Rückkehr-Ökumene in neuem Licht

Das Paulus-Jahr ist eröffnet – Historische Begegnung von Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomaios

an den Gräbern des heiligen Petrus und des Völkerapostels

„Heute wurde Geschichte geschrieben“, sagten die einen. „Ein historisches Ereignis“, meinten die anderen. Der Besuch des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und einer umfangreichen Delegation der orthodoxen Kirche von Konstantinopel zum Fest Peter und Paul in Rom war ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur Kircheneinheit. Der theologische Dialog zwischen beiden Kirchen gehe voran, sagte Bartholomaios I. am Sonntag bei seiner Predigt zum Fest der Apostelfürsten im Petersdom. Beide Seiten verbinde die Hoffnung, so Papst Benedikt bei der gleichen Gelegenheit, „den Tag der vollen Einheit zwischen uns näherkommen zu sehen“. Gemeinsam hatten Papst und Patriarch am Vorabend mit einer feierlichen Vesper in Sankt Paul vor den Mauern das Paulus-Jahr eröffnet. Und zusammen beteten sie am Sonntag auf Griechisch das Glaubensbekenntnis in der für die Byzantiner üblichen Form – ohne das „filioque“.

Reich an symbolischen Handlungen und Gesten

Überreich an symbolischen Handlungen und Gesten waren die beiden römischen Tage im Gedenken an Petrus und den Völkerapostel. Selbst die Choreografie zur Eröffnung des Jubiläumsjahrs in der Paulus-Basilika ließ sich als Schlüssel für den Zustand der Ökumene deuten: Der Papst auf einem hohen weißen Thron in der Mitte der Apsis. Daneben zur Seite, auf gleicher Höhe, aber auf einem deutlich kleineren Stuhl, Patriarch Bartholomaios. Unten an den Stufen der anglikanische Erzbischof Drexel Gomez, Primas von Westindien und anwesend als Vertreter der anglikanischen Weltgemeinschaft, der auch eine Fürbitte vortragen konnte. Dann als Ehrengäste die Abordnungen der orthodoxen Patriarchate von Jerusalem und Moskau sowie aus Griechenland und Zypern. Fast schon im Publikum der evangelische Pastor von Rom.

Gemeinsam zogen Patriarch und Papst in Prozession durch den Kreuzgang der Basilika, gemeinsam entzündeten sie die Flamme des Paulus-Jahrs und zogen anschließend durch das sogenannte Paulus-Tor links neben dem Haupteingang in den Innenraum der Kirche. Auch bei der Festmesse am Sonntagmorgen im Petersdom feierten sie zusammen den Wortgottesdienst. Zuerst predigte der Patriarch, dann der Papst. Schließlich das gemeinsame Gebet des Glaubensbekenntnisses. Erst bei der Eucharistiefeier zog sich Bartholomaios aus dem Altarraum zurück. Aber den Friedensgruß haben beide mit strahlenden Mienen ausgetauscht.

Das Paulus-Jahr, das am 29. Juni 2009 enden wird, hat mit einer eindrucksvollen ökumenischen Geste begonnen. Sie war keine Begegnung der Patriarchate. Für sich hat Benedikt XVI. den Titel „Patriarch des Abendlandes“ aus dem Päpstlichen Jahrbuch streichen lassen. Es war eine Begegnung orthodoxer Patriarchate und vor allem des Ehrenoberhaupts der Orthodoxie mit dem Papst, dem Nachfolger Petri, der wiederum unter allen Ortskirchen apostolischen Ursprungs den „Vorsitz in der Liebe“ führt. Unterstrichen wurde diese Vorrangstellung des Bischofs von Rom am Sonntag im Petersdom durch die Verleihung der Pallien an die neuen Erzbischöfe der katholischen Kirche. Aus München begleitete eine Delegation der Diözese ihren Oberhirten Reinhard Marx, der mit 39 weiteren Erzbischöfen die schmale, mit schwarzen Kreuzen bestickte Stola aus der Hand des Papstes entgegennahm. Das Pallium drückt die Verbundenheit der Metropolitan-Erzbischöfe mit dem Nachfolger Petri aus. Die Schafe, aus deren Wolle man sie webt, werden eigens gesegnet. Vor der Verleihung bewahrt man sie am Petrusgrab auf. Die Abfolge symbolträchtiger Handlung wollte am Samstag und Sonntag kein Ende nehmen.

