Syrischen Christen droht „Exodus“

Westerwelle spricht vom „Erosionsprozess“ des Regime Assads – Militärische Lage in und um Aleppo spitzt sich dramatisch zu
| Nur wenige Bilder aus und um Aleppo können die Nachrichtenagenturen übermitteln: Diese Aufnahme vom vergangenen Donnerstag soll eine muslimische Familie zeigen, die auf der Flucht aus einem Vorort der syrischen ...
| Nur wenige Bilder aus und um Aleppo können die Nachrichtenagenturen übermitteln: Diese Aufnahme vom vergangenen Donnerstag soll eine muslimische Familie zeigen, die auf der Flucht aus einem Vorort der syrischen ...

Wien/Damaskus/Aleppo (DT/KNA/dpa) Die militärische Lage um und in der syrischen Millionenstadt Aleppo hat sich gestern dramatisch zugespitzt. Die USA sprachen von einem drohenden Massaker. „Es sieht so aus, als ob das Regime sich dafür in Stellung bringt“, so die Sprecherin des US-Außenministeriums, Victoria Nuland. Aber auch die Gegner von Präsident Assad sagten, dass sie sich für die „Mutter aller Schlachten“ rüsteten. Bundesaußenminister Guido Westerwelle äußerte gegenüber dem ZDF-„Morgenmagazin“, es sei offensichtlich, dass ein „Erosionsprozess“ auch im Regime von Assad begonnen habe: „Wir sehen zunehmend Kräfte innerhalb des Militärs, die Assad den Rücken kehren.“ Westerwelle kündigte an, dass Deutschland seine humanitäre Hilfe für syrische Flüchtlinge um drei auf elf Millionen Euro aufstockt, die für Nahrungsmittel, medizinische Hilfe und Wasserversorgung verwendet würden.

Derweil hat die österreichische Lobbygruppe „Christian Solidarity International“ vor negativen Konsequenzen für syrische Christen gewarnt, sollte die Regierung von Baschar al-Assad stürzen. In diesem Fall drohten den Kirchen „irakische Zustände“ mit politischer Unsicherheit und hoher Arbeitslosigkeit, zitierte die Organisation am Freitag den Leiter eines katholischen Zentrums in Damaskus, Hanna Ghoneim. Die Folge wäre ein „Exodus ungeahnten Ausmaßes bis nach Europa“, so der Priester. Die Lage sei „extrem ernst geworden, gerade für uns Christen“, sagte Ghoneim.

Bislang sei die christliche Minderheit ebenso wie Assads Religionsgemeinschaft der Alawiten ein integrierter und gleichberechtigter Teil der Gesellschaft. Unter der bisherigen Regierung gebe es eine „friedliche Koexistenz zwischen den Religionen“. Westliche Medien stünden zumeist auf Seiten der Rebellen und böten ein verzerrtes Bild der Lage. So bleibe unbeachtet, dass etliche Kämpfer aus Kreisen der radikal-islamischen Salafisten stammten. „Wenn solche Eiferer an die Macht kämen, hätte die christliche Minderheit im Land nur noch eine Option: den mühsamen Weg der Emigration gehen“, sagte der Ordensmann.

Inzwischen seien in Syrien rund 120 000 einheimische Christen geflohen. Die meisten hielten sich in Damaskus auf. In Homs verbliebene 200 Christen dienten den dort kämpfenden Rebellen als „lebendige Schutzschilde“. Über ihre Lage gebe es keine genaue Auskunft, so Ghoneim. Unterdessen wiesen Priester des Salesianerordens in Syrien die Darstellung westlicher Medien zurück, in dem Land sei ein Bürgerkrieg im Gang. Es handele sich vielmehr um eine von langer Hand geplante Destabilisierung des Landes, erklärte die römische Ordenszentrale unter Berufung auf Telefonate mit Ordensangehörigen in Damaskus und Aleppo. Die große Mehrheit der Aufständischen sei aus Libyen, Afghanistan und Jordanien eingeschleust und mit modernsten Waffen ausgerüstet. Die Rebellen gingen mit Morden und Plünderungen gegen die syrische Bevölkerung vor. Diese selbst beteilige sich nicht an dem Aufstand.

Allerdings setzen sich mittlerweile auch frühere Parteigänger Assads wie die syrische Parlamentsabgeordnete Ichlas Badawi ab. Sie ist damit die erste Abgeordnete des in diesem Mai unter Regimeaufsicht gewählten Parlaments, die sich von der Führung in Damaskus losgesagt hat. „Ich habe mich in die Türkei begeben, aus Protest gegen Unterdrückung und bestialische Folter, die gegen das Volk in Syrien angewendet werden“, sagte die Politikerin am Freitag dem Satellitensender Sky News Arabia. Badawi saß für die herrschende Baath-Partei im Parlament und vertrat die derzeit umkämpfte nördliche Metropole Aleppo im syrischen Parlament. Auch die syrischen Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emirate und Zypern haben sich von Assad distanziert.

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