So wird Religionsfreiheit beschnitten

Auch Wochen nach dem Urteil spaltet die Diskussion um religiöse Beschneidung die Nation – Ein Zwischenruf. Von Ingo Langner
Foto: dpa | Die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland ist derzeit ungewiss.
Foto: dpa | Die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland ist derzeit ungewiss.

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst der Beschneidung. Alle Mächte der Aufklärung haben sich zu einer unheiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet: Richter, Juristen, Psychoanalytiker und – ganz weit vorn in der Reihe der Jäger und Ankläger - ungemein meinungsstarke Journalisten. Doch wie soll man das alles verstehen? Seit dem 23. Mai 1949 ist das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft und am 26. Juni 2012, also ganze 63 Jahre später, kommt ein Kölner Landgericht zu dem Urteilsschluss, dass religiöse Beschneidungen von Jungen eine „rechtswidrige“ und damit strafbare „Körperverletzung“ darstellen. Schwerer als die Religionsfreiheit wiege das Selbstbestimmungsrecht des Kindes.

Das ist starker Tobak und löste eine die Nation spaltende wild wuchernde Diskussion aus. Auch noch vier Wochen nach dem Urteilsspruch wird die Debatte trotz zahlreicher sachlich klärender Wortmeldungen in einer geradezu irren Widersprüchlichkeit geführt, die offenlegt, welch erschreckende Sinnverwirrung der diabolische Dreiklang Atheismus, Positivismus und Relativismus rund 1 300 Jahre nach Fällung der heidnisch verehrten Donar-Eiche durch Bonifatius in den „germanischen“ Köpfen angerichtet hat.

Weltreligionen vorschreiben, wie sie zu erziehen haben

Völlig vergessen scheint, auf welchem staatsrechtlichen Selbstverständnis die Bundesrepublik Deutschland gründet: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“

Wohlgemerkt: „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ heißt es in der Präambel. Hier ist also keine Rede davon, dass sich die Bundesrepublik auf jene säkularen, dezidiert atheistisch geprägten Ideen gründet, die seit der Französischen Revolution den ins Gnadenlose tendierenden Anspruch erheben, die allein seligmachende Menschenrechtsweltanschauung zu sein. Die, unter der Tarnkappe „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, schon im vierten Revolutionsjahr die Ideologie für ein Terrorregime abgab, dessen blutiges Symbol bis heute die Guillotine ist und mit der die „Feinde der Republik“ massenhaft geköpft worden sind. Und „Feind“ war jeder, der sich weigerte, die „Errungenschaften der Revolution“ zu akzeptieren. Zu denen übrigens, wie sollte es anders sein, auch eine christenfeindliche „Göttin der Vernunft“ gehörte.

In der nämlichen Lage scheint sich heute Deutschland zu befinden. Zumindest, was die Geistesverfassung jener angeht, die es – aus welchen fadenscheinigen „Menschenrechtsgründen“ auch immer – für nötig befinden, zwei großen und uralten Weltreligionen vorzuschreiben, nach welchen religiösen Grundsätzen sie ihre Söhne zu erziehen haben.

Der Theologe Klaus Berger hat in dieser Zeitung bereits darauf hingewiesen, dass er sich der Kritik, die die großen Kirchen an dem Kölner Urteil geübt haben, auch als Neutestamentler anschließen könne. „Denn Beschneidung ist eben nicht nur ein frommer jüdischer Brauch“, so Berger, „sondern ist seit dreitausend Jahren sichtbares Merkmal der Zugehörigkeit zu diesem Gott, zu diesem Volk und zur Verheißungs- und Leidensgeschichte Israels.“

Säkularen geht es um die intellektuelle Diskurshoheit

Darüber hinaus stellte Berger auch klar, dass die seit 2 300 Jahren bekannte Polemik gegen die Beschneidung der Juden „so alt wie die Judenfeindschaft überhaupt“ sei. Denn man habe damals wie heute grundsätzlich nicht verstanden, „dass eine Religion sichtbare und leibhaftige Folgen haben kann. Die sogenannten Aufklärer meinen, Religion sei eine private und rein innerliche, eben geistige Angelegenheit. Jede Art von physischen Folgen wird abgelehnt.“

Womit wir beim Kern dessen angekommen sind, was diejenigen umtreibt, die das Urteil begrüßen und verteidigen. Den Säkularen geht es um die intellektuelle Diskurshoheit in dieser Republik, also um geistige Alleinherrschaft. Sie allein wollen festlegen, was religiöse Menschen zu tun und zu lassen haben. Um dieses totalitäre Gebaren zu rechtfertigen, ist ihnen jedes Argument recht. Scheinbar geht es ums Kindeswohl, scheinbar geht es um körperliche und seelische Unversehrtheit, scheinbar will man muslimische und jüdische Jungen vor lebenslangen Traumata bewahren.

Doch in Wirklichkeit ertragen all diese „Gutmenschen“ es nicht, dass es innerhalb ihrer schönen neuen und ach-so-toleranten Welt immer noch gottgläubige Menschen gibt. Denn ihrer materialistischen Weltanschauung zufolge hätte die Religion im angeblich so „hellstrahlenden Lichte der aufgeklärten Vernunft“ längst auf dem Abfallhaufen der Geschichte gelandet sein müssen. Ist sie aber nicht, und das macht sie kirre.

Was die ganze Angelegenheit über diesen infernalischen Angriff auf die grundrechtlich garantierte freie Religionsausübung und das Erziehungsrecht der Eltern hinaus politisch so brisant macht, ist der nicht allein vom Kölner Landgericht offenbar völlig übersehende Umstand, dass es sich bei dem strafrechtlich relevanten Verbot von religiöser Beschneidung von Jungen auch um einen Frontalangriff gegen die in Deutschland lebenden Juden handelt. Wie geschichtsvergessen müssen deutsche Richter sein, dass sie im Angesicht dessen, was wir Holocaust oder Shoa nennen, zu diesem Urteil kommen konnten? Wie blind dem gegenüber jene Kommentatoren, die das Kölner Urteil am Tag danach gar nicht genug loben konnten und bis heute voller Inbrunst das Hohelied auf die unveräußerlichen Rechte des säkularen Staates anstimmen?

Religionsfreiheit nur noch in Definitionsgrenzen

Müssen wir also angesichts dieser Stimmungslage – und trotz der Bemühungen (fast) aller Parteien des deutschen Bundestages, neue gesetzliche Regeln zu schaffen, nach denen religiöse Beschneidungen hierzulande auch weiterhin rechtlich möglich sind – zu dem Fazit kommen, dass angestrebt wird, das Grundrecht auf Religionsfreiheit nur in jenen Definitionsgrenzen zuzulassen, die selbst ernannte „Menschenrechtler“ den Christen, Muslimen und Juden zubilligen und die sich je nach der gerade angesagten Lage ändern könnten?

Müssen wir künftig damit leben, dass zeitgeistaffine Richter, die heute in Köln (und morgen Karlsruhe?) Urteile fällen, in denen uralte Glaubensgrundsätze beiseite gewischt werden wie Dreck? Heute ist es die jüdische und muslimische Beschneidung – und morgen die christliche Taufe? Es wird sich gewiss nicht nur ein Psychologe auftreiben lassen, der ein „Tauftrauma“ entdeckt.

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