Wien

"Soziale Distanz ist für das Menschsein kontraproduktiv"

Anstelle des traditionellen Parlamentarischen Gebetsfrühstücks fand in Wien eine abendliche Gebetsfeier mit wenig Präsenz und vielen Videozuschaltungen statt - im Zeichen von Gott, Gebet und Menschenwürde.
Jugendseelsorger Georg Mayr-Melnhof
Foto: (Parlamentsdirektion) | Loretto-Gründer Georg Mayr-Melnhof bei seinem Impuls im Parlament in Wien.

Im Corona-gebeutelten Advent 2020 ist vieles anders: Anstelle eines Parlamentarischen Gebetsfrühstücks mit 200 geladenen Gästen eröffnete die Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler (ÖVP) am Dienstag im Kleinen Redoutensaal zu Wien eine abendliche Gebetsfeier mit wenig Präsenz und vielen Videozuschaltungen. „Hoffnung in der Krise“ war das Leitwort des überfraktionellen und interkonfessionellen Gebetstreffens, das erfreulicherweise tatsächlich vom Gebet geprägt und frei von politischen Appellen war.

In allem einen Anruf Gottes sehen

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Ungewohnt nachdenklich fragte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) danach, was die Corona-Krise in den Menschen ausgelöst habe. „Soziale Distanz ist für das Menschsein kontraproduktiv.“ Bundesratspräsidentin Andrea Eder-Gitschthaler (ÖVP) meinte, dass wir „nicht alle Umstände unseres Lebens als Gott-gewollt verstehen, aber in allem einen Anruf Gottes sehen“ könnten. Glaube und Hoffnung hätten in den dunkelsten Kapiteln der Geschichte Österreichs eine große Rolle gespielt. Die Präsidentin der zweiten gesetzgebenden Kammer rezitierte dazu Psalm 23.

Ebenfalls physisch präsent, setzte Waltraud Klasnic, einst erste weibliche Regierungschefin eines österreichischen Bundeslandes, heute Präsidentin des „Dachverbandes Hospiz Österreich“, starke Akzente: Angesichts der seit Monaten währenden Verhandlungen des Verfassungsgerichtshofs über Klagen gegen das Verbot der „Tötung auf Verlangen“ und der „Mitwirkung am Selbstmord“ erinnerte sie an „die Würde am Ende des Lebens“, zitierte einen Arzt mit den Worten, die Verkürzung des Lebens zähle nicht zu seinen Aufgaben und meinte wörtlich: „Mutter Teresa würde sagen: Das Leben ist wertvoll, zerstöre es nicht!“

Hoffnung trotz Wüstenerfahrung

Klasnic, die nach Ende ihrer politischen Karriere 2010 unabhängige Opferschutzbeauftragte der katholischen Kirche und 2017 auch noch des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) wurde, ließ mit einer weiteren Aussage aufhorchen: „Missbrauch und Gewalt in der Kirche sind nicht einmal zwei Prozent aller Fälle.“
Als Impuls-Redner war auch der Gründer der in Salzburg beheimateten Loretto-Gemeinschaft, Georg Mayr-Melnhof, ins Parlament eingeladen. Er zitierte Franz Kafka, Leo Tolstoi und C.S. Lewis, und berichtete überaus persönlich von seinem Glaubensweg. Aufgewachsen in einer bekannten katholischen Familie war seine Kindheit von christlichen Werten und gelebter Kirchlichkeit geprägt. Aber: „Um mich herum gab es Wohlstand und Reichtum, aber in mir war es ganz leer.“ Mit 17 Jahren machte er eine einschneidende Erfahrung, die er rückblickend als „Anfang einer Beziehung mit Jesus“ beschrieb. Nun erst habe er „verstanden, dass die Freundschaft mit Jesus der Schlüssel für das ewige Leben sein wird“. Das Corona-Jahr 2020 bezeichnete Mayr-Melnhof als „Wüstenerfahrung“ und „existenzielle Krise“ für viele Menschen. Umso eindringlicher warb er: „Geben wir Gott in unserem Leben eine Chance!“

Kultusministerin Susanne Raab (ÖVP) lobte in einer Videozuschaltung die Zusammenarbeit mit den 16 anerkannten Religionsgemeinschaften des Landes. Die gute Gesprächsbasis sei seit Jahren etabliert, habe in diesem Jahr jedoch „ihre Tragfähigkeit unter Beweis gestellt“. Andere Länder in Europa hätten religiöse Veranstaltungen durch staatliche Regelungen unterbunden. „Wir in Österreich sind einen anderen Weg gegangen.“ Raab erinnerte daran, dass die Religionsgemeinschaften selbst ihre öffentlichen Gottesdienste während der beiden Lockdowns einstellten, zugleich jedoch die Gotteshäuser immer für das persönliche Gebet geöffnet hielten. „Religion gibt den Gläubigen Halt, Kraft und Hoffnung“, so die österreichische Kultusministerin.

Ebenfalls per Video zugeschaltet, sprachen Vertreter des Judentums und der christlichen Kirchen Gebete. Darunter der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der orthodoxe Metropolit Arsenios, der koptische wie der serbisch-orthodoxe Bischof, der evangelische Landesbischof und der Wiener Oberrabbiner Jaron Engelmayer.

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