Subtile Angriffe auf den Glauben

Rat der Europäischen Bischofskonferenzen warnt vor religionsfeindlichen Tendenzen in Europa – Solidarität mit US-Bischöfen
Foto: dpa | Wo die Religionsfreiheit bedroht ist, müssen Christen Einspruch erheben. Die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen in Europa haben dies jetzt getan.
Foto: dpa | Wo die Religionsfreiheit bedroht ist, müssen Christen Einspruch erheben. Die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen in Europa haben dies jetzt getan.

St. Gallen/Edinburgh (DT/KNA/cm/rg) Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) warnt vor religionsfeindlichen Tendenzen in Europa. In einer Erklärung zum Abschluss ihres Jahrestreffens im schottischen Edinburgh bemängeln die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Europas eine Abdrängung der Kirche in die private Sphäre. Dies geschehe zumeist „subtil“, mitunter auch durch direkte Eingriffe des Staates in die Religionsfreiheit. Diese Entwicklungen stünden im Gegensatz zu einer gleichzeitig bestehenden „profunden Sehnsucht nach Gott“.

Vor diesem Hintergrund und angesichts einer nicht zuletzt durch die Wirtschaftskrise verursachten weit verbreiteten Verunsicherung solle die Neuevangelisierung und das öffentliche Glaubenszeugnis gefördert werden. Maßgeblich für ihr Gelingen sei dabei eine „intellektuelle Erneuerung“ der Kirche bei der Glaubensverkündigung. Zudem unterstreichen die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen ihre Unterstützung für den Widerstand der katholischen Kirche in den USA gegen Eingriffe in die Religionsfreiheit. Staatliche Tendenzen zu einer einschränkenden Sicht dieses Grundrechts gefährdeten die öffentliche Präsenz des christlichen Glaubens.

Im Gespräch mit dieser Zeitung rief der Sekretär des CCEE, Monsignore Duarte da Cunha, am Mittwoch dazu auf, Christen sollten sich religionsfeindlichen Entwicklung entgegenstellen. „Sie sollen keine Angst haben und ihre Religion nicht in die Privatsphäre drängen lassen!“ Religionsfeindliche Tendenzen macht Duarte da Cunha, beispielsweise beim Thema Familie aus. Das katholische Eheverständnis gerate durch staatliche Regelungen zunehmend in Bedrängnis. Es könnten Situationen entstehen, in denen es für die Kirche schwieriger sein wird, ihre Lehre von Ehe und Familie zu verteidigen. Besonders religionsfeindliche Tendenzen sieht Duarte da Cunha in England. Anders verhalte es sich in den osteuropäischen Ländern. „Nach der Zeit des Marxismus und Kommunismus hat man die grundlegende Bedeutung religiöser Werte für das Leben des Menschen erkannt.“

Martin Kugler, Leiter des Wiener „Dokumentationsarchivs der Intoleranz gegen Christen“, betonte am Mittwoch gegenüber dieser Zeitung, dass Religionsfeindlichkeit in Europa zunehmend in rechtlichen Bestimmungen einen „Widerhall“ finde. „Immer mehr Länder sind von dem Phänomen rechtlicher Einschränkungen betroffen.“ Die Diskriminierung gläubiger Menschen zeige sich insbesondere im Arbeitsrecht oder im schulischen Bereich, beispielsweise bei Fragen der Sexualerziehung. Eine koptische Angestellten von British Airways sei suspendiert worden, weil sie bei der Arbeit ein Kreuz getragen haben. Und in Spanien hätten unter der sozialistischen Regierung Zapateros etwa 50 000 Elternpaare geklagt, weil sie ihre Elternrechte durch das als verpflichtende Ergänzung zum Religionsunterricht eingeführte Fach Staatsbürgerkunde beschnitten sahen. Kugler befürchtet, dass die Diskriminierung angesichts kultureller Veränderungen weiter zunehmen wird, sieht aber auch positive Anzeichen. „Die Sensibilität und das Unrechtsbewusstsein ist in manchen Kreisen, auch bei internationalen Organisationen, stärker geworden.“ So habe sich die OSZE in den vergangenen Jahren „erstaunlich gut und klar“ zu diesem Thema geäußert. „Das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen“, meint Kugler.

Aktuelle Diskussionen in den Vereinigten Staaten, aber auch in Deutschland illustrieren indes die Dinglichkeit der bischöflichen Warnung vor Einschränkungen der Religionsfreiheit. In den USA drängen die katholischen Bischöfe nach dem Supreme-Court-Urteil zugunsten der Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama auf eine Beseitigung grundlegender Mängel des Gesetzes. Die Bischofskonferenz kritisiert unter anderem die in der Reform vorgesehene Regelung zur Finanzierung von Abtreibungen, einen fehlenden Schutz von Gewissensfreiheit sowie eine unfaire Behandlung von Migranten. In Deutschland sorgt unterdessen das Kölner Beschneidungs-Urteil für anhaltenden Diskussionen. Der Richterspruch wurde auch von Seiten der Bischofskonferenz scharf kritisiert. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hatte geäußert, Christen erwarteten gemeinsam mit Juden und Muslimen, dass höherrangige Gerichte „diesen Eingriff in die Religionsfreiheit zurücknehmen“. „Derartigen Tendenzen, die Religionsfreiheit und damit das religiöse Erziehungsrecht von Eltern in Deutschland einzuschränken, ist entschieden entgegenzutreten“, betonte Meisner. Das Kölner Landgericht hatte erstmals in Deutschland die Beschneidung aus religiösen Gründen als strafbare Handlung gewertet. Der Kölner Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani bezeichnete dieses Urteil als „Triumph des Vulgärrationalismus“. Darin drücke sich eine letztlich „fundamentalistische“ Geisteshaltung aus, die den eigenen Verstand absolut setze.

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