Türkei: Brasilianische Kicker fordern „Gebetsstätte“ auf Trainingsgelände

Sorgt der Fußball für eine neue Kirche in der alten Konzilsstadt Chalkedon?

Beim türkischen Rekordmeister Fenerbahçe Istanbul steht die Welt Kopf. Nach immer mehr Toren haben sich in der letzten Saison die Torschützen bekreuzigt, der Brasilianer Alex de Souza, Kapitän und Spielführer des türkischen Vereins, führt mit Abstand die türkische Torschützenliste an. Mehr als die Hälfte der durchschnittlich eingesetzten Spieler tragen längst keine türkischen oder muslimischen Namen mehr, sondern ganz christliche. Diese haben jetzt gefordert, auf dem Trainingsgelände des Vereins eine christliche Gebetsstätte zu errichten. Was jahrzehntelanger internationaler Druck, ein vom Papst verkündetes Paulusjahr und die Intervention prominenter Bischöfe und Politiker nicht bewirkt haben, nämlich den Bau oder die Wiedereröffnung einer neuen Kirche in der Türkei, scheint eine Handvoll südamerikanischer Fußballstars beim türkischen Rekordmeister Fenerbahçe Istanbul nun schneller zu erreichen: die Eröffnung einer neuen christlichen Gebetsstätte auf türkischem Boden.

Fenerbahçe ist nicht irgendein Fussballverein in der Türkei, es ist eine nationale Institution. Der Fußballclub Fenerbahçe“ wurde im Jahr 1907 in Kadiköy, dem alten byzantinischen Chalkedon, wo im Jahre 451 das wohl wichtigste ökumenische Konzil der alten Kirche stattfand, auf der asiatischen Seite der Bosporus-Metropole gegründet, als noch 50 Prozent der Bewohner der Stadt zumeist griechische Christen waren. Damals hieß Istanbul auch noch offiziell Konstantinopel, in Anerkennung des Stadtgründers Kaiser Konstantin, der 306 in Trier seinen Aufstieg zur Macht begonnen hatte. Fener ist laut eigenen Angaben, heute mit 162 352 Mitgliedern nach Benfica Lissabon und dem FC Barcelona der mitgliederstärkste Sportverein der Welt. Der Verein hat nicht nur Millionen Fans in der Türkei, sondern in der ganzen Welt. Seine Homepage bietet der Verein neben Türkisch auch in Deutsch, Englisch und Portugiesisch. Seit mehr als 100 Jahren gehört Fenerbahçe zu den führenden türkischen Sportvereinen, deswegen wird der Club auch als „der Große“ bezeichnet. Seine Erfolge erzielte der Club in den letzten Jahrzehnten allerdings immer mehr mit ausländischen Spielern und Trainern. Zu den Trainern des Vereins gehörten u.a. der derzeitige deutsche Nationaltrainer Jogi Löw und Christoph Daum. Derzeitiger Trainer ist der ehemalige spanische Nationaltrainer Luis Aragones, der 2008 mit dem Spruch: „Wenn wir den EM-Titel holen, pilgere ich auf dem Jakobsweg“ Furore machte.

Wie die türkische Presse berichtete, beantragte der brasilianische Mannschaftskapitän Alex de Souza beim Vereinsvorstand im Januar die Einrichtung einer Kirche auf dem Trainingsgelände am asiatischen Ufer des Bosporus. Er stellte die Forderung im Namen aller acht christlichen Spieler bei „Fenerbahçe“. Neben dem Brasilianer de Souza spielen vier weitere Brasilianer, zwei Spanier, ein Chilene und ein Uruguayer im Team von Fenerbahçe. Sie alle wollen in der Kapelle „ungestört ihren Glauben ausüben“, wie die Zeitung Hürriyet seinerzeit berichtete. Der Vereinsvorstand äußerte sich bisher noch nicht zu dem Ansinnen. Dies wird der Vereinsvorstand jedoch bald tun müssen, denn der 31-jährige Alexsandro de Souza löste mit der Forderung nach einer christlichen Gebetsstätte auf dem Trainingsgelände des Sportvereins eine heftige Kontroverse aus, die nicht nur türkische Medien bis heute beschäftigt, sondern auch in deutsch-türkischen Fan-Foren im Internet ihren Niederschlag findet.

Während einige Fans Verständnis für die christlichen Spieler äußerten, griffen andere den Mannschaftskapitän stark an. „Dann geh doch nach Brasilien zurück, Alex“, ist in manchen Foren zu lesen. Genau das tut der Fußballstar jedoch nicht: Auch wenn die Entscheidung über eine Kirche für die christlichen Spieler bei dem türkischen Verein noch aussteht, hat Alex de Souza jüngst seinen Vertrag bis 2011 verlängert.

Die Chancen für eine eigene Kirche für die Fußballlegionäre in Fenerbahçe stehen nicht schlecht. Obwohl der Islam in der Türkei Staatsreligion ist und in dem Land seit 90 Jahren mit einer Ausnahme für Touristen vor einigen Jahren keine neue Kirche mehr erbaut wurde, ist der Fußball für viele Bürger der laizistischen Türkei so etwas wie eine Ersatzreligion geworden, für die man sogar bereit ist, „Heilige Kühe“ zu schlachten. Die Fußballstars von der Copacabana sind in der Türkei schon so etwas wie Halbgötter, für die man nun sogar bereit sein dürfte, eine Kirche zu bauen.

Themen & Autoren

Kirche