Schwieriger Partnerschaft

Nach Anschlag in Afghanistan steht Konzept der Kooperation zur Diskussion. Von Carl-H. Pierk
Foto: dpa | Ehrenspalier in Kundus für die gefallenen deutschen Soldaten.
Foto: dpa | Ehrenspalier in Kundus für die gefallenen deutschen Soldaten.

Erst afghanische Soldaten und Polizisten ausbilden und dann gemeinsam mit ihnen in den Einsatz ziehen. Das ist der Grundgedanke des sogenannten „Partnering“. Die einheimischen Kräfte sollen dafür ausgebildet werden, die Verantwortung für die Sicherheit in ihrem eigenen Land zu übernehmen. Der Anschlag in Talokan, bei dem drei deutsche Bundeswehrsoldaten getötet und General Markus Kneip verletzt wurde, wirft allerdings die Frage auf, ob ausländische Soldaten ihren angeblichen Partnern – nämlich den afghanischen Sicherheitskräften – überhaupt noch vertrauen können. Dabei gilt die enge Zusammenarbeit zwischen internationalen und einheimischen Sicherheitskräften als Schlüssel dafür, das angestrebte Ziel der NATO zu erreichen: Die ausländischen Kampftruppen bis 2014 abzuziehen. Das Attentat stellt das Konzept nun in Frage.

Wie Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere warnt indes auch der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz davor, vom Prinzip des Partnerings abzurücken. Trotz des tödlichen Selbstmordanschlags in der nordafghanischen Provinz Tachar müsse die Bundeswehr an der Zusammenarbeit zwischen afghanischen und internationalen Sicherheitskräften in Afghanistan festhalten. „In der Sache gibt es keinen Grund, von dem Prinzip des Partnering abzuweichen”, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags dem „Tagesspiegel” (Montagausgabe). Er warnte davor, nach dem Anschlag in der Provinzhauptstadt, bei dem auch zwei Bundeswehrsoldaten getötet worden waren, eine grundsätzliche öffentliche Debatte über eine Veränderung der Afghanistan-Strategie zu führen.

Diese Debatte aber sollte geführt werden. Schließlich ist die Bundeswehr eine Parlamentsarmee. Und die Debatte muss im Interesse vor allem der in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten geführt werden. Fern der Heimat riskieren sie ihr Leben. Sie erwarten daher mehr Verständnis der Öffentlichkeit, mehr Rückendeckung, und verfolgen manche der politischen Debatten mit Kopfschütteln. Sie können nicht nachvollziehen, dass nach einem Anschlag schnell mit irgendwelchen Forderungen nach Abzug Schlagzeilen produziert werden. Zweifellos nachdenklich ist so mancher Soldat geworden, was die Zusammenarbeit mit der afghanischen Armee betrifft: In der Vergangenheit hatten Attentäter in Uniform immer häufiger Anschläge auf ausländische Soldaten verübt. Erst im Februar starben drei deutsche Soldaten auf einem Außenposten, als ein afghanischer Soldat das Feuer auf sie eröffnete. Der Fall vom Samstag aber ist in seiner Schwere beispiellos. Das Ausmaß der Folgen für die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft und der afghanischen Regierung um Sicherheit und Stabilität im Land ist noch gar nicht abzusehen. Der Anschlag wirft vor allem die Frage auf, inwieweit ausländische den afghanischen Sicherheitskräften - übernoch vertrauen können. Wenn es den Taliban immer mehr gelingt, ihre Kämpfer verkleidet in die Reihen der afghanischen Armee und Polizei zu schleusen, ist es mit der Sicherheit dahin. Vertrauen aber ist das wichtigste Element einer Partnerschaft. Doch es gibt keine Alternative: Wer eines Tages die Sicherheit im Land in die Hände der Einheimischen legen möchte, muss die afghanische Armee und die Polizei immer stärker einbeziehen, um später übergeben zu können.

Ohnehin ist es mit der Zusammenarbeit nicht so einfach. Fast 70 Prozent der Anwärter für den Soldaten- oder Polizistenjob können weder lesen noch schreiben. Mit anderen Worten: Mit der Grundausbildung in Lesen und Schreiben beginnt die eigentliche militärische oder polizeiliche Ausbildung. Ein Prozess, der Zeit kostet. Das Jahr 2014 aber ist die Zielmarke, dann wollen und sollen die Afghanen selbst für ihre Sicherheit sorgen. Bis dahin arbeitet die Zeit für die Taliban. Sie müssen nur warten, bis die westlichen Kräfte abziehen und die ohnehin labile Zentralregierung bald darauf zusammenbricht. Das Ziel aber, Afghanistan wiederaufzubauen, eine Zentralregierung mit demokratischen Strukturen zu etablieren und das Land eigenen Sicherheitstruppen zu übergeben, ist längst nicht erreicht. Ein entscheidendes Defizit, wie auch der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos in Potsdam, Generalleutnant Rainer Glatz, gegenüber der ARD eingestand: „Der größte Misserfolg ist vielleicht, dass wir noch nicht eine so stabile Sicherheitslage haben, wie wir es tatsächlich alle erhofft haben. Dass es noch nicht gelungen ist, mit Wiederaufbau und Entwicklung wirklich in die ländlichen Gebiete hinein zu kommen, wo immerhin 70 Prozent der afghanischen Bevölkerung leben.“

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