Römische Begegnung zweier Weltmächte

Präsident Obama besucht den Papst – Allen Höflichkeiten zum Trotz, um die Beziehungen zwischen US-Führung und Kirche steht es nicht gut. Von Guido Horst
Foto: dpa | Lächeln für die Kameras: US-Präsident Barack Obama zu Gast bei Papst Franziskus in Rom. Der Heilige Vater wirkte bei dem Treffen angespannter als üblich.
Foto: dpa | Lächeln für die Kameras: US-Präsident Barack Obama zu Gast bei Papst Franziskus in Rom. Der Heilige Vater wirkte bei dem Treffen angespannter als üblich.

Nieselregen, kühler Wind und bedeckter Himmel: Das war alles andere als Kaiserwetter, mit dem Rom am Donnerstag den amerikanischen Präsidenten empfangen hat. Nach dem G7-Gipfel in Brüssel ist Barack Obama zu zwei „eisernen Verbündeten“ weitergereist: Italien und Saudi-Arabien. Doch in der Ewigen Stadt stand noch ein weiterer „Staatsbesuch“ auf dem Programm: Papst Franziskus.

Wer erwartet hatte, Präsidenten-Gattin Michelle würde ihren Mann bei der Visite im Apostolischen Palast – sowie wie bei der Begegnung mit Benedikt XVI. im Jahr 2009 – begleiten, wurde enttäuscht: Obama war am Vorabend ohne Familie eingeflogen. Und so mussten sie sich – mit Hilfe von zwei Dolmetschern – alleine austauschen: der lateinamerikanische Papst und der amerikanische Präsident, in gewisser Weise der große „Anti-Franz“ – beide in gewisser Weise die Chefs zweier Weltmächte. Denn es steht nicht gut mit den Beziehungen zwischen der Führung der Vereinigten Staaten und der katholischen Hierarchie des Landes. In Fragen des Lebensschutzes, dem Schutz von Ehe und Familie sowie der Achtung der persönlichen Gewissensfreiheit – etwa im Zuge der Gesundheitsreform und der sogenannten „reproduktiven Gesundheit“ – tut Obama das genaue Gegenteil von dem, was die amerikanischen Bischöfe wollen und was Franziskus predigt. Und viele Katholiken in den Vereinigten Staaten laufen Sturm. Das allerdings hinderte den amerikanischen Präsidenten nicht daran, ihn vorgestern mit den Worten zu begrüßen, es sei „wunderbar“, Franziskus zu treffen, er sei ein großer Bewunderer von ihm. Begleitet wurde Obama bei seinem Besuch im Vatikan vom amerikanischen Außenminister John Kerry und der nationalen Sicherheitsberaterin Susan Rice.

Es fiel auf, dass Papst und Präsident nach fünfzigminütiger Unterredung mit leicht angespannten Gesichtern das Studio von Franziskus verließen. Vor allem letzterer tat sich schwer, entspannt zu wirken. Immerhin gab es nun auch etwas zu la-chen. Beim Austausch der Geschenke fiel krachend das Futteral einer Schatulle zu Boden, in dem einige Münzen als Geschenk des Papstes auf den Gast aus dem Weißen Haus warteten. Erzbischof Georg Gänswein hatte es eilig, das Arrangement wieder zu richten. Der Präsident übergab Franziskus eine Schachtel mit Samen von Früchten und Gemüse aus den Gärten des Weißen Hauses für die Vatikanischen Gärten. Der Papst hingegen übergab Obama eine Ausgabe von „Evangelii Gaudium“ sowie, neben den Münzen, eine Medaille, die einen Friedensengel zeigt.

Der amerikanische Präsident sagte zu Franziskus, er werde das Apostolische Schreiben im „Oval Office“ lesen, wenn er frustriert sei. Und am Nachmittag, bei der Pressekonferenz mit dem italienischen Regierungschef Matteo Renzi, gab Obama dann bekannt, er habe den Papst bei seinem Treffen eindringlich darum gebeten, die Vereinigten Staaten zu besuchen. Die Menschen dort seien verrückt danach, den Papst zu sehen, so Obama.

Das vatikanische Kommuniqué nach der Präsidenten-Visite war verhältnismäßig knapp: Themen der „herzlichen Gesprä-che“ – Obama und Kerry trafen anschließend auch noch mit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin zusammen – seien die Religionsfreiheit, der Lebensschutz und die Anerkennung von Gewissensentscheidungen gewesen, teilte das Pressebüro des Vatikans am Mittag mit. Weiterer Gegenstand der Unterredung: die Reform der Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten. Und man habe sich über friedliche Beilegung von Konflikten in der Welt und die Achtung der Menschenrechte sowie des Völkerrechts unterhalten. Papst und Präsident hätten sich zudem für den Kampf gegen Menschenhandel ausgesprochen.

Für Franziskus hatte der Tag sehr früh mit einer anderen „politischen Geste“ begonnen: Von den knapp tausend Abgeordneten, die in den beiden Kammern des italienischen Parlaments – dem Senat und dem Abgeordnetenhaus – sitzen, war etwa die Hälfte zur Frühmesse des Papstes gekommen. Und da die Kapelle des Gästehauses Sancta Marta keine fünfhundert Perso-nen fassen kann, fand der Gottesdienst im Petersdom statt, am Kathedra-Altar. Viele Ministerinnen und Minister saßen in der ersten Reihe. Der Regierungschef allerdings ließ sich entschuldigen. Renzi hat aber auch keinen Sitz im Parlament.

Und Franziskus wäre nicht Franziskus, wenn er den Politikern nicht ordentlich ins Gewissen geredet hätte: In der Zeit Jesu habe es eine politische Klasse gegeben, die sich vom Volk entfernt habe, sagte er in seiner Predigt. Parteiinteressen und Kämpfe untereinander, all das habe die Energien der Regierenden so sehr in Anspruch genommen, dass sie den Messias nicht erkannt hätten, als er kam. „Das Herz dieser Menschen, dieser Gruppe von Menschen, war dermaßen verhärtet, dass es unmöglich war, die Stimme des Herrn zu vernehmen... Es ist so schwierig, dass es einem so Korrumpierten gelingt, umzukehren. Dem Sünder gelingt das eher, weil der Herr barmherzig ist und immer auf uns wartet.“ Aber der Korrumpierte sei auf seine eigenen Dinge fixiert, was bedeute, dass er verkommen sei. Es seien Personen, die sich gegen die Erlösung durch die Liebe des Herrn wehrten, fuhr der Papst fort. Sie seien zu Menschen mit guten Manieren, aber schlimmen Gewohnheiten geworden. Jesus habe sie „weiß getünchte Gräber“ genannt. Die italienischen Fernsehsender jubelten am Abend, dass Franziskus vor den Politikern von Korrupten und Verkommenen sprach.

Da hatte Barack Obama sein Besuchsprogramm in Rom abgeschlossen: Nach Papst und Vatikan, in den sich über die ge-sperrte Via della Conciliazione kommend eine etwa vierzig Wagen lange Autokolonne des Präsidenten geschoben hatte, war es zum Mittagessen mit Staatspräsident Giorgio Napolitano auf den Quirinalshügel gegangen, am Nachmittag zum Gespräch mit Matteo Renzi in die Villa Madama am Monte Mario nördlich des Vatikans, dann wieder ins Zentrum zu einem Spaziergang durch das Kolosseum. Mit anderen Worten: Gesperrte Straßen, blockierter Verkehr, für einen gesamten Tag wurde das Fahren durch Rom zum Hindernislauf.

Aber für die Italiener hat es sich gelohnt. Obama sprach Renzi und seinen Reformplänen bei der anschließenden Pressekonferenz das volle Vertrauen aus. Der amerikanische Präsident wollte dem jüngsten Ministerpräsidenten Europas den Rücken stärken – als treuer Militärpartner der Vereinigten Staaten schickt sich Italien gerade an, die von den Amerikanern entwickelten Militärjets F 35 zu kaufen, obwohl das Geld dringend anderswo benötigt wird. Mit dem ältesten Staatspräsidenten Europas, dem alten Kommunisten Giorgio Napolitano, dürfte Obama auch über Russland und die Krim-Krise gesprochen haben. Die beiden Präsidenten sprachen an diesem Tag nun wirklich unter vier Augen, das Englisch von Napolitano ist nahezu perfekt. Das von Franziskus nicht – vielleicht auch ein Grund dafür, dass der in der Regel sehr gelöst wirkende Papst aus Lateinamerika bei Obama nicht richtig in Schwung kommen wollte.

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