Simbabwes dritter Chimurenga

Die Erinnerung an die Zeit kolonialer Fremdherrschaft und den Kampf für Unabhängigkeit hat einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis Afrikas. Gerade sie ist es, die den ethnisch oft bunt gemischten Gesellschaften Einheit verleiht und nationale Identität stiftet – über Stammesgrenzen hinweg. Simbabwe bildet da keine Ausnahme. In dem südafrikanischen Binnenland wird der Vergangenheit sogar in besonders intensiver Weise gedacht.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: In kaum einer anderen Gegend Afrikas wurde härter um Selbstbestimmung und Souveränität gerungen als in Simbabwe. Hier, im Hochland zwischen Sambesi und Limpopo, waren nicht ein, sondern zwei Bürgerkriege nötig, um die Völker der Shona, Ndebele und Tonga in die Unabhängigkeit zu führen. Beide Waffengänge werden im Volk Chimurenga, Befreiungskampf, genannt. Und über beide lernen schon die Kinder, dass sie das Blut zahlreicher Vorfahren kosteten. Im ersten Chimurenga, der 1896 gegen die weißen Siedler ausgefochten wurde, waren es die Ndebele, die die meisten Opfer zu beklagen hatten. Im zweiten Chimurenga, der 80 Jahre später gegen das rassistische Regime Rhodesiens geführt wurde, waren es die Shona, die den größten Blutzoll zahlten.

Kommt jetzt ein dritter Chimurenga? Die jüngsten Ereignisse, vor allem die Verheimlichung des Ergebnisses der Präsidentenwahl am 29. März, die Festnahme zweier ausländischer Journalisten sowie die Forderung der Präsidentenpartei Zanu-PF nach einer Neuauszählung der Stimmen sprechen dafür. Doch Geschichte wiederholt sich nicht. Schwarz gegen Weiß – die alte Rollenverteilung gibt es nicht mehr. Auf der Seite der Unterdrücker stehen jetzt ausgerechnet jene Befreiungskämpfer, die unter dem Kommando Robert Mugabes einst die Ketten kolonialer Herrschaft abstreifen konnten und das Land 1980 in die Unabhängigkeit führten. Aus den damaligen Befreiern wurden „Kolonialisten“, die die Wirtschaft der früheren Kornkammer Afrikas in den Ruin führten und ein Klima der Angst, der Gewalt und des Hasses schufen.

Wohin, Simbabwe? Von Tag zu Tag wächst die Furcht vor dem Einsatz von Gewalt durch das Regime des von einer Niederlage bedrohten Staatschefs Mugabe. „Die Luft brennt“, berichtete ein Mitarbeiter eines kirchlichen Hilfswerks in Harare der „Tagespost“. Die Oppositionspartei Bewegung für den demokratischen Wandel (MDC) warnte derweil vor Blutvergießen und erinnerte an ein Verfassungsreferendum im Jahr 2000, das Mugabe verloren hatte. Nach der Abstimmung hatten Horden von Schlägern weiße Farmer angegriffen, weil diese ihre schwarzen Angestellten gedrängt hätten, gegen Mugabe zu stimmen. Dutzende Menschen wurden damals getötet.

Dies könnte nun wieder geschehen. Denn Mugabe denkt nicht an Rücktritt, sondern bereitet das Feld für eine mögliche Stichwahl. „Für Mugabe ist die Stichwahl eine Strategie für eine Heimzahlung“, sagte Oppositionssprecher Nelson Chamisa und fügte hinzu: „Er wurde besiegt, er will eine Gelegenheit, es heimzuzahlen.“ Kampf um die Macht – für den 84-jährigen Mugabe bedeutet das, die Mittel anzuwenden, die er am besten beherrscht: Einschüchterung und Schwindelei. Es droht eine neue Welle der Gewalt. So berichtete das simbabwische Fernsehen, Veteranen des Unabhängigkeitskrieges hätten eine der letzten Farmen im Besitz eines Weißen eingenommen. Der Direktor der Farmer-Union, Hendrik Olivier, erklärte der südafrikanischen Zeitung „Sunday Independent“: „Die Polizei will nichts machen; die sagen, sie wissen nicht, wer die Kontrolle hat.“

Tatsächlich zählt die Polizei zu den treuesten Verbündeten des Präsidenten. Sie wird Mugabe vor Übergriffen schützen, die ihm blühen, wenn das eintritt, was am Wochenende die Zanu-PF gefordert hat: eine Neuauszählung der Präsidentenwahl. Mugabe wird versuchen, das Wahlergebnis zu seinen Gunsten zu manipulieren. Es ist kaum vorstellbar, dass die erstarkte Opposition hinter ihrem Führer Morgan Tsvangirai dies zulässt – obwohl auch noch die mächtigen Militärs hinter Mugabe stehen.

MDC-Chef Tsvangirai hat sich nun auch zum Sieger der Präsidentenwahl erklärt, nachdem die MDC am Donnerstag bereits offiziell zur Gewinnerin der Parlamentswahlen erklärt worden war. Derzeit befassen sich die obersten Gerichte in Harare mit einem Oppositionsantrag auf unverzügliche Veröffentlichung des Wahlergebnisses. Zanu-PF bestritt indes die Niederlage. „Mugabe bereitet einen Krieg gegen die Bevölkerung vor“, so Tsvangirai, dem Kritiker in den vergangenen Jahren oft Kraftlosigkeit in der Auseinandersetzung mit Mugabe vorwarfen, dessen Besonnenheit jetzt aber dazu beigetragen hat, dass die Wut der Opposition noch nicht in Gewalt umgeschlagen ist. Zugleich bat Tsvangirai die internationale Gemeinschaft um Hilfe.

Genau dies ist das Gebot der Stunde. Weder Europa, die Vereinigten Staaten noch Afrika können wegschauen, wenn Mugabe sich in den kommenden Tagen wieder an die Macht schwindeln will. Man denke an die Wahl in Kenia. Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan sollte versuchen, seinen dortigen Einfluss als Vermittler in Simbabwe zu wiederholen. Außerdem müssten die Geberländer mit massiver Hilfe für eine Koalitionsregierung den Abschied von der Ära Mugabe flankieren. Sie hat schon viel zu lange gedauert.

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