Risse im Regenbogen

In Südafrika ist wieder die Hautfarbe entscheidend, diesmal die schwarze

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist nicht nur aus sportlicher Sicht ein Großereignis, sie soll auch das Image Südafrikas als Investitionsstandort und Reiseland stärken und somit der Wirtschaft einen kräftigen Schub verleihen. Etwa 36 Milliarden Euro hat die Regierung seit 2006 investiert, um für das Großereignis gerüstet zu sein – in den Bau der Stadien, in Verkehrsprojekte oder Sicherheitsmaßnahmen. Um 2, 3 Prozent werde das Bruttoinlandsprodukt 2010 steigen, schätzt Finanzminister Peter Gordhan. Und die WM-Touristen sollen noch mehr Geld ins Land bringen. Kritiker teilen den Optimismus allerdings nicht: Sie verweisen auf Südkoreas enttäuschende Erfahrungen als WM-Gastgeber 2002. Man rechnet am Kap inzwischen nicht mehr mit 500 000, sondern höchstens noch mit 350 000 Auslands-Gästen. Die Wirtschaftskrise und teure Airline-Tickets für Langstreckenflüge haben manchen Europäer abgeschreckt – und die Sorge vor mangelnder Sicherheit im Gastgeberland. Selbst die Regierung in Pretoria, die die Problematik gerne verharmlost, warnt die Touristen, acht zu geben auf ihre Sicherheit.

Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu indes hofft, dass die Begeisterung der WM zur Versöhnung der tief gespaltenen Gesellschaft Südafrikas beitragen werde. Und Präsident Jacob Zuma, ein praktizierender Polygamist und vor seiner Wahl wegen mehrerer Sexualverbrechen angeklagt, setzt auf die Chance Südafrikas, „zur Lokomotive des Wandels und der Entwicklung in Afrika“ zu werden. Seine Versprechen – neue Wohnhäuser, Internate und Berufsschulen –, hat er freilich noch immer nicht umgesetzt. In seiner ersten Rede an die Nation vor einem Jahr wurde Zuma noch gefeiert für die Ankündigung, bis Ende 2009 in einem öffentlichen Beschäftigungsprogramm 500 000 Jobs zu schaffen, bis 2014 sogar vier Millionen. Tatsächlich hat Südafrika seit seinem Amtsantritt 500 000 Jobs verloren. Die Frustration ist groß: Die Zeit seit dem Ende der Apartheid ist für viele Südafrikaner eine Geschichte der Enttäuschung. Mit der Aufhebung der Rassentrennung haben sich die Erwartungen für die meisten Schwarzen nicht erfüllt, Armut und soziale Ungleichheit sind geblieben und die sozialen Trennlinien verlaufen noch immer entlang der Rassengrenzen: 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid lebt der große, schwarze Teil der Bevölkerung in gravierender Armut. Und das Nebeneinander von erster und dritter Welt führt zu erheblichen sozialen Spannungen, die von der Perspektivlosigkeit eines unzureichenden Bildungssystems noch verschärft werden. Die Folgen sind steigende Frustration, Gewaltbereitschaft und Kriminalität.

Von Verhältnissen wie im Nachbarland Simbabwe ist Südafrika zwar noch weit entfernt. Doch völlig undenkbar sind Übergriffe der schwarzen Mehrheit auf die Weißen nicht mehr. So provoziert der Führer der Jugendorganisation der Regierungspartei ANC, Julius Malema, immer wieder, singt öffentlich alte Lieder, die zum Töten der Buren und Farmer aufrufen. Präsident Jacob Zuma hält trotzdem große Stücke auf Malema und sieht ihn ihm einen „zukünftigen Leader“. Einige feiern ihn sogar schon als zukünftigen Präsidenten Südafrikas. Doch kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft, während der die ganze Welt auf Südafrika blickt, rief Zuma seinen Kampfhund erstmals zurück und kritisierte ihn ungewöhnlich scharf. Traurige Realität: Seit 1994 wurden mehr als tausend Farmer ermordet. Die Landwirtschaftsorganisation AfriForum sieht hinter den Taten weniger einzelne Kriminelle als organisierte Militante, die mit dem Terror die Farmer zur Aufgabe ihres Besitzes zwingen wollen. Diesem Ziel haben sich offensichtlich auch die Radikalen in der Regierungspartei ANC verschrieben. Bis 2020 sollen über 30 Prozent des kommerziellen Farmlandes an schwarze Farmer übergehen. Viele weiße Farmer wurden dazu gedrängt, ihren Besitz zu verkaufen. In der Provinz Limpopo hat dies dazu geführt, dass Dutzende von Farmen nicht mehr bewirtschaftet werden, weil den neuen schwarzen Besitzern das Know-how und das nötige Geld fehlen, um zu investieren.

Anders als in Simbabwe, wo der Rassismus der schwarzen Machthaber ganz offen praktiziert wird und zu einem Exodus der hellhäutigen Bevölkerung geführt hat, werden die Weißen in Südafrika heute eher schleichend aus dem Land gedrängt. Die „Affirmative Action“-Politik soll dazu führen, dass überall Schwarze bevorzugt eingestellt und vor allem in Führungsetagen gehievt werden. Eine umgekehrte Apartheid. Dazu gibt es für die Privatwirtschaft konkrete Vorgaben des Staates, die festlegen, dass bis zu 60 Prozent der Posten an Nichtweiße zu vergeben sind. Und „Black Economic Empowerment“, das schwarze Wirtschaftsprogramm, soll die Besitzverhältnisse der einst nahezu blütenweißen Industrie so verändern, dass zunächst zehn, bald 25 und langfristig bis zu 50 Prozent der Unternehmen in schwarzem Besitz zu sein haben. Der Übernahme der politischen Macht im einstigen Apartheidland soll die Erringung der wirtschaftlichen folgen. Öffentliche Aufträge sind bereits an die Einbeziehung schwarzer Partner gebunden. Nicht Effizienz also ist entscheidet, sondern die Hautfarbe.

Wer denkt, alle Weißen sind reich, der hat sich getäuscht. In Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas, gibt es Siedlungen für arme Weiße, die von einer Afrikaner-Hilfsorganisation Unterstützung erhalten. Häuser, in denen früher die schwarzen Hausangestellten der Weißen lebten, sind heute letzte Zuflucht für verarmte Weiße. Es ist wie ein Rollentausch. Seit der African National Congress ANC 1994 die Macht in Südafrika übernommen hat und sich bemüht, die Beschäftigungsquote der schwarzen Bevölkerung mit neuen Gesetzen zu befördern, hat sich unter der weißen Bevölkerung eine neue Armutsschicht herausgebildet. Schätzungen zufolge leben etwa zehn Prozent der 4, 5 Millionen Weißen in Südafrika unter der Armutsgrenze. Ein Tabuthema. Die Political Correctness hat dafür gesorgt.

Nelson Mandela, der erste schwarze Präsident Südafrikas, hat den Begriff der „Regenbogennation“ als Symbol für die Vielfältigkeit der südafrikanischen Gesellschaft geprägt. Südafrika war stolz darauf, dass nach dem Ende der Apartheid Menschen aller Hautfarben hier friedlich miteinander leben konnten. Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission tagte jahrelang und amnestierte reuige Apartheid-Täter. Doch die Versöhnung ist brüchig geblieben, der Regenbogen hat Risse bekommen. Nach dem Rausch der Fußball-Weltmeisterschaft muss darum gerungen werden, dass er Bestand hat.

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