Damaskus

Syrische Nagelprobe

Der offene Brief, der die US-Sanktionen gegen Syrien anprangert, ist nicht nur ein Zeichen gegen die drohende humanitäre Katastrophe. Katastrophe. Zehn Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges sind die Verhältnisse wie eingefroren. Wegen verhüllter geopolitischer Ziele steht das orientalische Christentum vor der Ausrottung.
Essensausgabe in Aleppo
Foto: Jan-Niklas Kniewel (dpa) | ARCHIV - Essensausgabe der UN-Welternährungsorganisation in Aleppo am 07.02.2013. Ein Mann versucht der Menschentraube zu entkommen, ein älterer Mann klammert sich ängstlich an die Tür des Hauses, um nicht von seinem ...

Das vergessene Land kehrt zurück. An seinem ersten Amtstag konfrontieren Hilfsorganisationen und Patriarchen Joe Biden mit einem offenen Brief, der die US-Sanktionen gegen Syrien anprangert. Es ist nicht nur ein Zeichen gegen die drohende humanitäre Katastrophe. Zehn Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges sind die Verhältnisse wie eingefroren. Immer noch unterstützen die USA Rebellen; immer noch kämpfen russische Truppen vor Ort; immer noch besetzen Truppen des NATO-Mitgliedes Türkei samt dschihadistischen Helfershelfern den Norden; immer noch ist die kurdische Frage völlig offen.

Keine Bekehrung zur christlichen Demokratie

Lesen Sie auch:

Begnügt sich der neue Mann im Weißen Haus mit der trump schen Bewahrung des Status quo? Oder führt Biden die interventionistische Politik der Prä-Trump-Ära fort, welche die Integrität von autoritären, aber stabilen Nationalstaaten erschüttert hat, die ein Mindestmaß an Wohlstand und Sicherheit für ihre Minderheiten gewährten? Von der Zerstörung der nahöstlichen Ordnung haben die anti-staatlichen, tribalen und religiösen Kräfte profitiert, namentlich der Iran, der eine Brücke von der libanesischen Küste bis nach Teheran aufbauen konnte.

Dass die Bekehrung zur christlichen Demokratie, die wie Ungarn das Leid der orientalischen Christenheit anprangert, unter dem Katholiken Biden ausbleiben wird, zeigt sich an der Besetzung des Außenministeriums. Der "Falke" Antony Blinken hat den Einmarsch in den Irak, die Intervention in Libyen und die Bewaffnung syrischer Rebellen unterstützt. Die Eliten haben eine Rechnung mit Assad offen, den einzigen Machthaber, den die Amerikaner bisher nicht stürzen konnten. Es sei Verrat an den Idealen der Rebellen, die sich gegen ihn aufgelehnt hätten, würde man sich mit der Situation arrangieren. Es sind Ideale, die geopolitische Ziele verhüllen, und derentwegen das orientalische Christentum vor der Ausrottung steht. Die Sanktionsfrage ist nur ein Fragment der Nagelprobe namens Syrien. Dass der Demokrat Biden den Irak-Krieg einer nicht-republikanischen Öffentlichkeit bereits 2003 schmackhaft machte, lässt wenig Hoffnung für den leidgeplagten Orient zu.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Im Parlament in Caracas hat die „Chavistas“ ein Bild ihres verstorbenen Anführers Hugo Chávez aufgestellt.
Caracas

Venezuela steht am Abgrund Premium Inhalt

Die humanitäre Katastrophe in Venezuela hat sich extrem verschärft, doch Machthaber Maduro sitzt fest im Sattel. Die Kirche kritisiert einen falschen Oppositionskurs.
07.03.2021, 13  Uhr
Marcela Vélez-Plickert
Themen & Autoren
Marco Gallina Humanitäre Desaster

Kirche