„Sieger wird es keine geben“

Neuer Limburger Generalvikar stellt sich vor: Keine neuen Strukturen, sondern ein neuer Geist – Domkapitular zu Eltz kritisiert Papst
Foto: dpa | Kam mit dem Fahrrad zum Pressetermin: Generalvikar Wolfgang Rösch.
Foto: dpa | Kam mit dem Fahrrad zum Pressetermin: Generalvikar Wolfgang Rösch.

Limburg/Hamburg (DT/reg/KNA) Der neue Limburger Generalvikar Wolfgang Rösch hat es am Mittwoch als sein „größtes Anliegen“ bezeichnet, dass das Bistum sich nicht an einer Person auseinanderdividiere. Rösch, der mit dem Fahrrad gekommen war, erklärte, er wolle nun Verbündete und das Gespräch suchen. Unabhängig davon, ob der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst zurückkehre oder nicht, werde es nachher keine Sieger geben, sagte Rösch bei einer Pressekonferenz in Limburg. „Man kann den Dienst an der Einheit nicht ohne Rückhalt ausüben“, hob der Generalvikar hervor, als er auf eine mögliche Rückkehr des Bischofs angesprochen wurde. Die Aufklärung habe verschiedene Dimensionen, eine juristische, eine ökonomische und eine moralische. Er selbst habe dieses Urteil nicht zu sprechen.

Mit Verweis auf die Pressemitteilung des Heiligen Stuhls vom 23. Oktober, derzufolge der Limburger Bischof seinen Dienst derzeit nicht ausüben könne, erklärte Rösch: „Mit der Klugheit dieser Formulierung ist keine Vorentscheidung getroffen worden.“ Tebartz-van Elst hält sich derzeit außerhalb des Bistums auf und steht mit Rösch in telefonischem Kontakt. Dem Bischof bleibe der Konflikt „nicht im Hemd hängen“, unterstrich Rösch und verwies auf das veränderte Aussehen, das auf Fotos deutlich werde.

Welche Kompetenzen der neue Generalvikar in Abwesenheit des Ortsbischofs ausüben kann, wird nach Angaben Röschs in den nächsten Wochen zu klären sein. Sein Ernennungsdekret liege ihm noch nicht vor. Er habe lediglich einen Brief der Kleruskongregation, der ihm alle Pflichten und Vollmachten des Generalvikars einräume. Lediglich seinen Wiesbadener Pfarradministrator habe er ernennen dürfen. In allen wichtigen Informations- und Rechenschaftsaufgaben sei er ausschließlich dem Heiligen Stuhl verpflichtet. Mit Blick auf anstehende Entscheidungen, etwa bei Pfarrei-Fusionierungen, sammele er derzeit Fragen, um seine Kompetenzen präziser mit Rom zu klären.

Rösch verwies darauf, „kein Unbekannter in der Diözese zu sein und einen langen Weg im Bistum hinter sich zu haben“ – eine indirekte Anspielung auf seinen umstrittenen Vorgänger Franz Kaspar, der vor seiner Ernennung zum Generalvikar hauptsächlich kategoriale Aufgaben übernommen hatte, und dem innerhalb der Diözese mangelnde Nähe zum Pfarrklerus und den Gemeinden nachgesagt wird. Mit Nachdruck wandte sich der neue Generalvikar gegen binnenkirchliches Lagerdenken. Viele Dinge seien keine Frage der theologischen Position oder des Kirchenbildes, sondern des Charakters und der Fähigkeit, den Menschen zu vertrauen.

Die Baukostensumme von 31 Millionen Euro nannte Rösch „erschreckend“, der Bau sei jedoch „architektonisch gelungen“. Spekulationen über eine zukünftige Verwendung des Diözesanen Zentrums St. Nikolaus wies Rösch zurück. Vieles sei interessant, aber „unrealistisch“. Die Frage werde nach Abschluss der Prüfung der Baukosten der Bischof zu klären haben, „den wir dann haben“. Das Diözesane Zentrum St. Nikolaus habe das Potenzial, ein Zentrum für die Diözese zu sein, doch hänge das von der Gestaltung ab. Dies zu bestimmen, so Rösch, sei jedoch nicht seine Aufgabe. Der letzte Termin der Prüfungskommission, die sich mit den Baukosten des Diözesanen Zentrums auf dem Domberg befassen wird, ist für Ende Januar anberaumt.

