Rebellen wollen keine Rache

Gaddafi will bis zum „Märtyrertod oder Sieg“ kämpfen – Medwedew sieht eine „Doppelherrschaft“ – Sandinisten bieten Diktator Asyl an
Foto: dpa | Rebellen triumphieren auf den einstigen Machtsymbolen Gaddafis in Tripolis.
Foto: dpa | Rebellen triumphieren auf den einstigen Machtsymbolen Gaddafis in Tripolis.

Tripolis/Managua/Brüssel (DT/dpa) Die libyschen Rebellen wollen im kommenden Frühjahr Parlaments- und Präsidentenwahlen ausrichten. Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, kündigte Wahlen acht Monate nach dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi an. „Wir wollen eine demokratische Regierung und eine gerechte Verfassung“, sagte Dschalil der Tageszeitung „La Repubblica“ in Benghasi. „Vor allem wollen wir nicht mehr isoliert sein von der Welt, wie wir es bisher noch sind.“ Dschalil sicherte zu, dass die Menschenrechte und der Rechtsstaat respektiert werden sollen. Das neue Libyen werde besondere Beziehungen zu den Ländern unterhalten, „die unseren Befreiungskampf von Anfang an unterstützt haben.“ Libyen werde alle zuvor eingegangenen Verträge achten. Er wolle keine Racheakte und Exekutionen, sondern dass Gaddafi und seine Familie gefangen und vor Gericht gestellt würden, sagte er.

Der libysche Despot Muammar al-Gaddafi zeigte sich am Mittwoch trotz aller militärischen Rückschläge unbeugsam. Nach der Erstürmung seines Hauptquartiers durch Rebellen rief der 69-Jährige die Bevölkerung am Morgen in einer Audiobotschaft zum Widerstand auf. Zuvor hatte Gaddafi in einer Audionachricht angekündigt, er werde bis zum „Märtyrertod oder Sieg“ kämpfen. In seiner Residenz fielen am Mittwoch noch vereinzelt Schüsse. Auch in der Nähe des internationalen Flughafens in Tripolis und im südwestlichen Vorort Al-Hadaba al-Chadra lieferten sich Aufständische und Anhänger Gaddafis Gefechte. Laut Al-Jazeera griffen Regierungstruppen in der Nacht zudem die Rebellen-Hochburg Misrata mit Scud-Raketen an, die aus Sirte, der Heimatstadt Gaddafis, abgefeuert wurden.

Trotz der Erfolge der Rebellen hat Gaddafi nach Ansicht des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew weiter Einfluss und militärische Macht. „Tatsächlich gibt es in dem Land eine Doppelherrschaft“, sagte Medwedew am Mittwoch. Das militärische Potenzial von Gaddafis Anhängern sei nicht erschöpft. Ein Rebellensprecher sagte hingegen, die Frage sei nicht mehr, wo sich Gaddafi aufhalte, sondern nur noch, wann er festgenommen werde. Die Aufständischen hatten am Dienstag die Residenz des Diktators in Bab al-Asisija in Tripolis eingenommen, von Gaddafi fehlte aber jede Spur. Auch am Mittwoch blieb unklar, ob er sich in Tripolis versteckt hat oder in den Süden des Landes geflüchtet ist. Die BBC meldete unter Berufung auf den Gaddafi-treuen Sender al-Urubah, dass Gaddafi seinen Rückzug aus Bab al-Asisija als „taktisches Manöver“ bezeichnet habe. Die Anlage sei bereits durch 64 Nato-Luftangriffe in den vergangenen Monaten zerstört worden, habe er gesagt. Nach eigenen Angaben spazierte Gaddafi unerkannt durch Tripolis, ohne eine Gefahr zu erkennen, wie der arabische Sender Al-Arabija berichtete.

Unterdessen kündigte die sandinistische Regierung Nicaraguas an, Gaddafi Asyl zu gewähren, falls dieser dies wünsche. „Wenn jemand uns um Asyl bitten würde, hätten wir dem positiv Rechnung zu tragen“, sagte Bayardo Arce, einer der engsten Mitarbeiter des sandinistischen Präsidenten Daniel Ortega, am Dienstag in Managua. Ortega hatte seinem langjährigen Alliierten in der aktuellen Krise mehrfach Hilfe und Solidarität zugesagt.

Die Europäische Union kann nun humanitäre Hilfe für die Bevölkerung Libyens leisten. „Wir sind bereit“, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung der zuständigen EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa. In den vergangenen Monaten seien Lager von Hilfsgütern in dem von Rebellen kontrollierten Osten des Landes angelegt worden. Diese könnten nun mit Hilfe der Vereinten Nationen an Ort und Stelle geschafft und eingesetzt werden. Am dringlichsten sei Hilfe für die Krankenhäuser. Die EU sei darauf eingestellt, medizinische Ausrüstung zu liefern, um eine Versorgung der zahlreichen Verletzten und Kranken zu ermöglichen. Eine andere Dringlichkeit sei Hilfe beim Aufspüren und Entschärfen von Landminen, um die Rückkehr der Bevölkerung in ihre Heimatorte und die Arbeit auf Feldern zu ermöglichen. Außerdem setze die EU ihre Unterstützung der Flüchtlinge fort. Georgiewa erklärte, die Hilfe gelte allen Libyern, die darauf angewiesen seien. Die EU hatte 80 Millionen Euro für humanitäre Hilfe bereitgestellt.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann