Bayonne

Sinnlose Gewalt in Frankreich als Ausdruck einer Autoritätskrise?

Eine junge Polizistin und ein Busfahrer wurden in den vergangenen Tagen in Frankreich zu Opfern einer „sinnlosen Gewalt“. Der Kinderpsychiater Maurice Berger führt diese Taten auf eine schwere Autoritätskrise zurück.

Busfahrer in Frankreich nach Angriff gestorben
Veronique Monguillot (r), Ehefrau von Philippe Monguillot, einem Busfahrer der angegriffen wurde, hält ein Foto von ihr mit ihrem Ehemann während eines Protestmarsches. Foto: Gaizka Iroz (AFP)

Zwei unterschiedliche Tötungsdelikte, die in den Medien hierzulande wenig Aufmerksamkeit erfuhren, führen derzeit zu Unverständnis und Empörung bei der französischen Bevölkerung. Am 4. Juli wurde eine Polizistin bei einer Verkehrskontrolle von einem Autofahrer überfahren, der ohne Führerschein mit 130 km/h viel zu schnell fuhr. Der 26-Jährige, der laut Staatsanwaltschaft „vermutlich Kokain transportierte“, versuchte der von Mélanie Lemée durchgeführten Kontrolle zu entgehen und überfuhr die 25-jährige. Der Tod der jungen Frau löste große Bestürzung bei den Ordnungskräften des Landes aus. Auch ein weiterer Fall, der sich in der südfranzösischen Stadt Bayonne abspielte, sorgt für Aufregung. Der Busfahrer Philippe Monguillot musste sterben, weil er es gewagt hatte, Passagiere zum Vorzeigen ihrer Fahrscheine und zum Aufsetzen einer Maske aufforderte. Monguillot wurde von vier Tätern brutal zusammengeschlagen und starb schließlich fünf Tage nach dem Angriff, nachdem er für hirntot erklärt worden war. 

Weigerung, sich dem Gesetz zu unterwerfen

Laut dem französischen Kinderpsychiater und Psychoanalytiker Maurice Berger zeugten diese beiden Vorfälle von einer schweren „Autoritätskrise“. In einem Gespräch mit dem Figaro hob er die Gemeinsamkeit der Geschehnisse hervor: „die Weigerung, sich dem Gesetz zu unterwerfen“ und die anschließende Tötung eines Menschen: Einmal die Weigerung gegenüber dem Busfahrer, eine Maske aufzusetzen und ihm einen Fahrschein vorzuzeigen, das andere Mal die Weigerung gegenüber der Polizistin, eine Verkehrskontrolle über sich ergehen zu lassen. Dieses Verhalten, so Berger, trete mittlerweile sehr häufig auf: „Fast alle der jugendlichen Straftäter, mit denen ich als Kinderpsychiater zu tun habe, verstehen die Mindestnormen des Zusammenlebens und noch viel mehr die Gesetze nicht als eine für das Leben in der Gemeinschaft zu beachtende Notwendigkeit, sondern als eine unerträgliche Unterordnung“. 

Bei der „sinnlosen Gewalt“, die auch an anderer Stelle zunehmend verübt wird, prügelt der Täter rücksichtslos auf sein Opfer so stark ein, „wie er eben Lust dazu hat“, manchmal bis zum Tod. Im Jahr 2018 ergab eine Untersuchung des französischen Statistischen Amtes INSEE (Institut national de la statistique et des études économiques), dass es alle 44 Sekunden in Frankreich zu einer Tat der sinnlosen Gewalt komme. Jeder Bürger könne davon betroffen sein und dadurch traumatisiert werden, schreibt Berger: „Um seine Chancen, unversehrt zu bleiben, nicht zu beeinträchtigen, muss man sich dem Täter unterwerfen, den Blick senken, ihn in einer Warteschlange vorlassen und die Demütigung hinnehmen“.

Täter wurden grundsätzlich als Opfer betrachtet

Politische Voraussetzung für die Gewalt und die Autoritätskrise sei, dass die jeweiligen französischen Justizminister der jüngeren Vergangenheit „die Täter grundsätzlich als Opfer betrachten“. Auch die gerichtlichen Entscheidungen hätten dazu beigetragen, dass Autorität nicht mehr ernst genommen und Angriffe gegen Menschen bagatellisiert würde, indem man sich in der Justiz auf „die Persönlichkeit und den Werdegang des Täters konzentriert“, anstatt auf den zugefügten Schaden. Schließlich sei auch eine „Krise der familiären Autorität“ für die Gewalt verantwortlich, wenn „viele Eltern unfähig sind, standhaft nein zu sagen. Das Ergebnis: ein junger Gewalttäter erklärte mir: „Ich will das haben, also nehme ich es mir“. 

Die insgesamt fünf Täter der beiden jüngsten Gewaltvorfälle in Frankreich haben einen Migrationshintergrund. Berger erläutert: „Es stimmt, dass die Mehrheit der Gewalttäter aus Kulturen mit interner Gewalt stammen. 80 Prozent der stark gewalttätigen Minderjährigen waren während ihrer ersten Lebensjahre ehelichen Gewaltszenen ausgesetzt und haben diese verinnerlicht. Doch diese Gewaltszenen treten sehr viel häufiger in jeder Kultur auf, in der es eine Ungleichheit zwischen Mann und Frau, Zwangsehen sowie Polygamie gibt“.

DT/ks

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