Stumpfes Schwert

Der Dalai Lama kommt, europäische Politiker empfangen ihn, Peking schäumt. Spätestens seitdem Angela Merkel das Oberhaupt der Tibeter letztes Jahr in Berlin empfangen hat, steht dieses Stück auf dem Spielplan der europäisch-chinesischen Beziehungen. Selbiges wird auch jetzt wieder gegeben, da sich der Dalai Lama anschickt, den EU-Ratsvorsitzenden Sarkozy zu treffen und vor dem Europäischen Parlament in Brüssel zu sprechen. So medienwirksam sie sind: Genutzt haben die demonstrativen Gesten der Europäer den ihrer Rechte beraubten Tibetern bisher nicht.

Daran ist zum Einen die Tatsache schuld, dass Lern- und Empörungskurve in Peking nicht deckungsgleich sind. Dass sich die Chinesen so schwertun, die Kritik des Westens zu verstehen, hat aber historische Gründe, die das kollektive Gedächtnis der han-chinesischen Bevölkerungsmehrheit bis heute bestimmen. Deren Selbstbewusstsein, dem ältesten noch bestehenden staatlich verfassten Kulturvolk anzugehören, erlitt durch den westlichen Kolonialismus und den Imperialismus der Japaner derart tiefe Verletzungen, die nach allgemeinem Empfinden erst die Kommunistische Partei energisch zu heilen verstand. Garant der nationalen Einheit zu sein: Nicht zuletzt darauf gründet ihre Legitimation. Ausländische Interventionen wecken deshalb böse Erinnerungen und festigen den Zusammenhalt zwischen Partei und Volk.

Schuld ist zum Anderen aber auch, dass die Europäer mit einem stumpfen Schwert kämpfen. Angesichts der Wirtschaftsverflechtungen ist an dessen Schärfung etwa durch ökonomische Sanktionen ernsthaft nicht zu denken. Andere als symbolpolitische Pfeile stecken derzeit wohl nicht im Köcher. Ob sie ihr Ziel irgendwann nicht doch erreichen, weiß man aber nur, wenn man sie auch abschießt. om

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