Stabwechsel in Rom

Nach der Politikerin und Merkel-Vertrauten Annette Schavan wird der versierte Diplomat Michael Koch Botschafter beim Vatikan. Von Guido Horst
Michael Koch
Foto: dpa | Michael Koch ist der neue deutsche Botschafter beim Vatikan.
Michael Koch
Foto: dpa | Michael Koch ist der neue deutsche Botschafter beim Vatikan.

Nach einer Politikerin wieder ein ausgewiesener Diplomat, nach einer Frau wieder ein Mann, nach einer Katholikin nochmals ein Katholik: Der für das Auswärtige Amt arbeitende Völkerrechtsexperte Michael Koch wird die Merkel-Vertraute und ehemalige Bundesministerin Annette Schavan auf dem Posten des Botschafters der Bundesrepublik beim Heiligen Stuhl beerben. Beide sind 62 Jahre alt – aber das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Schavan musste nach ihrem Rücktritt vom Ministeramt, nachdem ihr die Universität Düsseldorf 2013 wegen Plagiatsvorwürfen den Doktortitel aberkannt hatte, mit einer schweren beruflichen und persönlichen Krise fertig werden. Koch dagegen hat eine brillante Karriere hinter sich, die ihn zuletzt zum Leiter der Rechtsabteilung im Bonner Außenministerium und zum Völkerrechtsberater der Bundesregierung machte. Zuvor war er bereits Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Pakistan und Afghanistan und deutscher Botschafter in Pakistan.

In ihrer vierjährigen Amtsperiode in Rom ab Sommer 2014 hat Frau Schavan dann nochmals Statur gewonnen. Es war eine bewegte Zeit. Der ein Jahr zuvor zum Benedikt-Nachfolger gewählte Franziskus führte die Kirche in den synodalen Prozess zu Ehe und Familie, es folgten das Heilige Jahr der Barmherzigkeit mit zahllosen Veranstaltungen und der Umbau der Kurie, den der Jesuiten-Papst dem Vatikan verordnet hat. Die idyllische Lage der von Alexander von Branca geplanten und 1984 eingeweihten Botschaftsgebäude im römischen Nobelviertel Parioli, für die der Münchener Star-Architekt auch jeden Stuhl und jeden Türrahmen eigens gestylt hat, mögen die deutsche Botschafterin zusätzlich beflügelt haben, ihre Räumlichkeiten auch für manche Hintergrundgespräche kirchlicher Persönlichkeiten zur Verfügung zu sein. Frau Schavan lud ein, trat auf und war präsent, auch im Campo Santo Teutonico, der deutschen Enklave gleich neben dem Petersdom. Die ehrgeizigen Absichten des deutschen Konferenz-Vorsitzenden Reinhard Kardinal Marx, die alteingesessene Instituten mit einer Erzbruderschaft, einem Priesterkolleg und einem römischen Institut der Görres-Gesellschaft unter seine Kontrolle zu bringen, soll die Botschafterin wohlwollend begleitet haben.

Deutsche Kirche ist Frau Schavan nicht fremd. Als ehemalige Abteilungsleiterin im Generalvikariat des Bistums Aachen, dann als Geschäftsführerin des Cusanuswerks, der Begabtenförderung der deutschen Bischöfe, und als Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken war ihr das kirchliche Parkett vertraut – einschließlich der Agenda, die sich der deutsche Laienkatholizismus seit der Würzburger Synode auf die Fahne geschrieben hat. Sie war Mitgründerin des Landesverbands von „Donum Vitae“ in Baden-Württemberg und berät diesen von den Bischöfen kirchlich nicht anerkannten Verein zur Schwangerenberatung als Mitglied des Stiftungskuratoriums. Einen Kurswechsel im Vatikan hat Frau Schavan als Botschafterin allerdings nicht anstoßen können. Auch ansonsten achtete sie auf das Gebot der Ausgewogenheit in ihrem Amt. Zwar mag sie in der Frage der Kommunionzulassung Kardinal Walter Kasper näher gestanden haben als den späteren Kritikern von „Amoris laetitia“, aber in ihre Residenz lud sie Kasper ebenso ein wie Kardinal Gerhard Müller, Erzbischof Georg Gänswein oder Kardinal Brandmüller. Vertreter von Medien aller weltanschaulichen Richtungen hatten in ihrer Botschaft Gelegenheit zu Hintergrundgesprächen mit Persönlichkeiten aus Kirche und Politik.

Der „Neue“ auf dem Stuhl des Botschafters beim Vatikan stammt aus einer Diplomatenfamilie, wurde in Kansas City in den Vereinigten Staaten geboren, besuchte Schulen in Europa, Kanada und Marokko und schlug nach dem Jurastudium in Deutschland die Laufbahn als Fachmann für Internationales Recht ein. 1986 trat Koch in den Auswärtigen Dienst ein. Er promovierte 1990 in Bonn zum Doktor der Rechte und arbeitete zwischen 1991 und 1995 im Büro des Koordinators der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, Werner Weidenfeld. Später war er Leiter des Sonderstabes Afghanistan im Auswärtigen Amt in Berlin. Anschließend übernahm er die Aufgabe eines Sonderbeauftragten der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan. Koch hat drei Kinder und ist mit der Juristin Ingrid Jahn-Koch verheiratet. Bekannt ist der neue Botschafter für seine akribische Arbeitsweise und ein hohes Fachwissen.

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