Russland will den Kaukasus

Kein olympischer Friede kehrte am Freitag ein, als in Peking mit großer Inszenierung die Olympischen Spiele eröffnet wurden. Im Gegenteil: Zeitgleich begann im Kaukasus ein Krieg, dessen militärische und politische Folgen sich noch nicht voll absehen lassen. Der kurzen militärischen Offensive Georgiens gegen das abtrünnige Südossetien waren jahrelange gezielte russisch-südossetische Provokationen vorangegangen.

Moskau hält sich strategisch kleine, in sich nicht lebensfähige, instabile Regionen als Brückenpfeiler der russischen Macht- und Interessenspolitik. Dazu zählen das zwischen der Ukraine und Moldawien gelegene Transnistrien und Kaliningrad (Königsberg) ebenso wie die westgeorgische Region Abchasien und Südossetien. Je korrupter die dort herrschenden Cliquen agieren, desto leichter ist es für Moskau, sie als Instrument der regionalen Destabilisierung zu missbrauchen. In Südossetien regiert mit russischer Hilfe Eduard Kokojty, ein ehemaliger Freistilringer, der sich in sowjetischer Zeit Kokoew nannte. Wie viele kommunistische Funktionäre schaffte er nach dem Zusammenbruch der UdSSR den nahtlosen Übergang ins lohnende mafiose Handwerk. Mag das nur 3 885 Quadratkilometer große und derzeit 75 000 Einwohner zählende Südossetien wirtschaftlich nicht lebensfähig sein, so eignet es sich doch hervorragend als Schmuggelroute für Drogen und Waffen.

Die kommunistischen Kader, die das Land im Griff haben, ließen sich die Unabhängigkeit von Georgien 2006 mit einer Zustimmung von 99 Prozent bestätigen. „Präsident“ Kokojty selbst begnügte sich mit 98 Prozent. Europäische Union, Europarat, OSZE und Nato protestierten gegen die absonderlichen Wahlen, aber Moskau steht zu seinen Partnern in Südossetien. Das führte dazu, dass das Regime von Kokojty zwar keinerlei internationale Anerkennung bekam, sich aber als russische Bastion gegen Georgien verwenden ließ.

Schwedens Außenminister verglich Russlands aktuelles Vorgehen gegen Georgien am Montag sogar mit Hitlers Strategie. Russland habe in Südossetien und Abchasien „recht freizügig“ russische Pässe verteilt, um „schrittweise den eigenen Einfluss zu erhöhen“, so Bildt. Tatsächlich ist Moskaus Strategie leicht zu durchschauen: Hatte Boris Jelzin, der sich bei der Zerschlagung der Sowjetunion große Verdienste erwarb, den Völkern einst zugerufen, sie sollten sich so viel an Unabhängigkeit und Eigenständigkeit nehmen, wie sie tragen könnten, so setzt Moskau längst wieder auf Erweiterung seiner Einfluss- und Machtsphäre, auf eine – wenn auch meist unideologische – Resowjetisierung.

Hierfür macht es sich die fatalen Grenzziehungen der sowjetischen Nationalitätenpolitik zunutze. Um die Nationen politisch zu schwächen, setzte der gebürtige Georgier Josef Stalin nicht nur auf Deportationen, sondern auch auf Russifizierung und unnatürliche Grenzziehungen. Auch heute geht es dem Duo Putin & Medwedjew in der Unterstützung Südossetiens nicht darum, dieses Land mit Nordossetien zu vereinen, sondern darum, ein über Jahrhunderte zu Georgien gehörendes Gebiet als Stützpunkt zu nutzen, um den Kaukasus wieder unter Moskaus Kontrolle zu bringen. Deshalb wurden die in Südossetien stationierten russischen „Friedenstruppen“ aufgestockt und ausgewechselt, wurden Osseten mit russischen Pässen versorgt. Deshalb gewährt Russland für Südossetien, wo Russisch zweite Amtssprache ist und mit Rubel bezahlt wird, Visumsfreiheit.

Die Georgier, die ihr Land als „Balkon Europas“ sehen, sind gewillt, dem russischen Druck Widerstand zu leisten. Georgien strebt in die Nato und sucht nach einer engeren Anbindung an die Europäische Union. Reich an bösen Erfahrungen mit Moskaus Nachbarschaftspolitik haben die Präsidenten Polens und der baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) Russland nicht nur die alleinige Schuld an der aktuellen Eskalation gegeben, sondern auch festgestellt, „dass die Nichtaufnahme Georgiens in den Nato-Beitrittsprozess als grünes Licht zur Aggression in dieser Region interpretiert wurde“.

Das Drängen der Georgier auf einen Nato-Beitritt hätte das kleine Land, das seit dem vierten Jahrhundert christlich ist, dort angebunden, wo es geistig und kulturgeschichtlich hingehört. Als mit der Taufe der Kiewer Rus das Christentum in Russland und der Ukraine seinen Anfang nahm, konnte Georgien bereits auf 650 Jahre christlicher Prägung zurückblicken. Diese Verankerung ist bis heute ungebrochen: Trotz sowjetischer Dürrejahre gehören 84 Prozent der Einwohner Georgiens der Georgischen Orthodoxen Kirche an. Hier leben aber auch armenische, chaldäische und katholische Christen, Juden und Muslime.

Im Widerstand gegen große, machthungrige Nachbarn haben die Georgier jahrhundertelange Erfahrung: Bedrängt und zeitweise erobert von Römern, Persern, Arabern, Türken, Mongolen, neuerlich von Türken und Persern und schließlich von den Russen, bewahrten sich die Georgier ihre Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Freiheit. Die Volksmentalität gibt diesem Sehnen seine Würze: In einem Land, in dem Pistolen und Patronengürtel zur männlichen Festtagstracht gehören, darf man sich über Kampfbereitschaft nicht wundern. Die Zaren brauchten Jahrzehnte, um die Bergstämme des Kaukasus niederzuringen. Wie 1921 die Sowjetunion das unabhängige Georgien eroberte und mit äußerster Brutalität unterjochte, schickt sich Moskau heute neuerlich an, mit Gewalt die Kontrolle über den Kaukasus zu gewinnen.

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