Sieben Fakten zur Rente

Wider die Mythenbildung von der Altersarmut. Von Jürgen Liminski
Foto: dpa | Wahr ist, dass im Alter Vieles beschwerlicher wird. Dass einer stattlichen Zahl von Rentnern in Deutschland Altersarmut droht, ist jedoch ein Schauermärchen.

Die Zukunft der Rente hat, trotz wortreicher Beschwichtigungen in den großen Parteien, beste Chancen, zu einem zentralen Wahlkampfthema zu werden. Da kann es nützlich sein, an einige Daten zu erinnern, um einer Mythenbildung vorzubeugen. Die Daten sind nicht erschöpfend, es gibt weitere im Datenkranz zur Rente. Die sieben Fakten beschreiben aber schon die Rentenlage und ihre zugrunde liegenden demographischen Prognosen und mögen etwas Orientierung bieten in der aufkommenden Rentendiskussion.

Erstens: Die Rede von der drohenden massiven Altersarmut: Derzeit beziehen rund 512 000 Rentner, das sind weniger als drei Prozent aller Rentner, Grundsicherung. Das heißt, ihre Rente ist so niedrig, dass der Staat sie aufstocken muss, damit es zum Lebensunterhalt reicht. Dieser Prozentsatz wird sich bei unverändertem Rentensystem und unter ungünstigen Annahmen bis 2030 voraussichtlich verdoppeln. Sechs Prozent sind nicht die Masse. Das Problem der massiven Ungerechtigkeit geringer und knapp über der Grundsicherung schwebender Renten vor allem für Mütter, die ja auch gearbeitet und mit der Erziehung „Lebensleistung“ vollbracht haben, wird davon nicht berührt. Von einem Abrutschen in die Grundsicherung als „Massenphänomen“ kann aber keine Rede sein. Eine „Prognose“ des WDR, im Jahr 2030 würde jeder zweite Rentner auf Grundsicherung angewiesen sein, gehört zum medialen Rentenpanikorchester. Als Unsinn kann man in diesem Zusammenhang auch bezeichnen, dass Rentner nur von der staatlichen Durchschnittsrente von knapp 800 Euro im Monat leben. Denn heute schon leben die meisten Rentner als Paar mit zwei Renten und diese beziehen zusätzlich kleinere Renten aus einer betrieblichen oder privaten Rentenversicherung. Viele Rentner nehmen Zinsen ein oder kassieren Mieten. Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Rentnerehepaares beträgt 2 534 Euro; bei alleinstehenden Männern sind es 1 614 Euro, bei alleinstehenden Frauen 1 420 Euro.

Zweitens: Die demografische Entwicklung: Heute finanzieren 100 Erwerbstätige 35 Ruheständler. Im Jahr 2040 verschlechtert sich diese Relation auf 100 zu 58. Das ist der Tatsache geschuldet, dass die Babyboomer zu wenige Kinder hatten für die Bestandserhaltung des umlagebedingten Rentensystems. Wenn aber immer weniger Erwerbstätige die Rentenlast für immer mehr Ruheständler zu finanzieren haben, lauten die Alternativen: steigende Beiträge oder sinkendes Rentenniveau oder höhere Steuerzuschüsse für die Rentenkasse oder eine Kombination aus diesen Möglichkeiten. Hinzu kommt noch die Option einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit, die das Problem allerdings nur in die Zukunft schiebt.

Drittens: Die Prognosen: Bei den Rentenreformen zu Beginn der Jahrtausendwende verwendete die damalige Bundesregierung einen Prognosezeitraum von 30 Jahren. Bei einer ähnlichen Planungssorgfalt wie damals sind also mindestens Berechnungen bis 2045 beziehungsweise 2050 erforderlich. Das geschah in den letzten zehn Jahren nicht. Erst Ende September 2016 hatte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erstmalig Berechnungen bis 2045 vorgestellt, nachdem jahrelang lediglich mit offiziellen Projektionen bis 2030 gearbeitet wurde, obwohl die demografischen Belastungen gerade nach 2030 noch erheblich sind. Wenn der gesamte Lebenszyklus eines Versicherten berücksichtigt werden soll, reicht aber auch diese Zeitspanne nicht aus. Versicherte im Alter von 20 Jahren, die heute ins Erwerbsleben eintreten, gehen nach der gegenwärtigen Gesetzeslage 2063 in Rente und beziehen dann nach den heutigen Schätzungen etwa bis 2080 Rente.

