Damaskus

Syriens nicht endende Tragödie

Seit zehn Jahren tobt ein grausamer Stellvertreter-Krieg. Er hat das Land in Blut und Tränen getaucht und das fragile Mosaik der Religionen zerstört.
10. Jahrestag des syrischen Bürgerkriegs
Foto: Anas Alkharboutli (dpa) | Menschen schwenken eine Fahne der syrischen Opposition während einer Massendemonstration zum zehnten Jahrestag des Beginns des syrischen Bürgerkriegs.

Begleitet von westlichen Illusionen begann Mitte März 2011 der Aufstand gegen das Assad-Regime in Syrien. Seit zehn Jahren tobt nun dieser Krieg, der   entgegen zahllosen Medienberichten - nie ein "Bürgerkrieg" war. Viele Mächte kämpfen auf syrischem Boden, ringen um Einfluss und Macht in diesem Schlüsselstaat des Orients, an der Wegkreuzung von Schia und Sunna. Russland und der Iran retteten aus unterschiedlichen Motiven das Regime von Bashar al-Assad und sehen die regierungskontrollierten Gebiete als ihre Einflusszone; die Türkei, Saudi-Arabien, die Emirate, Katar und der Westen setzen   wiederum aus unterschiedlichen Gründen   auf den Sturz von Assad und unterstützten die Rebellen.

600.000 Menschen kamen ums Leben

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Etwa 600.000 Menschen kamen in diesem Krieg ums Leben, bis zu 13 Millionen wurden aus ihren Häusern und Dörfern vertrieben oder flohen vor Terror, Chaos und Gewalt. Die Hälfte von ihnen wandert als Binnenflüchtlinge von Dorf zu Dorf, viele andere flohen in die Nachbarstaaten oder über diese nach Europa. 90 Prozent der Einwohner Syriens leben heute unter der Armutsgrenze. "Wenn ich durch die Straßen von Damaskus gehe, sehe ich lange Schlangen von Menschen vor den Bäckereien, die geduldig darauf warten, bis sie an der Reihe sind, um Brot zu vom Staat subventionierten Preisen zu kaufen   oft das einzige Lebensmittel, das sie sich leisten können", schildert der Nuntius in Damaskus, Kardinal Mario Zenari, auf Radio Vatikan die Situation. Die Armut sei heute dramatischer als in den härtesten Jahren des Krieges.

Zehntausende Syrer werden vermisst. "Für viele Kinder gibt es keine Väter, manchmal auch keine Mütter", klagt Kardinal Zenari. "Für viele von ihnen gibt es kein Zuhause." Zudem fehle es an Schulen, Krankenhäusern und medizinischem Personal. Die Christen vieler Konfessionen und Riten, die vor dem Krieg zehn Prozent der Einwohner Syriens stellten und mehr Religions- oder wenigstens Kultusfreiheit genossen als in fast allen anderen Staaten mit islamischer Mehrheit, wurden vielfach Opfer dieses Blutbads. Das "Mosaik des vorbildlichen Zusammenlebens zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen" sei schwer beschädigt, sagt der Nuntius. "Unersetzliches kulturelles Erbe fiel diesem Konflikt zum Opfer und das Land ist heute in verschiedenste Einflusszonen aufgeteilt", bilanziert Stefan Maier vom Hilfswerk "Initiative Christlicher Orient" (ICO).

Hilfe von Außen unerlässlich

Zu Krieg, Terror und Chaos kamen die Wirtschaftssanktionen der USA und die Corona-Pandemie. "Die Menschen brauchen dringend Hilfe für Nahrungsmittel, Medikamente und Miete. Ohne Hilfe von außen werden viele Menschen diese dramatische humanitäre Lage nicht überleben", meint der melkitische Priester Hanna Ghoneim, der mit seiner "Stiftung Korbgemeinschaft" der notleidenden Bevölkerung Syriens hilft. Offiziell wurde der militärische Krieg gegen die sunnitischen Terroristen von Al-Nusra und IS im April 2018 beendet, doch bis heute hätten "die Islamisten noch immer Macht in Idlib und Umgebung", so Ghoneim. Die Wirtschaftssanktionen des Westens treiben Inflation und Arbeitslosigkeit in die Höhe. Viele Jungen wollten darum Syrien den Rücken kehren. Ghoneim weiß: "Die Menschen verarmen bis an den Rand zur Hungersnot. Sie verlieren zusehends an Lebenskraft."

Vor wenigen Tagen kündigte Papst Franziskus auf dem Rückflug von Bagdad nach Rom an, auch den vom Syrien-Krieg und den Flüchtlingswellen schwer getroffenen Libanon besuchen zu wollen. Dem "gemarterten und geliebten Syrien" sei er verbunden. Beim Angelusgebet am Sonntag lud er die Gläubigen zum Gebet für das Land ein, "damit so viel Leid im geliebten und gequälten Syrien nicht vergessen wird und damit unsere Solidarität die Hoffnung wiederbelebt". Die Konfliktparteien rief der Papst zu neuen Anstrengungen auf, damit die Waffen schweigen. Doch das Ringen der Regional- und Weltmächte um Syrien geht unvermindert weiter.

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