„Russland nur für Russen“

Das Riesenreich wird vom Rechtsextremismus erschüttert – Teile der Orthodoxie wirken daran mit

Russland wird erneut vom Terror heimgesucht. Vor wenigen Tagen explodierte eine Bombe unter dem „Newski Express“, einem Hochgeschwindigkeitszug, der Moskau mit St. Petersburg verbindet. 26 Passagiere wurden getötet, etwa 100 verletzt. Am folgenden Tag explodierte in der Nähe des ersten Kraters eine zweite Bombe. Nur durch Zufall entging der Leiter der Ermittlungskommission der Generalstaatsanwaltschaft dabei einer Katastrophe. Da Sicherheitskräfte und Bahnpersonal die Umgebung der ersten Bombe ausgiebig untersucht hatten, besteht sogar die Möglichkeit, dass die zweite Bombe nach der ersten Detonation gelegt worden war. Drei Tage später erfolgte ein Anschlag auf einen Zug von Tjumen im Ural nach Baku, der aserbaidschanischen Hauptstadt. In Dagestan, einer Nachbarrepublik von Tschetschenien, als die Strecke schon zum Großteil zurückgelegt war, explodierte unter einem Waggon eine Bombe nach dem gleichen Muster wie die vorherigen.

Die Serie von Attentaten hat im ganzen Land große Beunruhigung hervorgerufen. Patriarch Kirill I. forderte die Bevölkerung am Sonntag im Fernsehen auf, sich dem Terror zu widersetzen. Russland solle in Panik versetzt werden. Das Verbrechen habe dem russischen Volk den Fehdehandschuh hingeworfen. Dem müsse das Volk in Einheit und Geschlossenheit entgegenwirken, den Sicherheitskräften bei der Suche nach den Attentätern helfen. Offensichtlich geschieht das. Bei den Behörden gehen viele Hinweise ein, eine heiße Spur scheint noch nicht darunter zu sein. Immerhin verlautet, das die Ermittlungen auf rechtsextremistische Kreise verweisen, nicht auf islamistische. Es gibt Anhaltspunkte für diesen Aspekt. Im August 2007 war auf den gleichen Zug ein nahezu identisches Attentat verübt worden. Damals gab es 60 Verletzte, keine Toten. Als Täter wurde zwei Russen aus nationalistisch-extremistischen Zirkeln ermittelt und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Der Extremismus der Nationalisten ist nicht neu, neu ist sein Überhandnehmen unter der Jugend. Sie orientiert sich dabei an der nazistischen Ideologie des Rassenwahns, variiert fantasievoll das Hakenkreuz, grüßt mit ausgestrecktem Arm und feiert Hitlers Geburtstag mit entsprechendem Gepränge. „Mein Kampf“ ist Kultbuch, überall in russischer Übersetzung zu haben. Längst hat man sich in parteiähnlichen, straff geführten Organisationen zusammengeschlossen. Seit vorigem Jahr findet in Moskau und anderen Städten der „Russische Marsch“ statt, bei dem „Russland nur für Russen“ gefordert wird. Nicht genehmigte Treffen werden von der Miliz aufgelöst, aber im Gegensatz zu Kundgebungen oppositioneller Organisationen kommt es bei den „Märschen“ nicht zu Festnahmen oder Prügeleien. Rechtsextreme werden bei schweren Verbrechen meistens schnell verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt. Der siebzehnjährige Russe, der „Heil Hitler“ schrie, als er in einer Moskauer Synagoge ein Blutbad anrichtete, erhielt 13 Jahre Lagerhaft. Auch die Bombenleger vom Moskauer Kaukasiermarkt, die zehn Menschen töteten und viele verletzten, waren drei junge Russen, die schnell ermittelt und verurteilt wurden.

Ins Fadenkreuz der „Skinheads“ oder „Glatzköpfe“ geraten vor allem afrikanische oder asiatische Studenten, illegale Immigranten, Zigeuner, Juden und Gastarbeiter aus Zentralasien. Ziel der rechtsextremistischen Bewegung ist die Reinerhaltung der russischen „Werte“, ihrer „Traditionen“ und des „russischen Blutes“. Unterstützt wird sie nach Umfragen von 58 Prozent der Bevölkerung, ebenso viele wollen den Zuzug anderer Nationen verbieten. Morde an Kaukasiern und anderen „Nichtrussen“ werden zwar allgemein nicht gutgeheißen, aber doch nachsichtig beurteilt. Um diese Ziele weiter publik zu machen, bedient man sich jetzt auch des Internets. Dort wurde auf der Homepage der Rechtsextremisten unter der Devise „Opfer des Großen Spiels“ eine Liste der „Feinde der Nation“ mit Adressen und Telefonnummern veröffentlicht. Betroffen sind politische und im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten.

Involviert in diese Machenschaften sind auch Teile des orthodoxen Klerus und Monarchisten, die in der Rückkehr der Romanow-Dynastie die „Rettung Russlands“ sehen. Der heutige Chef des Hauses, Großfürst Nikolaj Romanow, Ur-ur-urenkel von Zar Nikolaj I. sieht das allerdings anders. In einem Interview mit einer russischen Zeitung sagte er, für Russland sei heute eine „Demokratie, die der Mentalität des russischen Menschen entspricht“, die beste Regierungsform. Die amerikanische Variante sei dafür ungeeignet. Eine Reinerhaltung des russischen Blutes sei für das Land unmöglich; es sei schon immer ein Vielvölkerstaat gewesen.

Die Attentate der letzten Woche zeigen überdeutlich, dass derartige Erklärungen, besonders der Aufruf des Patriarchen, eine Entwicklung stoppen müssen, die zu einer „nationalen Bedrohung“ werde, wie Putin sagt. Seine Erkenntnis kommt spät. Noch fehlt die Einsicht, dass die überbordende Putin-Verehrung in seiner zweiten Amtsperiode eine damals willkommene Stärkung des „Patriotismus“ in Gang setzte, der ständig wächst. Unternommen wurde dagegen wenig. Das Antiterrorgesetz von 2006 richtet sich gegen den Islamismus. Die „Skinheads“ dagegen brauchen nicht einmal konspirativ zu agieren. Sie bleiben vorerst unbehelligt.

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