Viertens: Die Zahl derer, die nach 65 weitermachen, hat sich seit 15 Jahren fast verdreifacht und liegt jetzt bei mehr als 830 000 Bundesbürgern. In der Kohorte oder Gruppe der 65 bis 70-Jährigen arbeitet jetzt jeder zehnte, Tendenz steigend. Das liegt nicht an der Rente mit 67, die ist ja erst 2029 voll erreicht, im Moment geht die Lebensarbeitszeit bis 65 plus acht Monate. Allerdings hat sich das tatsächliche Alter des Renteneintritts in den letzten Jahren von 60 auf 62 verschoben (bis 1996 war es möglich, ohne Abschläge in Rente zu gehen). Zwar scheidet heute jeder Zweite vor dem Renteneintrittsalter aus, aber eben doch mit Abschlägen Und das Geld spielt offenbar doch eine Rolle. Denn 41 Prozent der Ruheständler haben ein Einkommen von 900 bis 1 500 Euro. Das ist weniger, als der berühmte Eck- oder Durchschnittsrentner hat mit seinen 1 614 Euro.

Fünftens: Die Motivation für weitere Tätigkeit nach dem Renteneintritt ergibt sich aus den genannten Daten: Für viele Rentner ist das durchschnittliche Monatseinkommen zu wenig, um den Lebensstandard zu halten. Andere fühlen sich zu rüstig und sind voller Schaffenskraft oder jedenfalls bereit, weiterzuarbeiten. Kaum einer will den Fernsehabend zum Fernsehtag machen. Sie wollen fit bleiben. Für wieder andere geht es nicht um Gesundheit, auch nicht um Geld, sondern um Sinnfindung, um das Nützlich-Sein, um Selbstverwirklichung, um soziale Aspekte. Eine weitere Gruppe sucht soziale Kontakte, Anerkennung. Die Motive sind individuell verschieden. Nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Grieger und Cie ist das Hauptmotiv zum Weiterarbeiten für Dreiviertel der künftigen Rentner das Geld. Jedenfalls wollen 75 Prozent nur gegen Geld weiterarbeiten. Von den Rentnern selbst sagen nur sieben Prozent, Geld sei das Hauptmotiv. Die große Mehrheit will aktiv und nützlich bleiben und einen Sinn im Leben haben.

Sechstens: Wer arbeitet länger? Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) hat ergeben, dass es vor allem die gut Ausgebildeten sind, also jene, die schon zur Berufszeit einer für sie erfüllenden und sinnvollen Tätigkeit nachgegangen sind, die weiterarbeiten wollen. Von ihnen sind knapp 90 Prozent davon überzeugt, dass ihr Wissen wichtig ist, für die Gesellschaft wie für sie selbst. Eine zweite Gruppe sind die Selbstständigen. Ihr Anteil an den Weiterarbeitenden ist doppelt so hoch wie bei der Erwerbsbevölkerung unter 65. Für sie gilt auch: Wissen macht aktiv. Erfahrung treibt um.

Siebtens: Die Nachfrage nach den Alten wächst. Das liegt zunächst am Fachkräftemangel. Der Digitalverband Bitcom beziffert die Zahl der offenen Stellen in der IT-Branche auf mehr als 50 000, Tendenz steigend. Bei Ingenieuren sieht es ähnlich aus. Mittlerweile greift der Mangel auf fast alle Branchen über. Es sind aber vor allem Branchen, die Wissen und Erfahrung voraussetzen. Nur mit jungen, diplomierten Mitarbeitern kann man das nicht wettmachen. Es fehlt vor allem auch an Humanvermögen, an basalen Fähigkeiten, an Daseinskompetenzen. Das ist der zweite große Mangel, der, wie der erste übrigens, kaum durch Einwanderer behoben werden kann.

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