Unbeschreibliche Not

In Simbabwe wütet die Choleraepidemie – Mugabe lügt und schafft Devisen ins Ausland – Jesuit Wermter: „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“

Dort, wo die Not am größten ist, lebt und arbeitet Oskar Wermter: Jesuit, Seelsorger und einer der bekanntesten katholischen Publizisten Simbabews. Wermter ist Priester der Pfarrei St. Peter Mbare, jenem Stadtteil Harares, in dem die Cholera im August dieses Jahres die ersten Todesopfer forderte. Inzwischen sind es weit mehr als 200. „Wieviele Menschen tatsächlich an Cholera gestorben sind, kann niemand sagen. Viele siechen zuhause dahin und sterben. Solche Fälle werden nicht erfasst“, sagte Wermter gegenüber der „Tagespost“.

Anfang der siebziger Jahre kam der Geistliche als junger Missionar ins damalige Rhodesien. Er kann sich nicht erinnern, dass es eine menschliche Katastrophe dieses Ausmaßes jemals in Simbabwe gegeben hat. „Cholera war sonst keine Gefahr. Es mag vereinzelt Fälle geben haben. Ich kann mich aber nicht an eine frühere Epidemie erinnern“, sagt er.

Tatsächlich ist Mbare, Zentrum der schwarzen Bevölkerung Harares, schwer gezeichnet. Wo einst das Leben pulsierte, herrscht heute blanke Not. An vielen Stellen der Stadt quillt das Abwasser aus dem Boden. Eine stinkende Brühe, die aus dem maroden Kanalsystem dringt. Aus den oberen Etagen mancher Wohnblocks strömt Abwasser aus löchrigen Abflussrohren über die Fenster der unteren Etagen und ergießt sich in die am Boden aufgehäuften, grässlich stinkenden Müllmassen.

Doch nicht nur in Mbare, sondern an vielen Orten der Stadt ist die Luft mit entsetzlichem Gestank erfüllt. „Das Abwasser läuft offen entlang der Straßen. In einem Stadtteil haben die Menschen Brunnen gegraben, um an frisches Wasser zu gelangen, denn auch die Wasserversorgung ist katastrophal. In diesen Brunnen ist Abwasser gesickert – eine tödliche Mischung“, berichtet Wermter und fügt hinzu: „Simbabwe hat nach der Unabhängigkeit im Jahr 1980 von den früheren weißen Machthabern eine gut ausgebaute Infrastruktur übernommen – ohne sie später zu warten, auszubauen oder zu erneuern. So verfällt alles allmählich. Der wirtschaftliche Niedergang des Landes tut sein Übriges. So gibt es keine Chemikalien mehr, die man für die Trinkwasseraufbereitung braucht. Und die simbabwischen Ingenieure, die die Systeme vielleicht noch reparieren könnten, haben das Land längst verlassen.“

Auf mehr als 1 100 soll die Zahl der Cholera-Toten in Simbabwe bis Ende der letzten Woche gestiegen sein, teilte das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) in Genf mit. Insgesamt gebe es derzeit mehr als 20 000 Verdachtsfälle von Cholera-Infektionen. Am vergangenen Montag hatte das OCHA noch von rund 978 Cholera-Toten gesprochen.

„Die vernichtende Cholera breitet sich weiter aus“, erklärte das OCHA und berichtete von einem neuen Infektionsherd in der Region Chegutu nahe Harare. Insgesamt wurden aus neun der zehn Provinzen in Simbabwe Cholera-Fälle gemeldet.

Die Behörden Simbabwes hatten mit widersprüchlichen Aussagen über die Epidemie internationalen Zorn auf sich gezogen. Nachdem sie zunächst den „nationalen Notstand“ ausriefen, erklärten sie die Seuche wenig später für „unter Kontrolle“. Der seit 28 Jahren regierende Präsident Robert Mugabe behauptete sogar: „Es gibt keine Cholera mehr in Simbabwe.“

Eine dreiste Lüge. Manches spricht allerdings dafür, dass die Regierung langsam umdenkt: Wie die Staatszeitung „The Herald“ jüngst berichtete, legten die Regierung und humanitäre Organisationen im Kampf gegen die Cholera ein 19 Millionen Dollar schweres Hilfsprogramm auf (rund 13,6 Millionen Euro).

Doch Oskar Wermter ist skeptisch, dass dieses Geld tatsächlich lockergemacht wird und den Infizierten zugute kommt. „Wenn Mugabe behauptet, dass die Cholera überwunden sei, dann steckt politisches Interesse dahinter. Simbabwe soll in der Welt nicht als failed state gelten, als gescheiterter Staat. Mugabe will sich nicht sagen lassen, dass die Choleraepidemie im Wesentlichen eine Folge seiner schlechten Regierungsführung sei.“

Tatsächlich aber ist sie es. Denn überall im Land grassiert die Armut. Und dort, wo die Versorgung schlecht ist, können sich Krankheitserreger viel schneller ausbreiten.

