Paris

Robert Schuman: Ein wahrer Christdemokrat

Wer könnte – bis heute – besser verkörpern, was Christdemokratie meint als Robert Schuman? Die Entscheidung des Papstes, dem französischen Politiker den „heroischen Tugendgrad“ zuzusprechen, kommt zur rechten Zeit.
Papst will EU-Vordenker Robert Schuman selig sprechen
Foto: Sidney Smart (AP)

Personen statt Programme: Das empfehlen Werber und Wahlkampf-Manager. Mit Recht, denn niemand studiert leidenschaftlich Parteiprogramme, aber der Mensch interessiert sich nun einmal für Menschen. Er hat ein feines Sensorium für Glaubwürdigkeit. Wenn ein Politiker lebt, was er lehrt, wächst Vertrauen. Wer könnte – bis heute – besser verkörpern, was Christdemokratie meint als Robert Schuman: durch und durch Christ und Demokrat, mutig und konsequent, selbstlos und opferbereit? Mehr noch: Wen könnte die Kirche uns – in einer an christlichen Politikern eher armen Zeit – als Vorbild, Muster und Prototyp des christlichen Politikers vor Augen stellen? Die Entscheidung des Papstes, Schuman den „heroischen Tugendgrad“ zuzusprechen, kommt also jedenfalls zur rechten Zeit.

Baumeister der deutsch-französischen Freundschaft

Lesen Sie auch:

Der 1886 in Luxemburg geborene französische Staatsmann instrumentalisierte das Christentum nicht als Waffe in der politischen Schlacht oder als ideologische Floskel. Es formte sein Leben und Denken: Priester wäre er nach dem Unfalltod seiner Mutter gerne geworden; ein christlicher Politiker, Baumeister der deutsch-französischen Freundschaft wie der europäischen Einigung wurde er. In der französischen Innenpolitik verkörperte Schuman bereits in der Zwischenkriegszeit die Alternative zum religionsfeindlichen Laizismus wie zum kapitalistischen Individualismus: Schuman war „sozial weil katholisch“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bahnte der zeitlebens zölibatär lebende Politiker der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich sowie der europäischen Integration den Weg. Sein pragmatisches Vorgehen entsprang einer idealistischen Zielsetzung. Die europäischen Sonntagsreden unserer Tage setzen oft umgekehrt an, indem sie von rhetorischem Pathos triefen, aber ins Utopische wabern. Schuman war ein Mann der konkreten Tat, gerade weil er ein hochherziges Ziel hatte. Und er war – anders als viele der im Nirwana europäischer Werte verirrten Heutigen – ein Mann konkreter Tugenden, gerade weil er auf dem festen Boden des christlichen Glaubens stand.

Politische Niederlagen konnten ihn weder biegen noch brechen: Obgleich ihn die Nazis in Sonderhaft hielten (aus der er entfloh), wurde er im französischen Parlament als Deutscher beschimpft. Sein heute allseits gerühmter Plan zur europäischen „Solidarität der Tat“ kostete ihn zunächst die politische Karriere. Doch Schuman ist – wie die hoffentlich schon bald bevorstehende Seligsprechung unterstreicht – von ungebrochener Aktualität, weil ihm das Gewissen wichtiger war als die Karriere. Ein wahrer Christdemokrat eben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Stephan Baier Französisches Parlament Idealismus Individualismus Katholizismus Nationalsozialisten Niederlagen und Schlappen Päpste Robert Schuman Staatsmänner Unfalltod

Kirche

Kathedrale von Oviedo
Reliquien

Die Schätze von „San Salvador“ Premium Inhalt

Vor 1 200 Jahren wurde die Kathedrale von Oviedo geweiht. Ihre wichtigste Reliquie ist das Schweißtuch, das der Überlieferung nach bei der Kreuzabnahme über das Gesicht Jesu gelegt wurde.
24.10.2021, 13 Uhr
José García