„Romero ist wiederauferstanden“

El Salvadors neuer Präsident Funes weckt Hoffnungen auf eine Klärung des Mordes an dem Bischof

Den heutigen Dienstag begehen viele Bürger in El Salvador mit Gebeten und Andacht. Tausende werden wie jedes Jahr am 24. März die Kathedrale in der Hauptstadt San Salvador besuchen, wo die Gebeine von Oscar Arnulfo Romero ruhen. 1990 wurde ein Seligsprechungsverfahren eröffnet. Der Erzbischof hatte wie kein Priester zuvor in dem mittelamerikanischen Land die damalige Militärdiktatur kritisiert und seine Stimme für die Armen und Entrechteten erhoben. Auftragskiller erschossen Romero am 24. März 1980, während er die Messe zelebrierte. Die Schlagzeilen gingen um die Welt.

29 Jahre nach der Bluttat ist in El Salvador die Erinnerung lebendiger denn je. Neu belebt hat sie Mauricio Funes (49), frisch gewählter Präsident von El Salvador. In seiner ersten Ansprache seit seiner Wahl am 15. März bezog sich der erste linksgerichtete Präsident in der Geschichte El Salvadors ausdrücklich auf das Vermächtnis Romeros. Eine „Regierung im Geiste der nationalen Einheit“ kündigte er an, die die Armen bevorzuge, die Reichen aber nicht ausschließen wolle.

Die Referenz des designierten Präsidenten an den ermordeten Erzbischof ist kein Zufall. „Funes hat Romero immer wieder erwähnt“, sagt Edin Martínez, Direktor der Romero-Stiftung in San Salvador, der Funes seit langen Jahren kennt. Der ehemalige Romero-Schüler erwartet darum von der neuen Regierung eine Politik „im Dienste des Volkes, statt sich am Volk zu bedienen“.

Geradezu euphorisch fiel die Reaktion bei der Minderheit der nichtkatholischen Christen aus. Der lutherische Bischof Medardo Gómez sprach die Worte aus, die vielen Salvadorianern nach der Wahl durch den Kopf schossen: „Monsenor Romero ist wiederauferstanden.“

So populär der als Märtyrer verehrte Romero heute in El Salvador ist, verbunden mit ihm sind auch die Erinnerungen an den Bürgerkrieg, der mit den Schüssen am 24.3.1980 begann. Die Linksguerilla FMLN rief damals dazu auf, Armut und Unterdrückung mit Waffengewalt zu bekämpfen. Paramilitärische Todesschwadronen und die reguläre Armee gingen wiederum gegen tatsächliche oder vermeintliche Guerilleros vor. Mehr als 70 000 Menschen kamen um, die meisten von ihnen Bauern und andere unschuldige Zivilisten, bis Regierung und Guerilla 1992 Frieden schlossen.

Aufhorchen lässt darum, dass mit Funes erstmals ein Kandidat der FMLN die Wahl gewann. Möglich war das laut den Wahlanalysen, weil Funes den Wandel der FMLN von der Guerillatruppe zur politischen Partei verkörpert und für die Abkehr von Ideologie und Konfrontation steht. Der 49-Jährige, der einen Bruder im Bürgerkrieg verlor, nahm selbst nie an Kampfhandlungen teil und trug nie Uniform. Sein Markenzeichen sind vielmehr edle Anzüge und Designerbrillen. Glaubwürdigkeit erwarb er sich in seiner 21-jährigen Tätigkeit als Fernsehjournalist, der er vor seinem Eintritt in die Politik nachging, zuletzt als Korrespondent des US-Senders CNN. In ganz Lateinamerika ist Funes darum als hartnäckiger Interviewer bekannt. In seiner langen Fernsehkarriere interviewte er unter anderem Fidel Castro und Hugo Chávez (Venezuela). Stets machte Funes klar, dass er den linkspopulistischen Stil von Chávez ablehnt, die Reformpolitik von Brasiliens Präsident Lula hingegen unterstützt.

Wenn Funes am 1. Juni sein Amt antritt, übernimmt er ein zerrüttetes Land. Seit 1989 regieren in El Salvador Präsidenten der rechtsgerichteten Partei ARENA, die aus der früheren Militärregierung hervorgegangen ist. Sie ersetzte die nationale Währung durch den US-Dollar und schloss sich als erstes Land Mittelamerikas dem zentralamerikanischen Freihandelsabkommen mit den USA an. Doch Wohlstand brachte es nur wenigen.

29 Jahre nach dem Märtyrertod Romeros herrscht in El Salvador immer noch Elend. Laut der offiziellen, tendenziell geschönten Statistik gelten 35 Prozent der knapp sieben Millionen Einwohner als arm. Viele Familien überleben nur dank den Überweisungen ausgewanderter Familienangehöriger in den USA, wo inzwischen mehr als jeder vierte Bürger des Landes lebt. Wie kein anderes Land der Welt hängt El Salvador von solchen Rimessen ab. Sie machen fast 18 Prozent der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandprodukt) aus. Hinzu kommt die massive Alltagsgewalt, der inzwischen zwölf Menschen im Tagesdurchschnitt zum Opfer fallen – so viel wie während des Bürgerkrieges. Schuld daran sind extrem gewalttätige Jugendbanden, eine Folge der aufgelösten Familienstrukturen, aber auch außergerichtliche Hinrichtungen durch staatliche Sicherheitskräfte. Die schlecht ausgestattete Justiz bleibt meist tatenlos, denn der Staat hat zu wenig Geld für Polizei und Strafverfolgung, eine Folge der massiven Steuerflucht salvadorianischer Unternehmer. Insgesamt machen die Steuereinnahmen El Salvadors 13 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Das ist zu wenig für ein funktionierendes Staatswesen, wie das UN-Programm für Entwicklung (UNDP) mahnte. Funes hat die Reichen El Salvadors zu einem Steuerpakt aufgerufen. Damit will er den Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen in El Salvador vorantreiben, aber auch nötige Sozialprogramme. Senken will er die Mehrwertsteuer, zugunsten der Armen. Ausdrücklich ausgeschlossen hat er radikale Maßnahmen. Es werde keine Enteignung geben, keine Abkehr vom Freihandel mit den USA und keine Abkehr vom US-Dollar als Landeswährung, versprach der FMLN-Politiker nach der Wahl.

Positiv auf den Machtwechsel reagierte bereits die US-Regierung, die noch während des Bürgerkrieges die damalige Militärregierung und später stets die ARENA unterstützt hatte. Vergangenen Mittwoch rief US-Präsident Barack Obama den designierten Präsidenten El Salvadors an und sicherte ihm seine Unterstützung zu. Für Funes dürfte es eine besondere Genugtuung gewesen sein. Wie kein anderer lateinamerikanischer Politiker hatte er seinen Wahlkampf im Stile Obamas geführt und dessen Slogans teils wörtlich übernommen.

Im Stile seines US-Vorbilds Obama hat Funes angekündigt, auch „rechte Politiker“ in sein Regierungsteam aufzunehmen. Denn mit 51, 3 Prozent der Stimmen hat Funes die Präsidentenwahl nicht nur denkbar knapp gegen den ARENA-Kandidaten Rodrigo Ávila gewonnen. Funes ist auch im Parlament auf die Unterstützung der ARENA oder anderer, kleiner Rechtsparteien angewiesen. Dort ist die FMLN bei den Wahlen im Januar mit 35 Sitzen als stärkste Fraktion hervorgegangen, aber weit von der absoluten Mehrheit der 84 Sitze entfernt.

Einholen wird Funes in seiner fünfjährigen Amtsperiode auch die unbewältigte Vergangenheit El Salvadors. Gerichtlich aufgeklärt ist der Mord an Romero bis heute nicht. Genau das will die Romero-Stiftung fordern. „Wir müssen endlich die Wahrheit erfahren“, sagt Direktor Martínez. Unter den bisherigen Rechtsregierungen sei das nicht möglich gewesen, jetzt aber werde es „sehr großen Druck der Bürger“ geben. „Es ist wichtig, dass es ein Gerichtsverfahren gibt, auch für die Zukunft des Landes.“

Ein UNO-Bericht nach dem Bürgerkrieg wies auf den 1992 verstorbenen Roberto D'Aubuisson, Führer der paramilitärischen Todesschwadronen und späterer Gründer der ARENA, als geistigen (intellektuellen) Urheber der Tat hin. Nicht oder unvollständig aufgearbeitet sind viele weitere Greueltaten aus dem Bürgerkrieg, darunter der Mord an sechs Jesuitenpatres im Jahr 1988.

Etwas Zeit will Martínez dem neuen Präsidenten allerdings noch lassen, denn schließlich gelte es, dringende Probleme zu lösen. Spätestens in einem Jahr, zum 30. Jahrestag des Mordes, will Martínez eine Kampagne starten, die die Aufklärung fordert – falls die Gerichte bis dahin nicht ohnehin tätig geworden sind. Er sagt: „Ich glaube an die Bereitschaft der neuen Regierung, etwas zu bewegen.“

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