Streit um Homosexualität

Der Zusammenhang zwischen Homosexualität und Missbrauch bekommt neue Brisanz durch eine Äußerung von Papst Franziskus. Von José García

VSeit Wochen wird ein möglicher Zusammenhang zwischen Homosexualität und Missbrauch in der katholischen Kirche kontrovers diskutiert. Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller wurde sowohl vom Essener Generalvikar Klaus Pfeffer als auch von Jesuitenpater Klaus Mertes scharf angegriffen, nachdem er auf einen solchen Kontext hingewiesen hatte. Mertes nannte den Zusammenhang gar „abgründig falsch“. Was allerdings von einer aktuellen Studie des amerikanischen Ruth Institute widerlegt wird: Die „homosexuellen Subkulturen“ in katholischen Priesterseminaren könnten – heißt es darin – zu einer Atmosphäre beigetragen haben, „die einen Missbrauch von Minderjährigen durch homosexuelle Kleriker wahrscheinlicher machte“.

Auf Homosexualität im katholischen Klerus ging jüngst Papst Franziskus in einem Interviewband des spanischen Theologen Fernando Prado ein. Der Heilige Vater drängt auf eine strengere Prüfung von Priesteramts- und Ordensanwärtern: „Wir müssen strikt sein. In unseren Gesellschaften scheint Homosexualität geradezu eine Mode

zu sein, und dieses Denken beeinflusst in gewisser Weise auch das Leben der Kirche.“ Dagegen spielte wieder einmal Jesuitenpater Klaus Mertes die Diskriminierungs-Karte aus: „Ist Homosexualität eine Modeerscheinung? Sicherlich hat des Thema Homosexualität seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit eine große Konjunktur, manche finden sogar: eine zu große Konjunktur.“ Der Grund liege aber daran, dass die Homosexuellen diskriminiert würden. Und weil sich Diskriminierung als Totschlagargument erweist, wirft Mertes Papst Franziskus im Zusammenhang mit dessen Aussage „Im Ordens- und Priesterleben gibt es keinen Platz für eine solche Art von Zuneigung“ Diskriminierung vor. Für den Jesuitenpater sei dies „keineswegs bloß eine deskriptive Aussage, sondern ein diskriminierender Akt, ein Akt der Ausgrenzung – letztlich gegenüber allen Homosexuellen in der Kirche.“

Richtig ist allerdings, dass mit seiner Äußerung Papst Franziskus einen Schritt weiter als die im Dezember 2016 veröffentlichte Instruktion der vatikanischen Kleruskongregation „Das Geschenk der Berufung zum Priestertum“ geht. Darin heißt es, vom Priesteramt ausgeschlossen seien praktizierende Homosexuelle sowie Männer, die „tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte homosexuelle Kultur unterstützen“. Einem Kommentar in L’Osservatore Romano zufolge bedeute dies aber keinen generellen Ausschluss von Homosexuellen vom Priesteramt.

Mit der Frage hatte sich auch die spanische Bischofskonferenz bei ihrer Vollversammlung vom 19. – 23. November beschäftigt. Eine Woche vor Bekanntwerden der Aussagen von Papst Franziskus bekräftigten die spanischen Bischöfe das Recht der Kirche, „die Priesteramtskandidaten auszuwählen und ihr Profil zu wählen“. Laut ihrem neuen Sekretär Weihbischof Luis Javier Argüello von Valladolid sollen die Priesteramtskandidaten „von Geschlecht männlich, von Gender männlich sein. Gleichzeitig darf ihre sexuelle Neigung nicht in der Anziehung zum selben Geschlecht bestehen“. Bedeutet dies, dass spanische Priesterseminare keine Männer mit homosexuellen Neigungen zulassen werden? Auf Anfrage der „Tagespost“ antwortete der Pressesprecher der spanischen Bischofskonferenz José Gabriel Vera lediglich: „Wir halten uns an die Worte, die Papst Franziskus vor ein paar Tagen sprach. Sie können dazu auch ‚Das Geschenk der Berufung zum Priestertum‘ auf der Vatikan-Website heranziehen.“

Bedeutet aber die Äußerung des Papstes eine verschärfende Interpretation der „tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen“ in der Vatikan-Instruktion? Soll jede Bischofskonferenz, jeder Diözesanbischof die Bedingungen für die Aufnahme von Priesteramtskandidaten ebenfalls verschärfen? In jedem Fall bleibt das Thema Homosexualität in katholischen Priesterseminaren ein aktuelles Thema.

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