Berlin

Sollen Politiker Roboter sein?

Die Reaktionen auf Armin Laschets Lacher im Krisengebiet werfen die Frage auf: Wir fordern ständig Authentizität, aber wollen wir sie wirklich? Ein Kommentar.

Armin Laschet im Krisengebiet
Der Fall Laschet führt uns vor die Frage: Wie echt ist diese Gesellschaft? Foto: Marius Becker (dpa)

„Ein Lachen verändert die Welt.“ Schon einmal als Kalenderspruch gelesen oder von einem Motivationstrainer gehört? Bestimmt, denn heute kommt eigentlich niemand durch sein Berufsleben, ohne nicht irgendwann einmal mit solchen Optimismus-Plattitüden konfrontiert zu werden. Ob das Mitarbeiter-Gespräch mit dem Chef oder das Weiterbildungsseminar, überall wird die Devise ausgegeben: Bloß keine negative Stimmung verbreiten, stattdessen gilt: keep smiling. Das Glas hat gefälligst halb voll und nie halb leer zu sein.

Laschets Lachen veränderte seine Welt

Probleme kann man weglächeln. Trotz dieses allgemeinen Trends zum „Think positive“-Tagesbefehl ist Deutschland aber nicht zur Sunnyboy-Gesellschaft geworden. Ganz im Gegenteil: Denn je stärker der Druck zum professionellen Positiv-Denken zunimmt, um so drückender legt sich eine allgemeine Miesepetrigkeit als Grundstimmung über das Land. Die Menschen spüren ganz offenbar das Unechte, den Mangel an Sinn für Maß und Stil, der dem Zwang zum Dauer-Lächeln innewohnt. Die Folge ist Skepsis: Kann man öffentlich gezeigten Gefühlsregungen noch trauen oder ist alles nur noch Taktik?

Und dann lacht Armin Laschet, Kanzlerkandidat und Ministerpräsident, mitten im Krisengebiet. Und das auch noch während im Vordergrund der Bundespräsident in gesetzten Worten zur Lage der Nation spricht. Laschets Lachen veränderte tatsächlich seine Welt, es brachte seine politische Welt fast zum Einsturz. Dabei ist selbst für die schärfsten Kritiker des CDU-Kanzlerkandidaten völlig klar, dass Laschet sich ganz gewiss nicht über das Leid der Flutopfer lustig machte. Und es war ja eben auch kein Probleme Weglachen. Nein, Laschet war in diesem Moment genau das, was die Stilkritiker sonst immer wortgewaltig von Politikern einfordern: authentisch. Er plauderte unbefangen mit den umstehenden Menschen und dann rutschte ihm eben sein Lachen heraus. Das mag unhöflich gewesen sein. Es war sicherlich auch nicht besonders professionell.

Er kam ohne Drehbuch

Aber was für Politiker wollen wir? Roboter, die von jetzt auf gleich  in den Staatsschauspieler-Modus wechseln? Ist der gute Politiker derjenige, der mit einem festen Drehbuch im Kopf an so einem Schauplatz eintrifft und dann einfach nur noch die Bilder vor Ort nachstellt, die sich seine PR-Experten bereits ausgedacht haben? Wir wissen nicht, mit welchen Kommunikationsbauplänen im Kopf Armin Laschet ins Krisengebiet gekommen ist. Doch die Tatsache, dass sich diese Szene so ereignen konnte, spricht eher dafür, dass er eben nicht ein Drehbuch dabei hatte.

Der Fall Laschet ist ein Symptom. Er führt uns vor die Frage: Wie echt ist diese Gesellschaft, in der ständig Authentizität eingefordert wird, wirklich? Wie sehr sind wir dazu bereit, Heuchelei zu ertragen, ja ihr sogar den Stempel „besonders professionell“ aufzusetzen, so lange sie sich nur eindrucksvoll in Szene zu setzen weiß? Wollen wir nur noch das Glatte, das Bruchlose, das Makellose? Reicht uns die Maske, wenn sie denn nur schön angemalt ist? Persönlichkeit ist aber das, was durch die Maske durchklingt. Dann können wir hören, wofür das Herz des anderen Menschen tatsächlich schlägt, und hören nicht, wofür sein Herz schlagen sollte, wenn er seinem Gegenüber gefallen will. Christen wollen Menschen ohne Maske sein. Und das können sie besonders durch ihr Lachen zeigen. Es ist das österliche Lachen. Und dieses Lachen verändert die Welt. Es ist das Lachen des erlösten Menschen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Hier kostenlos erhalten!