„Raus aus der Wohlfühlzone“

Impressionen vom diesjährigen „Marsch für das Leben“ in Berlin. Von Alexandra Maria Lindner
Foto: dpa | Immer mehr Teilnehmer beim „Marsch für das Leben“. Doch Gegendemonstranten sorgten für tumultartige Zwischenfälle.
Foto: dpa | Immer mehr Teilnehmer beim „Marsch für das Leben“. Doch Gegendemonstranten sorgten für tumultartige Zwischenfälle.

Samstag, 19. September, 13 Uhr: Mit fröhlicher Musik werden die Teilnehmer des diesjährigen Marsches für das Leben vor dem Bundeskanzleramt begrüßt – es herrscht eine familiäre Atmosphäre, man begrüßt sich herzlich. Auffällig ist, im Gegensatz zu manch anderer Demonstration, die Heterogenität der Versammlung: Vom Baby bis zum Urgroßvater, von der flippigen Jugendlichen bis zum Geistlichen, Rollstühle und Menschen mit Blindenstock stehen neben Kinderwagen.

All diese Menschen eint die Motivation, in der politischen Schaltzentrale Deutschlands für das Recht auf Leben einzutreten und auf die Straße zu gehen – „Gemeinsam für das Leben. Immer!“, wie es der Moderator des Tages, der Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL), Martin Lohmann, in seiner Begrüßung ausdrückt. Beim Appell an die Bundeskanzlerin, „Tötung tarnt sich als Barmherzigkeit“ steht eine Gruppe von Leuten auf dem Balkon des Kanzleramtes und macht Fotos. Im Unterschied zu früheren Jahren fehlt nur eins: Die Trillerpfeifen, Schmährufe und weiteren Störversuche der Anti-Lebensrechtler. Mit wenigen Ausnahmen bleibt das auch so, bis kurz vor dem Ziel des auf die Kundgebung folgenden Demonstrationszuges.

Nachdem die Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Partei „Die Linke“, Katja Kipping, zur Blockade aufgerufen hatte, war zu vermuten, dass sich die Gegendemonstranten an einem Ort sammeln würden. Was dann folgt, ist eine Mischung aus Geduldsprobe und spannenden Beobachtungen. Geduldsprobe, weil der Demonstrationszug mit über 7 000 Teilnehmern (wieder eine deutliche Steigerung im Vergleich zu letztem Jahr mit 5 000) mit unglaublicher Gelassenheit fast zwei Stunden lang auf der Stelle steht.

Während gut organisierte Polizeieinheiten Blockierer von der Straße tragen, Personalien aufnehmen und sie wieder laufen lassen, mit dem Ergebnis, dass sich dieselben Leuten ein paar Meter weiter erneut auf die Straße setzen, versammeln sich Störer um den stehenden Zug. Sie nutzen die Gelegenheit, zwei syrischen Jungs ein Pulver in die Augen zu streuen, ein faules Ei auf die Europaabgeordnete Beatrix von Storch (AfD) zu schleudern und andere mit Pferdeäpfeln zu bewerfen. Dasselbe „Niveau“ findet sich auf Plakaten („Dinosaurs for LGBTI Rights“, „Ich habe abgetrieben und bereue es nicht.“), in den mit erstaunlichem Hass ausgestoßenen Parolen und in einem Baum. Dort haben sich zwei Femen-Aktivistinnen halbnackt eingerichtet, die sich wohl der Folgen ihrer Aktion nicht bewusst waren. Sie wollen nicht fotografiert werden, worauf ein Fotograf ihnen klarmacht, dass man damit auf einer öffentlichen Veranstaltung rechnen müsse. Die Aussicht, in diesem Aufzug bleibend im Internet festgehalten zu werden, bewegt sie offenbar dazu, sich zurückzuziehen.

Hätten sich die Anti-Lebensrechtler die Mühe gemacht, zuzuhören, worum es auf der Kundgebung geht, hätten sie viel gelernt. Sie hätten Menschen kennengelernt, die als Mütter oder Väter unter Abtreibung leiden, sie hätten gelernt, dass der „Gebärmutterinhalt“ bei seiner Abtreibung Abwehrreaktionen zeigt und Schmerzen empfindet, wie die Hebamme Esther Tepper erläutert. Sie hätten Menschen gehört, die seit 45 Jahren aufgrund eines Suizidversuchs im Rollstuhl sitzen und ein erfülltes Leben haben oder ein Kind mit Trisomie 21 nicht abgetrieben haben. All diese Zeugnisse sind für die Debatte um Abtreibung und assistierten Suizid ebenso wertvoll wie die Vertreter von Verbänden (H.-J. Ritter, Stiftung für Ökologie und Demokratie) oder Kirchen (Ulrich Parzany, evangelischer Theologe, Weihbischof Matthias Heinrich), die alle Lebensrechtsaktivitäten würdigen und die Bedeutung dieser Arbeit betonen. Und sie hätten sich gewundert, wie viele junge, frische Menschen, darunter viele Frauen, ein klares Bekenntnis zum Lebensrecht nicht nur äußern, sondern auch in die Tat umsetzen. „Große Dinge machen es erforderlich, dass man die Wohlfühlzone verlässt“, begründet eine der jungen Marsch-Teilnehmerinnen ihr Engagement.

Bei manchen Gegendemonstranten hat man den Eindruck, sie suchten, mehr oder weniger bewusst, ein Gespräch, das einige Male tatsächlich zustande kommt. Beim Gottesdienst auf freiem Feld hält ein Lebensrechtler sorgfältig einen Regenschirm über einen Demonstranten der Gegenseite, der mit einem bärtigen Mann in Motorradjacke und mit Kreuz auf der Schulter einen längeren Dialog führt.

Besonders freuen sich die Teilnehmer auch über einen Überraschungsgast, der für alle deutlich sichtbar im Bischofsgewand auf das Podium gebeten wird: Weihbischof Andreas Laun aus Salzburg. Die Co-Moderatorin Claudia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V., stellt ihn als „Marsch-für-das-Leben-Hopper“ vor, denn von der Demonstration in Berlin flog er gleich weiter zu einer ähnlichen Veranstaltung nach Bratislava. Während des Demonstrationszuges in Richtung Lustgarten, wo wie im Jahr zuvor der ökumenische Abschlussgottesdienst stattfinden sollte, wird der Weihbischof von vielen Menschen angesprochen, die offensichtlich dankbar für diese Form der Unterstützung sind. