Überholtes Familienbild

Eigentlich langweilig. Margot Käßmann spricht sich gegen das Betreuungsgeld aus und offenbart damit ein überholtes, um nicht zu sagen reaktionäres Familienbild. Zwar behauptet sie das Gegenteil und redet einer Modernität das Wort, die vor allem für das Berliner Establishment gilt. Dort hat man keine Zeit mehr für Kinder. Aber ein wirklich modernes Familienbild, das sich an den Ergebnissen der Hirn-und Bindungsforschung orientiert und nicht an den Schlagzahlen der Wirtschaft, sagt immer deutlicher: Individuelle Zeit für Kinder bedeutet Investition in den Menschen, in sein Humanvermögen, seine Bildung und Innovationsfähigkeit. Das setzt freilich eine gewisse Elternkompetenz (inklusive die vitaminreiche, abgestimmte Nahrungszubereitung, vulgo: Kochen) und den guten Willen voraus, die Zeit mit dem Kind auch zu nutzen und nicht zu vergeuden, etwa vor dem Fernseher. Das gilt vor allem für die ersten drei, vier Jahre, die Zeit, in der sich das Gehirn formt und die Grundlagen für die Sprache gelegt werden. Über die Zeit danach kann man durchaus diskutieren.

Das Betreuungsgeld erleichtert es, von den einschlägigen Forderungen des Bundesverfassungsgerichtes mal abgesehen, die Frau Käßmann offenbar nicht kennt, dass Mütter ihre Elternkompetenz ausspielen können, weil sie dadurch Zeit gewinnen. In vielen Fällen müssen nämlich beide Eltern ganztägig arbeiten, um finanziell über die Runden zu kommen. Das Betreuungsgeld hat also eine doppelte Funktion: Es bekämpft die Familienarmut – die auch Frau Käßmann als das „Bedrückendste“ sieht – und es fördert die Elternkompetenz. Dass einige Eltern das Geld nicht gut verwenden würden, ist eine reale Sicht der Dinge. Aber das kommt auch bei Ärzten, Politikern, Journalisten und Bediensteten der Kirchen vor. Sollte man ihnen deshalb den Lohn kürzen? lim

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