Yerevan

Schatten der Vergangenheit über Berg-Karabach

Der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Region Berg-Karabach ist neu entflammt.
Armenien ruft Kriegszustand aus
Foto: Tigran Mehrabyan (PAN Photo/AP) | Nikol Paschinjan, Premierminister von Armenien, spricht im armenischen Parlament. Die Lage in der Unruheregion Berg-Karabach im Südkaukasus ist nach ungewöhnlich heftigen Kämpfen zwischen den verfeindeten Nachbarn ...

Die Wurzeln für den Konflikt um Berg Karabach zwischen Armenien und Asbaidschan, der nun wieder neu entflammt ist, liegen in der Vergangenheit: Die islamisch geprägte Republik Aserbaidschan, die faktisch seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion vom zunächst kommunistischen jetzt islamisch-korrupten Alijew-Clan beherrscht wird, fordert die Rückgabe der ausschließlich von Karabach-Armeniern bewohnten Region. Das christlich geprägte Armenien kann sich auf Russland als Schutzmacht berufen, die dort tausende Soldaten und Waffen stationiert hat. Russland ist das einzige Land, das beide Länder mit Waffen versorgt und so auf beide einwirken kann.

Vor zwei Jahren korrupten Herrscher gestürzt

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Die Armenier haben in einem unblutigen Volksaufstand vor zwei Jahren einen korrupten Herrscher gestürzt und vor Gericht gestellt, danach hat der sehr populäre heutige Regierungschef Nikol Paschinjan die Präsidentschaftswahl gewonnen. Anders als der Autokrat Alijew, der seine Macht mit Kriegsrethorik und Krieg sichern muss, hat Paschinjan bedeutend mehr Rückhalt in seinem Volk. Neben Russland, der EU und der NATO bemüht sich auch der Iran, der zu beiden Ländern gute Beziehungen hat, um eine Einstellung der Kämpfe. Mit Russland und dem Iran muss sich auch Erdogan gut stellen, weil er auf anderen Kriegsschauplätzen von diesen abhängig ist.

Um die Zusammenhänge zu verstehen, muss man aber noch genauer in die Geschichte schauen. Aufschluss gibt hier eine Aussage des armenischen Premierministers Paschinjan. Dieser sprach nämlich, nachdem er das Kriegsrecht über sein Land verhängt hatte, nicht den direkten Gegner Aserbeidschan an, sondern die Türkei. Und warnte sie vor einem überregionalen Flächenbrand im Kaukasus. Indirekt hat Paschinjan damit jedoch auch die EU und die NATO angesprochen, die mit ihrer Ausweich- und Hinhaltetaktik in den letzten Jahren Erdogans wiederholte Völkerrechtsbrüche hingenommen haben. Jetzt bereitet sich Erdogan auf sein fünftes militärisches Abenteuer, diesmal an seiner Nordgrenze, vor.

Ein Konflikt, bei dem Deutschland nicht wegschauen darf

Die Pandemie und zerfallende Wirtschaft im eigenen Land und sein Landhunger in Syrien, dem Irak, Nordzypern und Libyen scheinen dem großmachtsüchtigen Alleinherrscher am Bosporus nicht mehr zu genügen; jetzt will Erdogan, wie er seinen Pressesprecher ankündigen ließ, aserbeidschanisches Land in Berg Karabach zurückerobern. Dass dieses Land vom atheistischen Diktator Stalin einst Aserbeidschan zugesprochen wurde und dass dieses Land seit Jahrhunderten von Armeniern besiedelt ist, kümmert Erdogan nicht. Genauso wenig hatte es 1915 Erdogans Vorgänger im Osmanischen Reich interessiert, dass die Armenier viel länger in  Anatolien siedelten als die Türken, als diese 1,5 Millionen Armenier in die syrische Wüste trieben und verhungern ließen.

Das ist der Hintergrund des derzeitigen Konflikts, bei dem Deutschland nicht wegschauen darf. Denn Deutschland war 1915 ein Verbündeter, wenn nicht sogar Schutzmacht des Osmanischen Reiches – schaute aber damals beim Völkermord weg. Zwei der schlimmsten türkischen Völkermörder liegen in Ehrengräbern auf einem Berliner islamischen Friedhof begraben.

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