Unbeirrt die „geistige Wende“ gefordert

Zum Tod des konservativen Philosophen Günter Rohrmoser

Noch bis ins hohe Alter hielt Günter Rohrmoser Vorlesungen an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Jetzt ist der Sozialphilosoph im Alter von 80 Jahren gestorben. Rohrmoser gehörte zu den profiliertesten konservativen deutschen Denkern. Seine philosophische Prägung erhielt er in den Nachkriegsjahren als Schüler von Joachim Ritter. Rohrmoser galt als ausgewiesener Hegel-Experte, über den er 1961 auch mit einer Arbeit habilitierte. Bekannt wurde der Mitbegründer des konservativen „Studienzentrums Weikersheim“ vor allem durch seine Kritik an den Autoren der linksliberalen „Frankfurter Schule“ um Theodor Adorno, Herbert Marcuse und später Jürgen Habermas

Der gebürtige Westfale war von 1976 bis 1996 Ordinarius für Sozialphilosophie an der Universität Stuttgart-Hohenheim. 1982 forderte er eine geistige Wende in Deutschland, deren Ausbleiben ihn zu einem scharfen Kritiker der CDU machte. Immer wieder kritisierte er die staatliche Familienpolitik. Eine der reichsten Gesellschaften der Welt verzichte zunehmend auf Nachwuchs und arbeite so an seiner „biologischen Selbstabschaffung“. Ein Volk müsse aber nicht nur Interesse an seiner biologischen, sondern auch an seiner kulturellen Reproduktion haben. „Das Schicksal der Kultur hängt davon ab, ob es eine Institution gibt, die das erreichte kulturelle Niveau halten kann und nicht abbricht“, sagte der Philosoph bei einer Tagung des konservativen Vereins „Die Wende“.

Die Bandbreite seiner zahlreichen Veröffentlichungen reicht von einer Arbeit zu Shakespeare über die „Landwirtschaft in der Kultur- und Ökologiekrise“ bis zu „Nietzsche als Diagnostiker der Gegenwart“. Doch sein Bezugspunkt war und blieb das Denken aus christlichem Geist, dessen schwindenden Einfluss er beklagte. Lange vor Helmut Kohl hatte sich Rohrmoser für eine „geistige Wende“ ausgesprochen und wollte in diesem Sinne mit Schriften und Reden auf die CDU einwirken, in der er einen Verbündeten sah. Die geistige Wende als Überlebensimperativ. Aber Parteien warten nun einmal nicht unbedingt auf die Ratschläge von Philosophen, und nach dem Abgang Hans Filbingers verlor er seinen wichtigsten Mitstreiter. Da half die Gründung der konservativen Denkfabrik Weikersheim nicht viel weiter, die ihren Nimbus langsam verlor.

Enttäuscht von der Regierung Kohl und seiner CDU setzte Rohrmoser seine Hoffnung auf die CSU, der er empfahl, sich bundesweit auszudehnen. In einem für die Bayern 1985 verfassten Aufsatz mit der Überschrift „Das Debakel“ hieß es: „Jetzt stellt sich heraus, dass die CDU für die Wende weder eine Philosophie, ein Konzept noch gar eine Strategie hatte.“ Die Bewertung Rohrmosers, die CDU sei weitgehend Kohl und seine Person der Ausdruck „einer gewissen Dumpfheit, Provinzialität und eines diffusen Populismus“, fand den Beifall von Franz Josef Strauß. Aber am Ende hörten auch die Bayern nicht auf den Philosophen aus Stuttgart.

Dabei stand Rohrmoser für einen klaren, konservativen Kurs – auch wenn er manchen nicht klar genug war. Rohrmoser aber blieb stets unbeirrbar in seiner Position: Das Konservative ist nichts Gestriges nur für Konservative, sondern für alle, welche die Zukunft lebenswert gestalten wollen. So verficht er in seinem Buch „Kampf um die Mitte. Der moderne Konservativismus nach dem Scheitern der Ideologien“ (Olzog Verlag, 1999) die Wiederkehr des geschichtlichen Denkens, die Wiederherstellung der Familie und eine entsprechende Kinder- und Familienpolitik. Der Staat könne nur eine geistige Legitimation beanspruchen und einfordern, wenn der Bürger sich mit ihm identifiziere, was nur möglich sei, wenn der Staat ein christlich begründeter Rechtsstaat sei, der die Demokratie als Verbindung von Nation und Staat verstehe. Weil aber nur das Christentum den inneren Ausgleich zwischen der Freiheit des Einzelmenschen und der Gemeinwohlverpflichtung darstelle, was weder Liberalismus noch Sozialismus vermögen, sieht Rohrmoser im Christentum die unverzichtbare Grundlage unserer Kultur. Das aber bedeutet auch konsequentes Handeln, etwa in Fragen von Abtreibung und Lebensschutz. Rohrmoser wirkt nach.

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