Sexualpädagogik ohne Werte, aber mit Ideologie

Österreichs Schulen sollen künftig fächerübergreifend und zeitlich unbeschränkt Sexualerziehung treiben – Liebe, Treue und Familie spielen keine Rolle. Von Stephan Baier
Foto: IN | In Österreich wird es Sexualkundeunterricht, die Familie spielt keine Rolle.
Foto: IN | In Österreich wird es Sexualkundeunterricht, die Familie spielt keine Rolle.

Trotz heftiger öffentlicher Kritik an ihrem ursprünglichen Entwurf hat Österreichs Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) zu Beginn dieser Woche ihren nur marginal veränderten Grundsatzerlass zur Sexualpädagogik in Kraft gesetzt. „Eine moderne, zeitgemäße Sexualpädagogik“ nennt die stets für Frauenrechte und die Interessen der Homosexuellen-Lobby engagierte Ministerin als Ziel.

Im Erlass selbst heißt es dazu, Sexualpädagogik solle „altersgerecht, an der Lebensrealität von Kindern und jungen Menschen orientiert sein“, sie solle „sich am Prinzip der Gleichstellung der Geschlechter sowie der Vielfalt der Lebensformen (z. B. sexuelle Orientierung, Geschlechteridentitäten) orientieren“. Auch solle sie an „internationalen Menschenrechten ausgerichtet sein“.

Damit ist nicht etwa das Recht auf Leben des ungeborenen Kindes gemeint, sondern beispielsweise der „Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung“, ein Recht, „Informationen zu Sexualität zu suchen, zu erhalten und zu verbreiten“, ein Recht „auf sexuelle Aufklärung“ sowie ein Recht, „zu entscheiden, ob und wann er/sie Kinder haben will und ein befriedigendes, sicheres und lustvolles Sexualleben anzustreben“. Ausdrücklich unter Berufung auf die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt der Erlass als Erziehungsziele „Toleranz, Offenheit und Respekt gegenüber Sexualität, verschiedenen Lebensstilen, Haltungen und Werten“, die „Achtung vor der Vielfalt und Verschiedenheit der Geschlechter sowie das Bewusstsein für sexuelle Identität und Geschlechterrollen“. Die Aufgabe der Schule in der „sexuellen Kompetenzentwicklung“ der Kinder beginnt laut dem nun geltenden Erlass „mit dem Schuleintritt und endet mit Austritt aus dem Schulbereich“.

Doch nicht nur zeitlich wird die Sexualpädagogik nicht eingeschränkt. Sie soll offenbar auch alle Unterrichtsmaterien erfassen: „Alle Lehrkräfte können wichtige Beiträge im Bereich der Sexualpädagogik leisten“, heißt es hier. Und: „Sexuelle Basiskompetenzen werden auf kognitiver, emotionaler, sensorischer und körperlicher Ebene entwickelt.“ Das alles „fächer- und klassenübergreifend“, in der Volksschule im Sachunterricht, später in Biologie, Religion, Psychologie und Philosophie. Die Schule soll dabei laut Erlass nicht erprobte Werte vermitteln, sondern die Kinder und Jugendlichen befähigen, „eigene Wertvorstellungen zu entwickeln“. Erziehungsziel ist gleichwohl, „eine respektvolle Haltung gegenüber verschiedenen Formen von Sexualität und Identitäten“ zu entwickeln. Zentral sei „die Entwicklung einer pädagogischen Haltung der gesamten Schule, die sich vehement gegen jede benachteiligende, herabwürdigende, sexistische, homo- und transphobe oder verletzende Äußerung oder Handlung wendet“.

Genderismus durch die Hintertüre

Das Wort „Eltern“ komme im Erlass nun zwar häufiger vor als im ursprünglichen Entwurf, analysiert gegenüber dieser Zeitung Leni Kesselstatt von der „Familienallianz“. Die Rechte der Eltern seien jedoch unklar formuliert und es fehlten klare Vorgangsweisen zwischen Eltern und Lehrern. „Bezüglich der Wertevermittlung stehen Selbstbestimmung, Verhütung und sexuelle Genussfähigkeit weiterhin im Vordergrund. Hingegen werden Liebe, Treue oder Familie nicht einmal erwähnt“, so Kesselstatt. Es werde behauptet, dass sich Kinder und Jugendliche ihre Werte selbst erarbeiten sollten, „durch die Hintertür werden sie aber mit der Denkweise und Meinungsdiktatur des Genderismus überschüttet“. Hier werde „eine zu enge Sicht von Sexualpädagogik ohne jeglichen Familienbezug propagiert“.

Der Direktor des kirchlichen „Instituts für Ehe und Familie“ (IEF), Johannes Reinprecht, lobt „die vielen positiven Begrifflichkeiten, die den Text durchwirken“, meint gegenüber der „Tagespost“ aber zugleich: „Weniger schön, weil ideologiedurchtränkt und verschleiernd verwendet sind Begrifflichkeiten wie ,Menschenrecht auf reproduktive Gesundheit‘, ein Euphemismus für Abtreibung, ,Vielfalt der Geschlechter‘, das ebenso ein Mantra der Gender-Ideologie ist wie ,Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern‘, wohlgemerkt nicht von Gleichberechtigung ist die Rede, sondern von Gleichstellung, also Verneinung des Unterschiedes.“

Die ausführliche Bezugnahme auf die Prinzipien der „International Planned Parenthood Federation“, der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der WHO liefere „den unanfechtbaren geistigen Vaterschaftstest des neuen Grundsatzerlasses“, meint Reinprecht. Er kritisiert auch die Eile, mit der die Ministerin trotz aller Kritik den Erlass in Kraft setzte. „Wollte man einer womöglich immer breiter werdenden Diskussion zuvorkommen, indem man Fakten schafft?“, fragt Reinprecht. Der IEF-Direktor beanstandet gegenüber dieser Zeitung, dass im Erlass die Bedeutung der Eltern nur „allgemein formuliert und daher unglaubwürdig“ sei. „Dass man Begriffe wie ,Familie‘ im neuen Grundsatzerlass vergeblich sucht, verwundert in diesem Kontext nicht.“

Der Präsident des Katholischen Familienverbandes, Alfred Trendl, hat dagegen den Eindruck, dass der nun vorliegende Erlass mehr Rücksicht auf die Eltern nehme. Bedenklich sei jedoch die fehlende Wertorientierung: „Liebe, Verantwortung und Familie sind – wenn es um Sexualpädagogik geht – nicht die einzigen, aber doch zentrale Werte. Verantwortlichkeit verkommt in dem Erlass zur Beliebigkeit.“ Liebe und Familie kämen überhaupt nicht vor, „das ist falsch“, so Trendl. Er mahnt überdies mehr Sensibilität an: „Unterschiedliche Kulturen und Religionen haben unterschiedliche Zugänge zur Sexualität. Auch darauf muss Rücksicht genommen werden.“

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