Moskau

Russische Orthodoxie: Leidensgeschichte und Sendungsbewusstsein

Die russische Orthodoxie strebt nach einem engen Verhältnis von Regierung und Kirchenführung. Welche Rolle die Kirche sie in Russland spielt.
Orthodoxe Prozession in St. Petersburg
Foto: Dmitri Lovetsky (AP) | Orthodoxe Gläubige nehmen an einer Prozession entlang der Straße Newski-Prospekt teil, um den Jahrestag des Alexander-Newski-Klosters in St. Petersburg zu feiern. Russisch-orthodoxe Gläubige gedenken des 12.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche war bis 1917 Volkskirche und Staatskirche zugleich: mit ihrem Klerus nah am Volk, mit ihren Bischöfen nah am Zaren. Seit Peter dem Großen war der Zar oberster Schirmherr der Kirche. Die Bistumsgrenzen stimmten mit denen der staatlichen Gouvernements überein. Kirchenaustritt war nicht erlaubt. Aus dem von Byzanz ererbten Gottesgnadentum wuchs die Vorstellung, der russische Zar sei berufen, die orthodoxen Christen zu schützen   etwa auf dem Balkan und im Orient. Vom Westen grenzte man sich durch die Idee des heiligen Russland ab.

Mit Blick auf diese Wurzeln ist es wenig überraschend, dass die Hierarchie der russischen Orthodoxie nach einem engen, manche meinen symbiotischen Verhältnis von Regierung und Kirchenführung strebt. Präsident Wladimir Putin scheint in den Augen seiner Bewunderer mit Patriarch Kyrill jene Symphonie von Kirche und Staat zu suchen, die im kaiserlichen Byzanz als Ideal galt. Die Kirchenführung rühmt, dass Putin durch sein Eingreifen in Syrien die vom Westen im Stich gelassenen orientalischen Christen gerettet habe. Sie verteidigt seine Ukraine-Politik mit der These, ihre eigene religiöse Freiheit sei dort bedroht. "Indem wir Charkow einnehmen, sollten wir nach Kiew weiterziehen, und von Kiew nach Lwow (Lemberg), und von Lwow nach Warschau, und von Warschau nach Berlin", schreibt Diakon Vladimir Vasilik. Das ist nicht einfach Sowjet-Nostalgie, sondern hat einen missionarischen Impetus. In religiösen Schriften taucht immer wieder das Bild von Russland als "Katechon" der Völker auf, also eine Art Berufung Russlands, dem Bösen Widerstand zu leisten und das christliche Erbe jenseits der eigenen Grenzen zu verteidigen.

In keiner Weise den säkularen Charakter verlieren

Während der Westen aus russisch-orthodoxer Sicht gottlos geworden ist, konnte Patriarch Kyrill - so die amtliche Lesart - die Staatsführung in Moskau bewegen, Gott in die Verfassung aufzunehmen. Die neue Verfassung beinhaltet aber keine "Invocatio Dei", erst recht keine Anrufung der Dreifaltigkeit wie die Verfassung Griechenlands. Das wäre angesichts der Tatsache, dass mehrere Republiken der Föderation eine muslimische oder buddhistische Mehrheit haben, gar nicht denkbar. Kremlsprecher Dmitrij Peskov betonte ausdrücklich, dass der russische Staat "in keiner Weise seinen säkularen Charakter verlieren" werde.
Vertreter mehrerer Kirchen, des Islam und des Judentums sprachen sich für die Erwähnung Gottes in der Verfassung aus. Dennoch dämpft der katholische Bischof von Saratow, Clemens Pickel, die Erwartungen: "Russland ist ein weltlicher Staat, und dieser eine Satz, der künftig in der Verfassung steht, wird nichts daran ändern", sagte der aus Sachsen stammende Bischof jüngst in einem Podcast der Diözese Dresden-Meißen. Der Gottesbezug sei "ein Anachronismus", denn nach dem Erwachen des religiösen Bewusstseins ab 1991 sei mittlerweile "die Frage nach Gott wieder sehr verschüttet".

Nicht verschüttet sind aus orthodoxer Sicht die Fragen nach Tradition und Identität Russlands, und nach der Rolle der Orthodoxie. Auch hier lohnt ein Blick in die Geschichte: Die Bolschewiken gingen davon aus, dass ihre Revolution und ihr Vernichtungsschlag gegen die Religion irreversibel sei. Anfang 1918 erließ Lenin ein Dekret über die Trennung von Staat und Kirche, verbot den Religionsunterricht, erklärte allen kirchlichen Besitz zu Volkseigentum und unterwarf die Kirche der Kontrolle des atheistischen Staates. Patriarch Tichon sprach das Anathema über die Kommunisten: "Besinnt euch, ihr Wahnsinnigen, haltet ein mit eurem blutigen Tun, für das euch im künftigen, jenseitigen Leben das höllische Feuer zuteil wird, und eurer Nachkommenschaft der furchtbarste Fluch auf Erden."

Bis 1991 Recht auf atheistische Propaganda

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1918 setzte die bis dahin blutigste Christenverfolgung der Geschichte ein, gemäß dem Motto Lenins: "Wir müssen die Religion bekämpfen, das ist das ABC des gesamten Materialismus." Erst die militärische Lage 1943 zwang Stalin zu einem Kurswechsel: Er gewährte der Orthodoxie mehr Freiheiten und instrumentalierte sie zugleich im Kampf gegen die deutsche Aggression. Bis 1991 gab es in der Sowjetunion ein Recht auf atheistische Propaganda, aber nicht auf christliche Mission. Die Orthodoxie genoss Kultusfreiheit um den Preis der Regimetreue. Sie überlebte, durchsetzt von Agenten des KGB, an der kurzen Leine des Staates.

1991 bekam sie ihre Freiheit zurück, mit Putins Amtsantritt vor 20 Jahren faktisch auch eine staatstragende und identitätsbildende Rolle. Das zeigte sich zuletzt am Sonntag, als Patriarch Kyrill in Anwesenheit des Verteidigungsministers und hunderter Soldaten bei Moskau eine riesige "Kirche des Sieges" einweihte. Gemeint ist der Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland. Ein zunächst für die Kirche geplantes Stalin-Porträt wurde   im Einvernehmen Kyrills mit Putin   ins benachbarte Museum abgeschoben. Dennoch ist diese drittgrößte Kirche Russlands ein Bekenntnis der Orthodoxie zur Leidens- und Ruhmesgeschichte der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Und ein Beitrag zur Identitätspolitik Putins.

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