Washington

Trumps Viganò-Tweet: „Zeichen des Himmels“ oder politisches Kalkül?

Der offene Brief Erzbischof Viganòs an US-Präsident Trump und dessen Twitter-Reaktion sorgen in den USA für gemischte Gefühle.

US-Präsident Trump
Mit seiner Unterstützung für Erzbischof Viganò erhofft Trump sich möglicherweise den Rückhalt konservativ katholischer Wähler. In seinen Beziehungen zum Vatikan begibt er sich mit seinem Tweet zu Viganòs Brief jedoch auf diplomatisches Glatteis. Foto: Patrick Semansky (AP)

„So honored by Archbishop Viganò’s incredible letter to me. I hope everyone, religious or not, reads it!”, twitterte US-Präsident Donald Trump am 10. Juni mit Bezug auf einen offenen Brief von Erzbischof Carlo Maria Viganò und brachte diesen damit erneut ins mediale Rampenlicht. „So geehrt durch Erzbischof Viganòs Brief an mich. Ich hoffe, jeder, religiös oder nicht, liest ihn!" Sowohl der Brief selbst als auch der Tweet Trumps sorgen aktuell in den USA für gemischte Reaktionen.

Bei Katholiken des konservativen  Spektrums sind beide vor allem auf zustimmende Begeisterung gestoßen, wie zahlreiche Retweets und Kommentare zeigen. Der in konservativen Kreisen bekannte Autor und Aktivist Taylor Marshall hat nach einem lobenden Kommentar bereits ein gut 50-minütiges Video ins Netz gestellt, in dem er auf Aspekte des Briefes genauer eingeht. The Remnant, eine traditionalistisch katholische Nachrichtenseite sieht in Trumps Würdigung des Viganò-Briefes im Zusammenspiel mit dessen jüngster Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil ein “Zeichen Gottes, dass die “Traditionell katholische Gegenrevolution nicht umsonst war“.

Viganò und Trump: vereint im biblischen Kampf gegen das Böse

In einem offenen Brief hatte sich Viganò, der von 2011 bis 2016 Apostolischer Nuntius in den USA war, an US-Präsident Trump gewandt und die aktuellen politisch-gesellschaftlichen Ereignisse in den Vereinigten Staaten und weltweit als „biblische“ Frontenbildung zwischen den „Kindern des Lichtes“ und den „Kindern der Dunkelheit“ interpretiert. Das auf den Dreifaltigkeitssonntag, den 7. Juni, datierte zweieinhalbseitige Schreiben wurde bereits am Tag davor auf der konservativ-katholischen Webseite Lifesitenews veröffentlicht. Viganò spricht darin von einem „deep state“, einem „Staat im Staate“, der ebenso wie auch eine „deep church“ an einer neuen Weltordnung nach freimaurerischen Prinzipien arbeite. Viganò lobt Trump außerdem für seinen Einsatz für das ungeborene Leben und die verfolgten Christen. „Ich wage zu glauben, dass wir beide in diesem Kampf auf der gleichen Seite sind, wenn auch mit unterschiedlichen Waffen“, schreibt der Erzbischof und ruft „die Kinder des Lichtes“ zur Zusammenarbeit auf.

The Tablet: Eine „Attacke“ auf den Papst

Kritiker sehen in Trumps Tweet zu Viganòs Brief vor allem ein politisches Kalkül. Angesichts sinkender Umfragewerte unter Katholiken brauche Trump die Unterstützung eines katholischen Erzbischofs, so das Jesuitenmagazin „America“ – obgleich es einer sei, der seine Vorliebe für Verschwörungstheorien teile. Viganò greife zwar Papst Franziskus nach wie vor an, Umfragen zeigten jedoch, dass US-Katholiken in insgesamt hoch achten.

Dem katholischen britischen Magazin The Tablet zufolge könnte Trumps Tweet allerdings auch das Gegenteil zufolge haben. The Tablet beurteilt die Unterstützung Trumps für den Franziskus-kritischen Viganò als „Attacke“ auf den Papst, die nicht nur die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan belasten, sondern auch weitere Verluste unter katholischen Wählern nach sich ziehen könnte.

Der Vatikan selbst hat auf den Tweet des Präsidenten noch nicht offiziell reagiert. Welche Folgen Trumps Verbrüderung mit Erzbischof Viganò sowohl auf US-politischer wie auch auf diplomatischer Ebene haben wird, bleibt also noch offen. 

DT/ama

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