Schnelle Wechsel sorgen für Kritik

Papst Franziskus ernennt Heiner Koch zum Erzbischof von Berlin – Ostdeutsche Oberhirten beklagen erneute rasche Versetzung
Foto: dpa | Wechselt in die Bundeshauptstadt: Der bisherige Dresdner Bischof Koch.
Foto: dpa | Wechselt in die Bundeshauptstadt: Der bisherige Dresdner Bischof Koch.

Berlin/Vatikanstadt (reg/KNA) Nun ist es offiziell: Berlin bekommt mit Bischof Heiner Koch (60) von Dresden-Meißen einen Bischof aus Ostdeutschland mit rheinischen Wurzeln. Bereits in der vergangenen Woche war die Nachricht durchgesickert, dass das Berliner Domkapitel sich für den gebürtigen Düsseldorfer und früheren Kölner Weihbischof entschieden hatte. Am Montag wurde im Vatikan und Berlin zeitgleich bekannt gegeben, dass Papst Franziskus Bischof Koch zum neuen Erzbischof von Berlin ernannt hat. Koch nahm die Wahl nach eigenen Worten „aus freiem Herzen und mit innerer Glaubensüberzeugung“ an. „Es war der eindeutige Wille des Heiligen Vaters, und hier war mein priesterlicher Gehorsam an der Reihe“, sagte Koch am Montag in Dresden. Er gehe schweren Herzens aus dem Bistum Dresden-Meißen weg, freue sich aber auf die neue Aufgabe: „In Berlin gibt es viel zu gestalten, vieles ist noch unklar, Strukturen, Architektur.“

Bis Ende August leitet Koch das Bistum Dresden-Meißen noch übergangsweise; sein Amtsantritt in Berlin ist frühestens im September geplant. Koch betonte, dass er sich im Bistum Dresden-Meißen „nicht aus der Verantwortung stehle“. Mit Blick auf die Kritik seiner ostdeutschen Amtsbrüder am raschen Bischofswechsel sagte er: „Schnelle Wechsel finde ich auch fragwürdig, aber ich bleibe im Osten und werde als Berliner Metropolit dazu beitragen, dass die ostdeutschen Anliegen eine gewichtige Stimme in der Deutschen Bischofskonferenz erhalten.“

Die katholischen Bischöfe in Ostdeutschland hatten dem designierten Berliner Erzbischof Koch gratuliert. Zugleich aber kritisierten sie einen erneuten raschen Bischofswechsel in ihrem Amtsbereich. Magdeburgs Bischof Gerhard Feige sprach von einer „fragwürdigen“ Ernennung. „Neben Görlitz und Berlin ist Dresden-Meißen damit schon das dritte Bistum im Osten Deutschlands, das seinen Bischof nach nur kurzer Dienstzeit wieder verliert“, kritisierte Feige am Montag in Magdeburg. „Angesichts der besonders schwierigen Situation der Katholiken in den neuen Bundesländern trägt dies eher noch zur weiteren Destabilisierung der kirchlichen Verhältnisse bei.“ Koch folgt nach zwei Jahren im Bistum Dresden-Meißen auf Kardinal Rainer Maria Woelki, der im vergangenen September nach drei Jahren im Hauptstadtbistum an die Spitze des Erzbistum Köln wechselte. Zuvor war Konrad Zdarsa nur drei Jahre Bischof des Bistums Görlitz, bevor er 2010 ins Bistum Augsburg berufen wurde. Feige kritisierte weiter: „Bedauerlicherweise entsteht der Eindruck, ostdeutsche Bistümer seien inzwischen so etwas wie ein ,Verschiebebahnhof‘ oder wie ,Praktikumsstellen‘ zur Qualifizierung für ,höhere Ämter‘.“ Der von Koch im Bistum Dresden-Meißen begonnene „Erkundungs- und Reformprozess“ werde nun „mindestens abgebremst oder sogar zurückgeworfen, und der Katholikentag 2016 in Leipzig steht in seiner Vorbereitungsphase erst einmal ohne bischöflichen Hausherrn da“.

Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt betonte: „Es wäre mein Wunsch, dass Versetzungen von Bischöfen nach sehr kurzer Zeit nicht die Regel in unserer Kirche werden – denn auch hier in der Diaspora im Osten Deutschlands braucht es in Zukunft tatkräftige Hirten für das Volk Gottes.“ Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr äußerte ebenfalls die Hoffnung, dass der Dresdner Bischofsstuhl „nicht nur mit Blick auf den Leipziger Katholikentag 2016 bald besetzt wird und es dem neuen Bischof möglich ist, länger als nur wenige Jahre dort zu dienen“. Einig zeigten sich die Bischöfe darin, dass dem gebürtigen Rheinländer Koch die Erfahrung in der sächsischen Diaspora für das neue Amt nützlich sein werde. Ipolt erklärte, Berlin sei staatlich gesehen zwar die Hauptstadt der Republik, liege aber kirchlich doch ganz im Osten. Insofern könne der neue Erzbischof seine Erfahrungen aus dem Bistum Dresden-Meißen gut einbringen. Bereits dort habe Koch in sehr kurzer Zeit „tatkräftig notwendige Veränderungen angepackt und auf den Weg gebracht“.

Zwei Jahre stand Koch an der Spitze des Bistums Dresden-Meißen. In dieser Zeit trat er vor allem mit der Einweihung der Trinitatiskirche in Leipzig Anfang Mai und mit den Vorbereitungen für den Katholikentag in Leipzig 2016 öffentlich in Erscheinung. Innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz leitet Koch die Kommission für Ehe und Familie. Mit dem Münchner Kardinal Reinhard Marx und dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode nimmt er an der Familiensynode im Oktober in Rom teil. Die Linie des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, „neue Lösungen“ für wiederverheiratete Geschiedene und den Umgang mit Homosexuellen zu finden, trägt Koch, zwar mit leiseren Tönen, aber vernehmbar, mit. Am Montag forderte Koch eine gesellschaftliche Debatte über den Ehe-Begriff. Dabei müsse grundsätzlich unterschieden werden zwischen einer Beziehung zweier Menschen, die lebenslang zusammen sein wollen, und solchen, die Vater und Mutter sein wollen, sagte Koch in Dresden. Zugleich betonte der Familienbischof: „Jede Verbindung, die Menschen stärkt und hält, ist in meinen Augen gut, das gilt auch für gleichgeschlechtliche Beziehungen.“

Koch gilt als weltoffen, umgänglich und umtriebig. Seine sprichwörtliche Dialogfreude brachte ihn im Sachsen in kurzer Zeit mit unterschiedlichen politischen Parteien und Lagern ins Gespräch. Den Katholikentag in einer Stadt mit 80 Prozent Konfessionslosen zu veranstalten, betrachtete er als besondere Herausforderung, um mit Kirchenfernen ins Gespräch zu kommen. Während der Pegida-Demonstrationen in Dresden sprach sich der designierte Berliner Erzbischof gegen eine Vereinnahmung des Kreuzes für politische Zwecke aus. Das Kreuz als zentrales Symbol des christlichen Glaubens solle nicht demonstrativ in Anspruch genommen oder gar national eingefärbt werden, erklärte er in einem Interview. Religion und Politik dürften nicht eines Effekts wegen oder zum Zweck einer politischen Aussage vermischt werden.

Unter Kochs künftigen Hauptaufgaben nannte der Berliner Diözesanadministrator Tobias Przytarski am Montag die „große Herausforderung“, die von Woelki eingeleitete Reform der Gemeindestrukturen zu Ende zu führen. Als weiteres Projekt führte der Prälat die Kathedralsanierung an. Die Zeit seit dem Weggang Woelkis sei genutzt worden, um eine Entscheidung durch den neuen Erzbischof vorzubereiten. Überdies stehe auch Koch vor der Aufgabe, die Präsenz der katholischen Kirche in der Hauptstadt etwa durch eine neue Wissenschaftseinrichtung zu stärken. (Siehe Seite 7)

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