Rösch wandte sich dagegen, den Fall Limburg zu einer Debatte um neue Strukturen zu machen. Es müssten keine neuen Strukturen geschaffen werden, sondern die vorhandenen sollten mit einem „integren, lauteren Geist gefüllt werden“. Der Geist, der in den Strukturen gelebt worden sei, „war nicht in Ordnung“. Der neue Generalvikar vermied den Eindruck, Bischofskritiker zu schelten: „Ich schätze das Urteil der Mitbrüder des Hofheimer Kreises“, unterstrich er auf Nachfrage. Wohlwollend äußerte Rösch sich auch über seinen Weihekurskollegen, den Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz: „Ich mag den Frankfurter Stadtdekan und bewundere ihn für seine Brillanz im Formulieren und in der medialen Klugheit, die ich nicht habe. Wir teilen die Liebe zur Kirche.“ Zu Eltz sei seinem Gewissen verpflichtet. Durch die Initiativen in Frankfurt „sei etwas ausgelöst worden, das dazu geführt habe, dass wir nun über Dinge reden“. Angesprochen auf den Brief des Frankfurter Stadtdekans an die pastoralen Mitarbeiter vom Montag erklärte Rösch, diesen noch nicht zu kennen.

Noch keine Entscheidung im Kampf um Kurs der Kirche

Frankfurts Stadtdekan Johannes zu Eltz, der dem Domkapitel angehört, hatte sich in einem im Internet veröffentlichten Brief mit Datum vom 28. Oktober an die pastoralen Mitarbeiter in Frankfurt gewandt und darin die Entscheidung des Papstes kritisiert. Zu Eltz sprach von einer „merkwürdigen und denkwürdigen Entscheidung“. Kritik übte der Stadtdekan an „Ambivalenzen der Regelung“, die in seinen Augen darauf hindeuteten, „dass der Kampf um den Kurs der Kirche in Deutschland, in dem unserem Bischof eine wichtige Rolle zugedacht war, noch nicht entschieden und noch nicht zu Ende ist“. Zwar bringe die päpstliche Entscheidung spürbare Erleichterung mit sich, doch blieben zugleich „Bedenken und Befürchtungen, weil die Entscheidung des Papstes die Zukunft des Bischofs in der Schwebe lässt“.

Der Stadtdekan unterstrich seine Überzeugung, dass „es mit Franz-Peter Tebartz-van Elst im Bistum Limburg keinen Meter mehr weit geht und dass eine Rückkehr ins Bischofsamt deshalb überhaupt nicht in Frage kommt“. Er selbst werde alles, was in seinen Kräften steht, dafür tun, dass auch die Verantwortlichen in Rom „das einsehen können“. Auch dränge er darauf, dass „wir (sic!) bald einen neuen Bischof von Limburg wählen dürfen, der uns vertraut und dem wir vertrauen können“. Gegenüber der „Welt“ rechtfertigte zu Eltz seine Kritik am Papst: „Bei aller päpstlichen Väterlichkeit hätte ich mir gewünscht, dass er robuster und klarer agiert und sagt: Der Bischof wird nicht mehr zurückkommen.“

