Soap im Elysee

Frankreich legt die Stirn in Falten – Sarkozys Liebesleben berührt die Würde der Grande Nation

Die Zahl der Bezeichnungen für den sechsten Präsidenten der fünften Republik wird unübersichtlich. Die Medien ergehen sich in Geschichten – sie zerreißen sich das Maul, würde der Herr im Elysee sagen. Denn diese Geschichten über sein Privatleben haben seiner Popularität arg zugesetzt. Sie liegt erstmals deutlich unter 50 Prozent. Nun ist das kein Grund für den Politiker Sarkozy, sich Sorgen zu machen. Er ist auf fünf Jahre gewählt und hat noch mehr als vier Jahre vor sich. Auch ist ein Rivale im Lager der Linken nicht sichtbar, die Linke hat noch nicht einmal einen Chef. Ihr stehen die Hahnenkämpfe noch bevor.

Aber die Alternative ist nicht das Problem des Nicolas Sarkozy, das Problem ist er selbst. Seine Sarko-Show und permanente Selbstdarstellung schadet der Politik und der politischen Kultur. Dabei ist Nicolas Sarkozy angetreten, wie er letzte Woche auf der Pressekonferenz im Elysee und auch in seiner Neujahrsansprache schon betonte, Frankreich zu einer neuen „Politik der Zivilisation“ zu führen, den Menschen zu etwas mehr Glück in diesem „harten und schweren Leben“ zu verhelfen. Angesichts seines zur Schau getragenen luxuriösen Liebeslebens klingt das nicht nur wie eine hohle Phrase.

Es ist schlimmer: Es gibt den Präsidenten der Lächerlichkeit preis. Und das vertragen die Franzosen nicht. Ihr Präsident kann machen, was er will. Da ist man tolerant. Mitterrand führte ein bigames Leben im Elysee, nur Insider kannten es, und die Mätresse blieb verborgen wie das gemeinsame Kind mit ihr. Auch über Vorgänger Giscard oder Nachfolger Chirac kursierten Gerüchte der Treulosigkeit und Schürzenjägerei. Aber es blieb bei den Gerüchten. Kein Journalist wagte, die Tatsachen zu veröffentlichen. Es wäre beruflicher Selbstmord gewesen. Es gab den nationalen oder gesellschaftlichen Konsens, dass die persönlichen Verfehlungen diskret und verborgen bleiben sollen. Das Amt hat, so der Konsens der Fünften Republik, eine nationale Würde, es repräsentiert die Grande Nation. Diese nationale Ehre darf nicht beschmutzt werden.

Das ist nicht nur eine Frage der Erhabenheit des Amtes. Es gibt auch eine nationale Eitelkeit, eine Selbstachtung der Nation. Sarkozys Soap im Elysee rührt an dieses Selbstverständnis, sie raubt dem Präsidenten nicht nur Glaubwürdigkeit, sie wird ihn auch auf Dauer das Amt kosten. Selbst wenn seine Politik des Bruchs politisch erfolgreich sein sollte. Ein Rivale ist schnell gefunden, ein Volkstribun, den die Straße auf den Schild heben kann. Das kann der schweigsame und arbeitsame Premierminister Francois Fillon sein, der loyal im Schatten bleibt und den reibungslosen Betrieb des politischen Systems garantiert. Sollte Sarkozy durch die Einflüsterungen seiner Geliebten auf die Idee kommen, Fillon zu entlassen, wäre das der Anfang vom Ende seiner politischen Laufbahn.

La France profonde, das Frankreich der Kirchtürme und der Provinz, das wahre und weite Frankreich, jenes Land, das „Geschichte im Brustkasten atmet“, wie de Gaulle sagte, und das auch geduldig die Eskapaden der Pariser „classe politique“ erträgt, solange diese Klasse das Leben erträglich gestaltet und die Würde der Bürger nicht antastet: Dieses Land kann aufwachen wie ein Drache nach einem Jahrhundertschlaf und dann zuschlagen. Der Dichter Lamartine bezeichnete schon das Volk als ein Ur-Element, die Straße ist in Frankreich in der Tat ein politischer Faktor, der auch außerhalb von Wahlen die Geschicke des Landes bestimmen kann.

Noch ist es nicht soweit, dass die Linke diese Straße massenhaft mobilisieren könnte. Aber das Unbehagen im Volk über die Telenovela von Nico und Carla wird spürbar. Insofern wäre es wünschenswert, wenn der Präsident das Volk tatsächlich mit der Nachricht überraschte, dass er das Model Carla Bruni heimlich geheiratet habe. Und wenn dann die (dritte) Madame Sarkozy auch noch guter Hoffnung wäre, würden das die Franzosen mit einem süffisanten Lächeln zur Kenntnis nehmen. Manche würden vielleicht sogar erleichtert denken, nun renke sich doch einiges ein und hoffentlich ist die Geschichte politisch nun beendet und findet als Fortsetzung über Schwangerschaftsmoden nur noch in den einschlägigen Seiten entsprechender Magazine statt. Wichtig ist, das Privatleben des Präsidenten aus dem grellen Licht der Kameras zu zerren. Hier muss der Präsident lernen. Ob ihm das mit dem Model Carla gelingt, das ja gerne selbst auf den Laufstegen der Welt promeniert? Wenn es ihm nicht gelingt, Privatheit und Intimität vor der Instrumentalisierung durch die Politik zu bewahren, dann wird seine Glaubwürdigkeit im gleißenden Licht der Scheinwerfer verdampfen und auch sein Mandat ernsthaft gefährdet.

Ein Politiker für Geschichten, nicht für Geschichte

Es ist eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis ihm aus dem eigenen Lager ein Satz entgegengehalten wird, den er bei seinem Besuch im Vatikan kurz vor der Ägypten-Reise mit Carla Bruni sagte: „Die Republik hat ein Interesse daran, dass es moralische Erwägungen gibt, die von religiösen Überzeugungen inspiriert sind“. Der Papst hat dazu natürlich diskret geschwiegen.

Sarkozy ist im Wahlkampf mit dem Slogan angetreten, mit alten Gebräuchen und Strukturen zu brechen. „La rupture“ prangte es auf seinen Plakaten. Aber dieser Bruch hat seine Grenzen. Sarkozys politische Dynamik wird wie starke Wellen an den Felsen der Glaubwürdigkeit brechen oder an den Stränden des Selbstwertgefühls der Grande Nation versanden, falls er aus dieser Krise nichts lernt.

Sarkozy ist kein Politiker für die Geschichte, eher für Geschichten. Er interessiert sich nicht für die Vergangenheit, wie er seiner besten Biographin, Yasmina Reza, im Wahlkampf anvertraute, er interessiere sich nur „für heute Nachmittag und morgen früh“. Das Amt aber bringt es mit sich, dass man auch das Gewicht der Geschichte spürt. Dem wird selbst Sarkozy sich nicht entziehen können. Und auch nicht wollen. Seine Parolen von der „Politik der Zivilisation“ sind ein erster Hinweis.

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