So nicht, Frau Merkel

Von Markus Reder

Es ist ein beispielloser Vorgang. Die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland fordert vom Oberhaupt der katholischen Kirche eine Klarstellung. Mit außergewöhnlicher Schärfe hat sich Angela Merkel in den Streit um den britischen Traditionalistenbischof Richard Williamson eingemischt. Die CDU-Chefin verlangt von Papst Benedikt XVI. eine eindeutige Klarstellung über den Umgang mit Holocaust-Leugner Williamson. Merkel sagte am Dienstag, sie vermisse ein klares Wort des Papstes zu den antisemitischen Äußerungen Williamsons. Es sei normalerweise nicht ihre Aufgabe, innerkirchliche Entscheidungen zu bewerten. Aber es gehe in der aktuellen Debatte um die Leugnung des Holocaust und grundsätzliche Fragen des Umgangs mit dem Judentum. „Deshalb darf das nicht ohne Folgen im Raum stehen bleiben“, so die Bundeskanzlerin. Es müsse seitens des Papstes und des Vatikan sehr eindeutig klargestellt werden, „dass es hier keine Leugnung geben kann, und dass es hier einen positiven Umgang natürlich mit dem Judentum insgesamt geben muss.“

Wer oder was auch immer Angela Merkel zur ihrer Stellungnahme veranlasst haben mag, Sachkenntnis, Klugheit und Fairness waren es jedenfalls nicht. Sowohl die jüngsten Äußerungen des Papstes, wie seine bewegenden Worte beim Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz, seine theologischen Schriften, sämtliche Äußerungen zu diesem Thema sind mehr als eindeutig. Mit großer Klarheit hat der Papst in der vergangenen Woche deutlich gemacht, wie die katholische Kirche über Williamsons Äußerungen denkt und wie sehr ihr der Dialog mit den Juden am Herzen liegt, von denen Benedikt XVI. mit Hochachtung und Liebe als „unsere Brüder, den Trägern des ersten Bundes“ sprach.

Es ist nur konsequent, dass der Vatikan unter Verweis auf die unmissverständlichen Worte des Papstes die Einlassungen der Kanzlerin zurückgewiesen hat. Zu Recht verwies Vatikan-Sprecher Federico Lombardi am Dienstagabend auf die Ansprache von Benedikt XVI. in der Generalaudienz der Vorwoche. Der Papst habe mit aller Klarheit seine „volle und nicht zur Diskussion stehende Solidarität“ mit den Juden erklärt und sich gegen jede Leugnung oder Relativierung der Judenvernichtung ausgesprochen, so Lombardi.

Wer im Blick auf den Holocaust dem Papst mangelnde Eindeutigkeit oder offene Fragen unterstellt, der ignoriert all das sträflich. Mag sein, dass Angela Merkel mit der Kirche politisch die eine oder andere Rechnung offen hat. Die scharfe Kritik führender Kirchenvertreter etwa an ihrer Biopolitik dürfte der protestantischen Pfarrerstochter in den Ohren klingen. Aber das ist ein anderes Thema. Sich als Kanzlerin in innere Angelegenheiten der katholischen Kirche einzumischen und sich dabei zum Instrument derer zu machen, die aus einem „Fall Williamson“ einen „Fall Benedikt“ machen möchten, ist ein ungeheuerlicher Vorgang.

Merkels Wortmeldung fügt sich ein in eine ganze Reihe von Äußerungen der letzten Tage, die genau in diese Richtung zielen. Nach dem „Spiegel“ („Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche“), hat sich hier der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, in besonderer Weise hervorgetan. Der Chef des mächtigen Verlagshauses hat zur Causa Williamson höchst persönlich einen Kommentar verfasst. In der Dienstagsausgabe jener Zeitung, die sich lange für ihre „Wir-sind-Papst“-Schlagzeile gefeiert hat, meinte Döpfner, dem deutschen Pontifex nun sagen zu müssen, wer wirklich unfehlbar ist. In der „Bild“-Zeitung schrieb er: „Papst Benedikt XVI. fügt Deutschland in der Welt großen Schaden zu. Und er belastet seine gesamte Amtszeit mit diesem fürchterlichen Makel.“ Benedikt XVI. bleibe keine andere Wahl, als die Entscheidung zurückzunehmen und sich für seinen Fehler zu entschuldigen.

Das Schlimme am „Fall Williamson“ ist, dass in der veröffentlichten Meinung in Deutschland jetzt alles drunter und drüber geht. In einer völlig überhitzten Diskussion werden – durchaus gezielt – Sachverhalte miteinander vermischt, die auseinanderzuhalten wären. Die Bereitschaft zur differenzierten Betrachtung ist weitestgehend abhanden gekommen. Diese hoch emotionalisierte Stimmung ruft all jene auf die Bühne zurück, die schon lange schäumten, weil ihnen dieser Ratzinger nach seiner Papstwahl aus den Schubladen ihres kleingeistigen Denkens gesprungen war. Dass auch kirchliche Würdenträger den Stichwortgeber für solch altgediente Kritikaster geben, ist freilich mehr als bedauerlich.

Im Vatikan sind im Zusammenhang mit der Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe die Dinge höchst unglücklich gelaufen. Das ist offensichtlich. Fehler und Versäumnisse zum Anlass zu nehmen, all das, was man an Gift und Groll in den letzten Jahren geheim in sich getragen hat, nun über Rom und den deutschen Pontifex zu gießen, offenbart eine Geisteshaltung, die einen schaudern lässt.

Ein Rückfall in alte innerkirchliche Grabenkämpfe nützt niemandem, schadet aber allen. Das gilt nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Gesellschaft. Eine Kirche, die sich selbst lähmt, bringt sich um die Kraft ihres Zeugnisses. Gerade heute braucht die Kirche die ganze Weite der Vernunft und des Glaubens, die dieser deutsche Papst so eindrucksvoll repräsentiert. Wer Benedikt XVI. jetzt gezielt beschädigt oder seine Integrität in Zweifel zieht, der zeigt, dass es ihm in Wirklichkeit gar nicht um das Thema Kirche und Jugendtum geht.

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