Syriens Christen haben keine Hausmacht

Der Einfluss der Radikalen nimmt zu, so Martin Lessenthin von der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“. Von Clemens Schlip
Foto: Archiv | .
Foto: Archiv | .
Deutschlands Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) lehnt Sonderhilfen für syrische Christen ab. Die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM) kritisiert das. Weshalb?

Grundsätzlich möchte ich dazu feststellen, dass die Muslime die Möglichkeit haben, nach dem Ende der Kämpfe nach Hause zurückzukehren. Die Christen hingegen verlieren ihre Heimat endgültig. Die Innenstadt von Homs, wo die meisten Christen wohnen, ist bereits zerstört. Ihre Häuser sind unbewohnbar oder geplündert. Auch wenn das muslimisch-christliche Verhältnis relativ entspannt war, haben die Christen dennoch keine eigene Hausmacht und keine Möglichkeit, sich gegen andere Gruppen effektiv zu schützen. Die Situation entwickelt sich in Syrien ähnlich wie im Irak: Christen fliehen, nachziehende Muslime besetzen die noch intakten Häuser.

Gibt es bei den Kampfhandlungen in Syrien Hinweise darauf, dass Christen davon besonders in Mitleidenschaft gezogen werden? Kann man von einer gezielten Strategie der kriegsführenden Parteien sprechen?

Ja. Insbesondere in Homs, aber auch in anderen Städten, sind besonders die Innenstädte von den Kampfhandlungen betroffen und zerstört, auch weil die Rebellen besonders in diesen Stadtteilen aktiv waren und sind. Hier aber leben die meisten Christen. Sie sind auch Opfer von Strategien: Rebellen, die selbst nicht in diesen Stadtteilen ihre eigenen Häuser haben, kämpfen dennoch an dieser Stelle und nicht in ihren eigenen Wohnvierteln. Anfangs waren bei den Kämpfen solche Strategien nicht zu erkennen.

Lässt sich dabei ein Unterschied zwischen den regulären Streitkräften des Assad–Regimes und den Rebellen ausmachen?

Der Einfluss radikal-islamischer Gruppen auf die Rebellen hat zugenommen. Das bedeutet natürlich auch, dass Feindseligkeiten gegenüber Christen in der Luft liegen. In Syrien lebte die christliche Minderheit in der Vergangenheit, verglichen mit anderen arabischen Staaten, relativ unbehelligt. Syrien hat während des Exodus' der irakischen Christen den wohl größten Teil der Flüchtlinge aufgenommen. Die Flüchtlinge aus dem Irak – Muslime und Christen – haben die ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage in Syrien noch einmal belastet. Vor allem hat ein Teil der syrischen Christen die Nähe des Regimes gesucht. Christen sind unter den Assads auch in der jüngsten Vergangenheit in höchste Ämter aufgestiegen. Das belastet natürlich jetzt die Stellung der syrischen Christen und lässt sie um die Zukunft bangen.

Gibt es in der muslimischen Mehrheitsbevölkerung eine grundsätzlich anti-christliche Stimmung oder ist das eher eine Minderheit, die Vorurteile gegen Christen hat?

Es ist eine radikale Minderheit. Auch im Irak ist es übrigens eine gewaltbereite radikale Minderheit, und wir sehen am Leiden der irakischen Christen, welches Gefahrenpotenzial von einer solchen Minderheit ausgeht.

Wie könnte und sollte eine effektive Hilfe für die Christen in Syrien von deutscher Seite oder überhaupt von Seiten der westlichen Staatengemeinschaft her aussehen?

Diese Hilfe kann nur von europäischer und amerikanischer Seite ausgehen. Deutschland alleine kann das nicht schultern. Wichtig ist, dass möglichst viele Christen in der Region bleiben, nicht nur in Syrien, sondern auch in der Nachbarschaft. Ein Exodus nach Europa löst dieses Problem nicht, sondern ist im Grunde Verlockung für gewaltbereite radikal-islamische Elemente, in anderen Ländern Ähnliches zu wiederholen. Es muss eine europäische Antwort geben, und an dieser Antwort müssen auch solche Länder sich beteiligen, die traditionell eine starke christliche Bevölkerung haben, beispielsweise Polen.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann