Terror und Verwüstung in Ninive

Maronitischer Patriarch Rai mahnt irakische Dschihadisten zum Dialog – Kardinal Marx ruft zur Solidarität mit verfolgten Christen auf
Foto: dpa | Schaulustige besichtigen das von den IS-Terroristen zerstörte Grabmal des Jona. Er wird auch von Muslimen als Prophet verehrt.
Foto: dpa | Schaulustige besichtigen das von den IS-Terroristen zerstörte Grabmal des Jona. Er wird auch von Muslimen als Prophet verehrt.

Bagdad/Beirut (DT/dpa/KNA) Der maronitische Patriarch Bechara Rai hat die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) zum Dialog aufgerufen. „Menschlichkeit ist das einzige, was wir mit euch teilen. Lasst uns reden und eine Verständigung auf dieser Basis suchen“, sagte das Oberhaupt der Maroniten laut der libanesischen Zeitung „Daily Star“. Die mit Rom verbundene maronitische Kirche ist die größte christliche Gemeinschaft im Libanon. „Ihr verlasst euch auf die Sprache der Waffen, des Terrorismus, der Gewalt und der Einflussnahme. Wir verlassen uns auf die Sprache des Dialogs, der Verständigung und des Respekts für andere“, so Kardinal Rai. Zugleich fragte der Patriarch die Islamisten, was die Christen in Mossul und im übrigen Irak getan hätten, „dass sie mit solchem Hass und Schmähung behandelt werden“.

Die Terrorgruppe IS, die in den vergangenen Monaten Teile des Irak und Syriens unter ihre Kontrolle bringen konnte, hatte vor einer Woche die letzten verbliebenen Christen unter Todesdrohungen aus Mossul vertrieben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen handelte es sich um rund 3 000 Personen. Christen lebten seit frühkirchlicher Zeit in Mossul. Vor der US-Invasion 2003 waren es noch rund 50 000.

Die Terrormiliz IS geht in den von ihr eroberten Gebieten zunehmend auch gegen andere sunnitische Gruppen vor. Wie das Nachrichtenportal Sumaria News am Freitag berichtete, stellten die Dschihadisten in der Provinz Dijala fünf sunnitischen Gruppen, die eigentlich an ihrer Seite gegen die Regierung in Bagdad kämpften, ein 48-Stunden-Ultimatum. Demnach müssen die Kämpfer sich innerhalb dieser Frist entweder unterordnen, die Region verlassen oder mit Bestrafung rechnen. Die bekannteste betroffene Gruppe ist die Nakschbandi-Miliz, die aus alten Anhängern Saddam Husseins besteht. In der nördlichen Provinz Ninive setzten die Extremisten die Zerstörung wichtiger Kulturstätten und Heiligtümer fort. Wie Sumaria News von lokalen Beobachtern erfuhr, sprengte die Miliz am Donnerstag die Grabstätte des Propheten Jona in der Region Mossul. Anschließend hätten Bulldozer die Ruine dem Erdboden gleichgemacht. Die Dschihadisten folgen dabei, wie einst die Wahhabiten auf der arabischen Halbinsel, einer besonders strengen Auslegung des Koran. Um einen Heiligenkult zu verhindern, sind selbst Grabstätten von Gefährten des Propheten Mohammed nicht vor Zerstörung sicher.

Im Irak sind nach Angaben der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ mehrfach Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen beschossen und aus der Luft angegriffen worden. Wie die Hilfsorganisation am Donnerstag in Berlin mitteilte, seien dadurch zehntausende Zivilisten von dringend benötigter medizinischer Versorgung abgeschnitten. Die Organisation rief die Konfliktparteien dazu auf, medizinische Einrichtungen zu respektieren und die Sicherheit des Personals zu garantieren. Betroffen seien vor allem der Norden und das Zentrum des Landes, berichtete die Organisation. In Shirqat und Tikrit seien Krankenhäuser nach mehrfachem Beschuss evakuiert worden. Die Organisation arbeitet nach eigenen Angaben derzeit mit mehr als 300 Mitarbeitern in dem Land; sie unterstützt drei Krankenhäuser und mobile Kliniken.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat sich bestürzt über das Ausmaß der Christenverfolgung im Irak gezeigt. „Hier muss eine Erschütterung durch Europa gehen, durch unser Land, dass wir nicht nur Mitleid haben, sondern auch Solidarität“, sagte Marx am Donnerstagabend im Münchner Liebfrauendom. Er appellierte an die politisch Verantwortlichen, sich für die verfolgten Christen einzusetzen.

Besorgt äußerte sich Kardinal Marx, der zugleich Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, auch über die Sprengung schiitischer Moscheen im Irak durch Islamisten. Die „führenden Muslime in der ganzen Welt“ rief er auf, sich davon zu distanzieren. So könnten sie deutlich machen, dass das nicht ihre muslimische Tradition sei, andere Menschen zu verfolgen und zu töten, und Gotteshäuser – ob Moscheen oder Kirchen – niederzubrennen.

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