Rom hat in den vergangenen Jahren auch andere Jubiläen gefeiert, das etwa des Petersdoms oder das der Schweizer Vatikangarde, die beide das stolze Alter von fünf Jahrhunderten erreicht haben. Mit dem Blick auf den Apostel Paulus aber schaut es ganze zweitausend Jahre zurück bis in die Anfangszeit, als Petrus den Mut hatte, die Kirche mit der Taufe des römischen Hauptmanns Kornelius auch den Heiden zu öffnen, und der Völkerapostel aus der Missionierung der Nicht-Juden seine Lebensaufgabe machte. Petrus ging voraus, Paulus folgte, so hatte Papst Benedikt bei der Ankündigung des Jubiläums vor einem Jahr den heiligen Augustinus zitiert. Und wie damals ging der Papst auch jetzt in seiner Predigt am Fest der beiden Apostel wieder auf die Umarmung ein, mit der sich Petrus und Paulus vor ihrem Martyrium in Rom voneinander verabschiedet haben sollen. Die beiden so unterschiedlichen Männer – der eine ein Galiläer mit den Erfahrungen eines Fischers, der andere ein jüdischer Gelehrter mit griechischer Bildung und römischer Staatsbürgerschaft – wuchsen zu einer Einheit zusammen, weil ein Dritter zum gemeinsamen Maß ihres Lebens wurde: Jesus Christus. Die Kirche feiert ihr Fest an ein und demselben Tag.

Es gilt heute als ökumenisch verwerflich und völlig „political incorrect“, von „Rückkehr-Ökumene“ zu sprechen. Wenn es aber die Rückkehr zu der Einheit der beiden Apostel Petrus und Paulus wäre? Papst Benedikt verbindet mit dem Jubiläumsjahr in Erinnerung an den Völkerapostel einen starken ökumenischen Impuls, der vor allem in die Richtung der orthodoxen Schwesterkirchen geht. Die Lutheraner hingegen, deren geistigen Fundamente ohne die paulinische Theologie nicht denkbar wären, schienen bei der Eröffnung des Paulus-Jahrs auf merkwürdige Weise abwesend zu sein. Aber auch der anglikanische Erzbischof der Kirche von England, Rowen Williams, fehlte. Was in diesen Tagen über die Krise und Spaltung innerhalb der Gemeinschaft der Anglikaner zu hören ist, wäre nicht auch da ein Neuanfang, eine Rückkehr vonnöten?

Zu den historischen Wurzeln der Kirche zurück

Alles steht bereit, um in Rom das Andenken an den Völkerapostel zu vertiefen. Sinnfällig müssen Pilgerfahrten sein, da will man gehen, sehen, feiern. In der Basilika Sankt Paul vor den Mauern ist die Paulus-Pforte nun geöffnet, die Paulus-Flamme brennt – eine kleine Revolution, denn nach dem verheerenden Brand von 1823 war in der wieder aufgebauten Kirche das Anzünden von Kerzen abgesehen von denen auf dem Altar bis vor kurzem verboten. Der Sarkophag des Heiligen ist zu sehen, Gottesdienste und die Gelegenheit zur Beichte sollen aus dem Aufenthalt in der Basilika mehr machen als nur einen Touristen-Stop.

Weitere Stätten lassen sich in Rom besichtigen, die mit dem heiligen Paulus in Verbindung gebrachten werden: der mamertinische Kerker und die Hinrichtungsstätte Tre Fontane, wo heute eine Kirche steht. Auf der Pilger-Route, die eigens für das Paulus-Jahr eingerichtet wurde, fahren die Busse auch Orte ab, wo der Völkerapostel gewohnt und gearbeitet haben soll. Die Rückkehr zum heiligen Paulus kann für viele Gläubige die Rückkehr zu den historischen Wurzeln der Kirche werden. Und Patriarch Bartholomaios I. hat es eindrucksvoll vorgeführt, dass diese Rückkehr auch für andere christlichen Konfessionen eine tiefe Bedeutung hat. Das Wort „Rückkehr-Ökumene“ könnte im Paulus-Jahr 2008/2009 eine ganz neue Bedeutung erlangen.

Themen & Autoren

Kirche