Rette sich, wer kann

Wenn die Geretteten angesichts ihrer Retter bei Opel ganz schnell „aktiv werden“

Von Johannes Seibel

In der monatelangen Hängepartie um die Zukunft von Opel droht die Belegschaft der Ex-Mutter General Motors (GM) mit Aktionen. Sollte es bis Ende dieser Woche keinen Beschluss geben, werde die Belegschaft aktiv werden, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz am Montag im Deutschlandfunk.

Oh je, oh je, wenn das mal keinen Ärger gibt. Die Belegschaft hat beschlossen, aktiv zu werden? Ja, haben die denn die vergangenen Jahre alle geschlafen? Wenn ja, dann wäre es kein Wunder, dass es mit dem deutschen Autobauer so bergab gegangen ist. Und jedem wäre klar, woran's liegt – die Männer am Band waren einfach nicht „aktiv“. Aber das kann der Gewerkschafter Franz nicht gemeint haben.

Die deutsche Sprache hat so ihre Tücken, vor allem dann, wenn die Funktionäre und Politiker dieser deutschen Welt in ihren gestanzten Floskeln daherreden.

Warum sagt der Herr Franz nicht einfach, was die Opelaner tatsächlich tun wollen – mit Tätigkeitswörtern wie streiken, demonstrieren, Protestbriefe schreiben oder Produktionshallen abfackeln und GM-Manager entführen, was wohl in ähnlichen Situationen französische Arbeiter ihren deutschen Kollegen empfehlen würden, anstatt ein „aktiv werden“ kryptisch in die Welt zu setzen?

Vielleicht liegt es auch daran, dass derzeit vor der Bundestagswahl selbst der wackerste Betriebsrat vor lauter Rettung ganz kirre wird. Denn die Politiker retten derzeit alles, was ihnen in die Quere kommt – von Quelle über Arcandor bis hin zu Opel, in Bochum, Rüsselsheim, Kaiserslautern oder Fürth, und retten so zumindest Ministeramt, Landtags- oder Bundestagsmandat.

Kein Wunder, wenn da die Geretteten angesichts ihrer Retter nur noch an ein „Rette sich, wer kann“ denken können – und ganz schnell „aktiv werden“.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann