen vom vergangenen Samstag gestern noch nicht fest, doch manches spricht für einen Sieg des Oppositionsbündnisses „All Progressives Congress“ (APC) unter Führung des früheren Armeeoffiziers und Juntachefs Muhammadu Buhari, der gegen den amtierenden Präsidenten Goodluck Jonathan (People's Democratic Party) angetreten ist. Erste Auszählungsergebnisse in einigen Wahlbezirken sehen Buhari vor Jonathan. Etwa 300 der insgesamt 150 000 Wahllokale wurden am vergangenen Sonntag noch einmal geöffnet. Dort hatte es am Samstag technische Probleme bei der elektronischen Erfassung von Wählern gegeben. Nach Angaben der Wahlkommission gab es Schwierigkeiten mit den Kartenlesegeräten zur Registrierung der Wähler. Auch Jonathan hatte bei seiner Stimmabgabe mehrere Anläufe für die Registrierung gebraucht. Der Chef der Wahlkommission, Attahiru Jega, nannte den Vorfall „bedauerlich und eine nationale Peinlichkeit“. Insgesamt sei der Ablauf der Wahl aber zufriedenstellend, die Beteiligung sei „ziemlich hoch“ gewesen.

Sollte sich der Trend zugunsten Buharis verfestigen, wäre es eine Schicksalswahl für Nigeria, denn sie würde erstmals nach Ende der Militärdikatur vor 16 Jahren einen demokratischen Machtwechsel herbeiführen – vorausgesetzt, der Unterlegene akzeptiert den Sieg des Kontrahenten. Das ist beileibe nicht selbstverständlich. Immer wieder war es nach Wahlen in Nigeria zu Gewaltexzessen gekommen. Auch diesmal ist die Stimmung angeheizt, nachdem die islamistische Terrororganisation Boko Haram mehrere Anschläge mit rund 40 Toten verübt hatte.

Der Terror Boko Harams im Nordosten Nigerias ist es auch, der dem 57-jährigen Jonathan den Wahlsieg kosten könnte, einem in einfachen Verhältnissen aufgewachsenen Christen aus der südöstlich gelegenen Region Nigerdelta. Seitdem die Islamistischen Kämpfer den Nordosten mit blutigen Anschlägen und Entführungen überziehen, hat es Jonathan nicht geschafft, ihnen einen Riegel vorzuschieben – eine Steilvorlage für Buhari. Der den muslimischen Eliten des Nordens entstammende Buhari hat sich im Wahlkampf als Gegenmodell zum wankelmütigen Jonathan präsentiert. Er verspricht den Nigerianern hartes Durchgreifen gegen Boko Haram. Zumindest über die Expertise dürfte er verfügen. So war Buhari von 1983 bis 1985 schon einmal Staatsoberhaupt – als Offizier an der Spitze einer Militärjunta. Viele Nigerianer – besonders natürlich im muslimisch geprägten Norden – halten dem 72-jährigen durchtrainiert wirkenden Mann zugute, dass er als unbestechlich gilt und für seinen bescheidenen Lebensstil bekannt ist. Doch in seiner Zeit als Militärführer in den 1980er Jahren ließ er zahlreiche Kritiker einsperren und Oppositionelle verfolgen. Die Zeiten haben sich geändert, sagen seine Verteidiger. Mittlerweile hätten sich mehr oder weniger funktionsfähige demokratische Institutionen im Land gebildet, die die Macht des Präsidenten begrenzten. Dennoch: Als Buhari die alleinige Macht besaß, nutzte er sie aus und wollte von einer Rückkehr zur Demokratie nichts wissen. In Afrika sind solche Staatschefs nicht unbekannt. Wegen ihrer zupackenden Art schätzt man sie, zugleich werden sie wegen ihrer überzogenen Härte gehasst. Man denke an Paul Kagame in Ruanda oder Robert Mugabe in Simbabwe.

Was Goodluck Jonathan aber doch noch den Wahlsieg bringen könnte, sind die jüngsten Erfolge der nigerianischen Armee im Anti-Terrorkampf. Nach Schätzungen sollen 80 bis 90 Prozent der von Boko Haram besetzten Gebiete im Nordosten in den vergangenen Wochen von der nigerianischen Armee befreit worden sein, allerdings nicht aus eigener Kraft, sondern mit Unterstützung aus dem Tschad, dem Niger und Kamerun. Dennoch gilt dies vielen als Erfolg der Regierung in Abuja. Hinzu kommt, dass einen Tag vor den Wahlen die nigerianische Armee nach eigenen Angaben das Hauptquartier Boko Harams zerstört haben soll. Wie das Militär am Freitag über den Kurznachrichtendienst Twitter weiter mitteilte, wurden bei der Offensive in der Stadt Gwoza im Nordosten des Landes zahlreiche Mitglieder der Gruppe getötet. Goodluck Jonathan, dem man oft mangelnde Durchsetzungsfähigkeit vorwirft, kommt dieser Erfolg nur einen Tag vor der Abstimmung besonders zupass.

Eigentlich hätten die Wahlen bereits am 14. Februar stattfinden sollen. Um den multinationalen Truppen mehr Zeit für die Rückeroberung der von Boko Haram besetzten Gebiete zu geben und die Sicherheit in der Region zu gewährleisten, wurde sie um sechs Wochen verschoben. Nach Ansicht von Oliver Dashe Doeme, Bischof von Maiduguri im Nordosten Nigerias, war die Sicherheit kurz vor der Wahl in der Hauptstadt des Staates Borno gewährleistet, so der Bischof gegenüber dem vatikanischen Nachrichtendienst fides. Dennoch ist fraglich, ob Wahlen angesichts der vielen Flüchtlinge im Nordosten Nigerias überhaupt sinnvoll sind. Patrick Tor Alumuku, Pfarrer der Erzdiözese Abuja, sagte fides: „Es ist nur schwer vorstellbar, dass man dort reguläre Wahlen durchführen kann angesichts der Tatsache, dass viele Menschen aus der Gegend fliehen mussten.“

Trotz aller Defizite, Unsicherheiten und Gewalt: An vielen Wahllokalen bildeten sich am Samstag und Sonntag lange Schlangen. Das zeigt auch: Vielen Nigerianern ist es wichtig, von ihrem demokratischen Recht Gebrauch zu machen. Wenn sich die Gewalt nicht weiter ausbreitet, könnte von den Wahlen ein positives Signal für ganz Afrika ausgehen.

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