Rom lässt die Tür offen, im Bistum knallen die Türen zu

Dankbar für die „kluge und ausgewogene Entscheidung von Papst Franziskus“ äußerte sich der Limburger Regens Christof Strüder gegenüber dieser Zeitung. Nun liege es am Bistum, sich anzustrengen. Schwester Philippa Rath OSB von der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Rüdesheim erklärte gegenüber dieser Zeitung: „Papst Franziskus hat unserem Bischof Franz-Peter eine Auszeit verordnet. Auszeiten sind in meinem Verständnis Zeiten der Besinnung, der Läuterung, der Reue, der Umkehr und des Neuanfangs. Eine solche Chance sollten wir meines Erachtens jetzt auch alle unserem Bischof wirklich geben. Während Rom bewusst die Türen für eine Rückkehr offengelassen hat, hören wir aus dem Bistum, wie eine Tür nach der anderen zugeschlagen wird. Das macht mich traurig und auch ratlos. Wie können wir die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes und von der Umkehr noch glaubwürdig verkünden, wenn wir sie im konkreten Fall nicht auch leben? Gerade hier wäre jetzt aus meiner Sicht ein klares Zeugnis gegenüber unserer oft so unbarmherzigen Welt gefragt. Christus selbst hat schließlich gesagt: ,Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.‘“

Aus den Reihen der deutschen Bischöfe meldete sich der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, erneut zu Wort. Die Affäre um Tebartz-van Elst und die extreme Kostensteigerung für den Bischofssitz habe bei ihm Beschämung ausgelöst, schreibt Lehmann in einem am Dienstag veröffentlichten Beitrag für die Bistumszeitung „Glaube und Leben“. „Man darf gespannt sein, wie viel und was nach dem Abschluss der Untersuchungen noch deutlicher wird. Vieles beschämt mich jetzt schon tief“. Allerdings habe er sich bei den Berichten über die Kirche und ihre Finanzen auch über falsche Angaben und diskriminierende Untertöne geärgert, kritisierte der Mainzer Bischof.

Der frühere Bundesverfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch erinnerte an den Grundsatz der Unschuldsvermutung. Im Falle Tebartz-van Elst scheine dieser Grundsatz jedoch unbekannt, beklagte Jentsch im „Wiesbadener Kurier“ vom Mittwoch. Da liege jemand am Boden und gnadenlos werde weiter auf ihn eingetreten. Rücksichtslos heizten die Gazetten die Stimmung gegen den Bischof an. Auch das Prinzip der Menschenwürde gerate aus dem Blick, wenn sich die vermeintliche Mitwirkung an der Aufklärung bedenklicher Vorgänge als Lust an der Demütigung der Verdächtigen offenbare, schreibt Jentsch.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, sieht die katholische Kirche wegen der Limburger Affäre in einer dramatischen Glaubwürdigkeitskrise. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte Glück am Mittwoch in Bonn, der hohe Leidensdruck biete zugleich die Chance, Verkrustungen aufzubrechen und zu neuer Lebendigkeit zu gelangen. Glück appellierte an die Deutsche Bischofskonferenz, den Bericht der von ihr eingesetzten Untersuchungskommission zu Limburg vollständig zu veröffentlichen. „Nur totale Transparenz kann verhindern, dass Verschwörungstheorien entstehen“, betonte er mit Blick auf Behauptungen, es gehe in der Debatte nur darum, einen theologisch unliebsamen Bischof loszuwerden. „Darum geht es aber überhaupt nicht.“ Es gehe um Kosten, die Informationspolitik, die Rolle des Bischofs und die Rolle von Mitarbeitern und Gremien. Glück forderte eine Stärkung der Räte und Kontrollgremien in der katholischen Kirche Deutschlands. „Die Räte in Gemeinden und Diözesen sind ja viel beschimpft und kritisiert worden. Jetzt zeigt sich, dass qualifizierte Gremien auch eine Schutzfunktion für Bischöfe, Priester und Entscheider in der Kirche haben können“, so Glück.

Inzwischen wurde bekannt, dass es im Verfahren gegen den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst offenbar unterschiedliche Positionen der Hamburger Justiz gibt. Wie Pressesprecherin Nana Frombach von der Staatsanwaltschaft Hamburg am Dienstag der Katholischen Nachrichten-Agentur sagte, hält die Staatsanwaltschaft „beim derzeitigen Sachstand“ am Antrag auf Strafbefehl gegen den Bischof fest. Hingegen habe das Amtsgericht Hamburg vorgeschlagen, das Verfahren gegen eine Geldauflage einzustellen. Frombach unterstrich, der Ausgang des Verfahrens sei weiter offen. Auch eine Sprecherin des Amtsgerichts bestätigte, dass das Verfahren nicht abgeschlossen sei.

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