Krasses Beispiel dafür ist die Hyperinflation. Ein Brot in dem einst als Kornkammer des südlichen Afrika bezeichneten Land kostet inzwischen mehr als 50 Millionen Simbabwe-Dollar. Wermter: „Das Geld zerrinnt den Menschen förmlich in den Händen. Niemand will es auf die Bank bringen, denn man kann es nicht mehr als Bargeld abheben. Der Höchstbetrag, den man auf Anordnung von Gideon Gono, dem Präsidenten der Nationalbank, bekommen kann, ist ein lächerlich kleiner Betrag. Dafür bekommt man so gut wie gar nichts.“

Gideon Gono – der einst als Kritiker der Politik Mugabes bekannt gewordene Wirtschaftsfachmann – ist inzwischen zu einem der am meisten gehassten Leute im Land geworden. Denn Mugabe und seinen Getreuen hilft er, Devisen in US-Dollars ins Ausland zu schaffen. Oskar Wermter bringt es auf den Punkt: „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.“

Auch die Verwaltung sei völlig vernachlässigt worden. „Wenn die Politiker nur eine Priorität haben, nämlich die, an der Macht zu bleiben, und alle Zeit damit verbringen, um den Machterhalt zu kämpfen, dann erlischt der Sinn fürs Gemeinwohl“, sagt der Jesuit.

Die USA, Frankreich und Großbritannien hatten wegen der Choleraepidemie dazu aufgerufen, Mugabe zum Rücktritt zu drängen. Kenias Regierungschef Raila Odinga sowie der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu haben gefordert, notfalls auch gewaltsam gegen den 84-jährigen Mugabe vorzugehen. Dieser Forderung erteilte der Chef des in Südafrika regierenden ANC, Jacob Zuma, jedoch am Donnerstag eine Absage. „Warum eine Militärintervention, wenn es keinen Krieg gibt?“, fragte Zuma im südafrikanischen Rundfunk. Zuma plädierte für diplomatische Bemühungen, um den politischen Konflikt im Nachbarland zu lösen.

Doch die „stille Diplomatie“, wie sie von Südafrika im Fall Simbabwe bereits seit Jahren propagiert wird, ist längst gescheitert. Pretoria hatte das Grenzland zu Simbabwe vor einer Woche zum Cholera-Katastrophengebiet erklärt. Viele Simbabwer suchen in Südafrika Hilfe.

Von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit können bei der Cholera mitunter nur zwei Stunden vergehen. Eben wegen dieser extrem kurzen Inkubationszeit breitet sich die Seuche so schnell aus. Wermter: „Beim Friedensgruß während der Messe geben sich die Menschen jetzt nicht mehr die Hand – aus Angst, sich beim Nachbarn anzustecken.“

Unterdessen hat die US-Regierung sich gegen die Bildung einer Einheitsregierung in Simbabwe mit Robert Mugabe als Präsident ausgesprochen. Man könne die angestrebte Machtteilung zwischen Mugabes ZANU(PF)-Partei und der Bewegung für Demokratischen Wandel (MDC) nicht länger unterstützen, wenn Mugabe Präsident bleibe, sagte die Afrika-Beauftragte der US-Regierung, Jendayi Frazer, am Sonntag im südafrikanischen Pretoria. In Washington habe man kein Vertrauen mehr in Mugabe. Der 84-Jährige habe „jeden Bezug zur Realität verloren“ und den einstigen afrikanischen Musterstaat Simbabwe in einen „gescheiterten Staat“ verwandelt, so Frazer weiter.

Die im September getroffene Vereinbarung zur Machtteilung zwischen Mugabes ZANU(PF) und der MDC von Morgan Tsvangirai müsse „mit einem anderen Präsidenten als Robert Mugabe umgesetzt werden“, sagte die US-Diplomatin. Zugleich kündigte sie an, dass die US-Regierung an Sanktionen gegen Mugabe und seine Getreuen festhalten werde. Mugabe hatte am Wochenende bei einem Parteitag der ZANU(PF) erneut alle internationalen Rücktrittsforderungen zurückgewiesen und seine Landsleute auf Neuwahlen eingestimmt. Die tiefe politische und wirtschaftliche Krise des Landes sei nicht das Ergebnis seiner 28-jährigen Herrschaft, sondern dem schädlichen Einfluss der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien zuzuschreiben.

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