Übergangsweise

In Donauwörth befinden sich Flüchtlinge zwischen den Welten. Nach den Strapazen der Flucht gelingt Integration nur mit gutem Willen. Von Benedikt Winkler
Foto: Winkler | Sybille Jakobs und Frank Kurtenbach am Eingang des Ankerzentrums in Donauwörth, welches über 600 Asylbewohner beherbergt.

In Donauwörth steht eine von sieben Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge in Bayern. Aus der Alfred-Delp-Kaserne wurde ein sogenanntes „Ankerzentrum“. Mehrere Häuser befinden sich auf dem Gelände des Barackendorfes: Registrierungsstelle, Sicherheitsdienst und ein Wohnhaus für Familien. Alleinstehende Frauen und Männer wohnen separat, es gibt ein Jugendamt, einen Transitbereich und eine Kleiderkammer. Kamen die meisten Flüchtlinge 2015 aus den Kriegsgebieten wie Syrien und Afghanistan, haben sich mittlerweile die Herkunftsländer verändert. „Die meisten der 602 Asylbewohner stammen aus der Türkei (65 Prozent) und aus Gambia (30 Prozent), einige wenige aus Eritrea, Pakistan und Äthiopien“, sagt Sybille Jakobs vom Malteser-Hilfsdienst. Die toughe blonde Frau mit der blauen Malteser-Weste rührt in ihrem Kaffee. Neben ihr sitzen Carina Roskopf, eine junge Sozialarbeiterin, und Frank Kurtenbach, der für die Regierung von Schwaben arbeitet. „Türken kommen meist auf dem Luftweg, Gambier über den Seeweg“, meint er.

Niemand macht sich freiwillig auf die Flucht

Seit Januar 2018 seien 18 000 Afrikaner in Italien, 15 000 in Griechenland und 22 000 in Spanien angelandet. Der Wunsch nach besseren Lebensbedingungen fernab von Dürre, Korruption und mangelhafter Rechtsstaatlichkeit treibt sie an, die Strapazen der Reise über das Mittelmeer auf sich zu nehmen. „Niemand macht sich freiwillig auf die Flucht in ein Land, dessen Sprache er nicht kennt“, sagt Kurtenbach. Mehrere tausend Euro kostet eine Flucht nach Europa, häufig erpressen Schlepperbanden die Familien, die in den afrikanischen Ländern geblieben sind.

Wer es bis nach Donauwörth geschafft hat, schwebt nicht mehr in akuter Lebensgefahr, aber die Angst vor Abschiebung ist groß. Immer wieder kommt es vor, dass alkoholisierte Asylanten am Bahnhof Passanten anpöbeln. „Sie gehen, wann sie wollen und bleiben wann sie wollen“, meint Jakobs. Negativ-Schlagzeilen prägen die Presselandschaft. Dabei wird häufig übersehen, dass es auch viele lobenswerte Initiativen gibt, zu nennen sei die Aktion Anker, Kinderstube, Garten. Im Winter helfen Asylbewohner Donauwörthern auch mal beim Schneeschippen – im Gegenzug gibt es Kleidung und Spielsachen.

Asylbewohner mit einer höheren Bleibeperspektive arbeiten in 80-Cent-Jobs, maximal 20 Stunden die Woche oder in anderen sogenannten „FIMs“, Flüchtlings-Integrationsmaßnahmen. Carina Roskopf kann ein weiteres Beispiel nennen für gelungene Integration: Als beim sechswöchigen WM-Public Viewing Asylbewohner Zettel mit ihren Namen auf die Bank legten, um sich ihren Platz zu reservieren. „Integration pur“, scherzt sie, „wie die Deutschen mit dem Handtuch“. Als Frankreich gegen Kroatien spielte, hat sie eine professionelle Popcornmaschine besorgt, dazu gab es Chips, Cola und Fanta. „Am Freitag wird es für die Frauen und Familien ein Fest geben“, sagt sie. Dafür backen die Muslimas aus der Türkei gerade Süßgebäck.

Ein Pakistani und ein Kurde berichten

Besonders stolz ist Ahmed Danish auf die letzten eineinhalb Jahre. Der gebürtige Pakistani war zunächst in Augsburg. Nach dem Integrationskurs und dem Abschluss mit dem Sprachniveau B1, arbeitet er als Mitarbeiter bei den Maltesern. So schnell kann Integration gehen. Dass jeder Asylbewohner unterschiedliche Erfahrungen und Traumata mitbringt, ist selbstredend. Dafür gibt es auf dem Gelände eine Traumastation, wo ein erfahrener Traumatherapeut in Gruppen- oder Einzelsitzungen Dinge aufarbeitet, die die Psyche der Geflohenen belasten.

Burun Ahmet kann von vielen Traumata erzählen. Er ist politischer Aktivist aus der Türkei, er gehört der kurdischen Volkspartei an. Manche seiner Parteigenossen sitzen in Haft, er konnte fliehen. Sollte er aus Deutschland abgeschoben werden, dann will er nach Afrika, nach Syrien, aber nicht in die Türkei. Denn dort drohe ihm lebenslange Haft.

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