Schweigen und leiden

Im Kongo wird am Montag ein neuer Präsident gewählt. Von Michael Gregory
Foto: dpa | Hat viel Kredit verspielt: Der amtierende Präsident des Kongo: Joseph Kabila.
Foto: dpa | Hat viel Kredit verspielt: Der amtierende Präsident des Kongo: Joseph Kabila.

Im Kongo, einem der größten und fruchtbarsten Länder Afrikas, das zudem über riesige Rohstoffreserven verfügt und am Montag zum zweiten Mal in seiner Geschichte Schauplatz demokratischer Präsidentschaftswahlen sein wird, ist es in den vergangenen Wochen wiederholt zu heftigen Zusammenstößen zwischen Anhängern des amtierenden Präsidenten Joseph Kabila und Oppositionellen gekommen. Ein Oppositionspolitiker wurde bei einer Auseinandersetzung getötet. Der Abgeordnete des Provinzparlaments Marius Gangale sei Dienstagnacht in der Hauptstadt Kinshasa von zwei Männern angegriffen und erschossen worden, sagte der Polizei-Inspektor Kinshasas, Charles Bisengimana.

Es brodelt überall im Land. Besonders umkämpft sind aber die gold- und diamantenreichen Gebiete im Nordosten des Landes. Dabei ist die Gefechtslage kaum zu durchschauen. Im dichten Busch liefern sich lokale Warlords, kriminelle Banden sowie Clanchefs einen erbitterten Kampf um die kleinen, meist illegal betriebenen Abbau- und Schürfplätze. Auch Hilfswerke bleiben nicht verschont. So ist ein Team von „Ärzte ohne Grenzen“ angegriffen und beschossen worden. Nach Angaben der Organisation wurde dabei ein Mitarbeiter durch eine Kugel an der Schulter verletzt. Die bewaffneten Täter hätten aus bislang ungeklärten Gründen das Gelände der Helfer in der Stadt Masisi in der Unruhe-Provinz Nord-Kivu in der Nacht zum Montag gestürmt und das Feuer eröffnet.

Die Arbeit der mobilen medizinischen Teams in Nord-Kivu wurde vorerst ausgesetzt. In der Klinik von Masisi gibt es aber eine Notversorgung. „Abgesehen von dem Schock, den unsere Mitarbeiter erleiden mussten, verhindert dieser Zwischenfall medizinische Hilfe vor Ort und schadet damit der Bevölkerung“, sagt Gaël Hankenne, Programmleiter von Ärzte ohne Grenzen. Die Ärzte-Teams in Kongo wurden bereits mehrfach angegriffen. Im April wurden zwei Mitarbeiter in Süd-Kivu durch Schüsse verletzt. Vor einigen Wochen wurden in Nord-Kivu drei kongolesische Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe entführt. Sie kamen nach mehreren Tagen und intensiven Verhandlungen unversehrt wieder frei.

Hinter den Angriffen stehen meist die im Ostkongo operierenden Rebellengruppen. Aber auch der Armee werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. So beklagen die Vereinten Nationen vor den Wahlen am Montag eine starke Zunahme der Gewalt generell. Von Einschüchterungen, Drohungen, willkürlichen Festnahmen und Anschlägen ist die Rede. Hinter den meisten Übergriffen vermutet die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, Polizei und Geheimdienst.

Doch auch in Kongos Hauptstadt Kinshasa, auf der anderen, westlich gelegenen Seite des Tropenstaates, ist die Lage angespannt angesichts der zweiten demokratischen Wahlen nach 2006, bei dem auch ein neues Parlament und ein neuer Senat gewählt werden. Allein in Kinshasa stellen sich 1 500 Bewerber für fünf Parlamentssitze zur Wahl. Um das Amt von Präsident Kabila bewerben sich zehn weitere Kandidaten. Die langen Wahlzettel mussten auf 62 000 Wahlbüros in einem Land verteilt werden, dessen Infrastruktur kaum ausgebaut ist. In Flugzeugen wurden die rund 180 000 Urnen aus China in die Provinz transportiert. Die UN-Unterstützungsmission in Kongo (Monusco) organisierte den Weitertransport und hat dafür 30 zusätzliche Hubschrauber erhalten.

Das Interesse an dem Plebiszit ist also beachtlich – was jedoch nicht bedeutet, dass das demokratische Bewusstsein der rund 70 Millionen Kongolesen besonders ausgeprägt sei, sondern eher dafür spricht, dass man als Politiker schnell reich werden kann. Tatsächlich wird der große Unterschied zwischen der verarmten breiten Masse und der kleinen wohlhabenden Oberschicht jetzt im Wahlkampf besonders deutlich. Die Politiker der großen Parteien, die stets in feinem Zwirn auf Wahlkampftour gehen, treffen vor Ort häufig auf ein darbendes Volk, das oft kaum genug hat, um zu überleben. Auch Präsident Joseph Kabila steht inzwischen im Ruf, zu viel für sich und zu wenig in sein Land investiert zu haben. Den Kredit, mit dem er 2006 als junger, dynamischer Präsident gestartet war, der Wohlstand und Frieden versprach, hat er jedenfalls verspielt. Wie in vielen anderen Staaten Afrikas gilt leider auch für den Kongo das, was Papst Benedikt kurz vor seiner Reise nach Benin formulierte: Egoismus und Machtstreben seien die Hauptursachen für mangelnde Entwicklung. Und ein weitere Erkenntnis des Papstes gilt für den Kongo in besonderer Weise: Dass das Treiben der zahlreichen Sekten im Land die Menschen verunsichert und auf falsche Fährten lockt.

Ebenfalls enttäuscht von der Politik ist der Medienbischof des Kongo, Fulgence Muteba. Es gebe keine sozialen Projekte, keine Zukunftskonzepte, sagte er Radio Vatikan. Dabei wären sie dringend nötig. „Natürlich ist der Kongo sehr groß. Die Leute schweigen, aber sie leiden, haben Hunger, sie haben keine Straßen, sie hören nur Versprechungen. Wir bräuchten vor allem die Grundstrukturen, um in Frieden leben zu können. Und – das ist das Wichtigste – Respekt vor dem Menschen.“

Ähnlich sieht es der Saverianerpater Luigi Lo Stocco, der seit 25 Jahren im Kongo lebt und lange Zeit Direktor eines kirchlichen Radios in Bukavu war. „Wenn ich das Klima im Kongo beschreiben soll“, so Lo Stocco, „fällt mir als erstes das Wort Chaos ein: Die Opposition ist in viele kleine Grüppchen zerfallen, jeder will Präsident werden, eine gemeinsame Linie ist da unmöglich. Dabei hat Kongo in all seinen Provinzen ein starkes humanitäres Problem: Elend, Armut, Straflosigkeit bei Verbrechen. Und immer noch gibt es bewaffnete Banden im Land.“ Und es gebe, so Pater Lo Stocco, einen Tribalismus, ein Stammesdenken, das tief in den Menschen verankert sei und letztlich zu Gewalt führen könne.

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