Sunnitisches Großreich als Ziel

ISIS ist dabei, die Lage im Nahen Osten zu destabilisieren und zu verändern. Von Klaus Wilhelm Platz
Foto: dpa | Freiwillige sammeln sich zum Widerstand gegen die ISIS, etwa hier im zentralirakischen Kerbala, wo Schiiten den von Sunniten ermordeten Imam Hussain verehren.
Foto: dpa | Freiwillige sammeln sich zum Widerstand gegen die ISIS, etwa hier im zentralirakischen Kerbala, wo Schiiten den von Sunniten ermordeten Imam Hussain verehren.

Die im Irak vorrückende Gruppierung ISIS ist zwar aus dem Netzwerk al-Qaida entstanden, aber dessen oberster Chef, Ayman Zawahari, distanziert sich heute von dem unbotmäßigen Sprössling wegen dessen Brutalität und Fanatismus. „Die Angewohnheit der ISIS-Leute, ihre Gegner öffentlich zu enthaupten, gefangen genommene Soldaten einfach zu erschießen und all dies dann auf Video zu verbreiten, schadet dem Ruf von al-Qaida“, erklärte Zawahiri kürzlich im Streit mit ISIS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi.

Die Abkürzung ISIS bedeutet „Islamischer Staat im Irak und Syrien“, wobei das Schluss-S im Arabischen für „al-Sham“ steht. Dieses Wort bezeichnet nicht etwa die heutige „Arabische Republik Syrien“ (as-Suriyya), sondern den historischen Begriff „Großsyrien“, ein Syrien, das wie die römische, die byzantinische und auch die osmanische Provinz dieses Namens auch den Libanon und Palästina samt dem heutigen Israel einschloss. In Europa ist für diese Gesamtregion das italienische Wort „Levante“ üblich.

Zahlenmäßig sind die ISIS-Kämpfer ihren Gegnern im Irak und Syrien unterlegen. Britische Militärexperten schätzen sie auf 6 000 Kämpfer im Irak und 3 500 bis 5 000 in Syrien. Unter ihnen befinden sich mindestens 3 000 Ausländer, vor allem Tschetschenen aus Russland, aber auch Inhaber westeuropäischer Pässe. Die offizielle irakische Armee ist ihnen zahlenmäßig weit überlegen, aber es fehlt ihr an Zusammenhalt und Kampfmoral. Viele ihrer Soldaten sind bei der Eroberung der irakischen Millionenstadt Mossul am 10. Juni – oft unter Zurücklassung von Waffen und Uniformen – einfach geflohen. So war es für die Dschihadisten leicht, Armeebasen zu überrennen, Kriegsgerät zu erbeuten, Gefängnisse zu öffnen und Banken zu plündern. Bei den eroberten Waffen handelt es sich um neueste amerikanische Lieferungen an die schiitisch dominierte Regierung von Ministerpräsident Nouri al-Maliki in Bagdad sowie Fahrzeuge und schweres Gerät, darunter sechs Kampfhubschrauber von Typ Black Hawk.

ISIS fielen auch Banknoten im Wert von etwa 430 Millionen Dollar in die Hände, welche die Gruppierung vorläufig von finanziellen Zuwendungen, die ihr bisher aus verschiedenen arabischen Staaten zuflossen, unabhängig macht. Außerdem verstärken inzwischen hohe Bestechungs- und Schutzgelder aus den eroberten Gebieten die Kriegskasse der Dschihadisten.

ISIS setzt in seinen Territorien strenge sunnitische Moralregeln durch: ein absolutes Rauchverbot, keine Musik, kein Fußball und keine unverschleierten Frauen auf der Straße. Im Nordirak erhielt die Gruppe Zulauf durch entlassene sunnitische Offizieren aus Saddam Husseins Zeiten, die eigentlich – so war es mit den Amerikanern bei ihrem Abzug ausgemacht – in die regulären irakischen Streitkräfte eingegliedert werden sollten, was aber die schiitische Regierung in Bagdad aus politischen und konfessionellen Gründen unterließ. Die Berufserfahrung dieser Offiziere, die sie jetzt ISIS zur Verfügung stellen, dürfte wesentlich zum raschen Erfolg des dschihadistischen Eroberungsfeldzugs im Irak beigetragen haben. Heute kontrolliert ISIS einen breiten Streifen Land in Ost- und Nord-Syrien sowie im westlichen und nördlichen Irak in der Größe des Königreichs Jordanien.

Präsident Obama hatte ursprünglich geglaubt, nach dem Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak – und aus Afghanistan – sich den Prioritäten der amerikanischen Innenpolitik widmen und weltpolitisch auf Asien konzentrieren zu können. Jetzt ist wieder von militärischer Hilfe für den Irak die Rede, zwar nicht durch Bodentruppen, aber durch Luftschläge. Washington hat inzwischen einen Flugzeugträger in die Region entsandt.

Teheran sicherte den „schiitischen Brüdern“ in der Bagdader Regierung uneingeschränkte Solidarität zu. Einheiten der Revolutionsgarden sollen hierfür bereit stehen oder schon die irakische Grenze überschritten haben. Irans Präsident Rohani hat den USA Zusammenarbeit angeboten, deren Annahme die politische Gesamtszene verändern würde. Im Nordosten des Irak hat der offiziell nur „autonome“ Kurdenstaat während der Eroberung von Mossul durch die ISIS die benachbarte Großstadt Kirkuk mit ihren Ölfeldern besetzt. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie durch den ISIS-Einfall im Nordirak die Welt um einen gefährlichen Konfliktherd reicher geworden ist. Ein anderer Aspekt der neuen Situation ist, dass beim Fall von Mossul 80 bis 100 Türken, darunter ihr Konsul, in die Gefangenschaft von ISIS gerieten. Wenn dieses Problem nicht rasch gelöst wird, könnte das NATO-Mitglied Türkei auf den Gedanken kommen, den „Bündnisfall“ nach Artikel 5 des NATO-Vertrags für sich zu reklamieren.

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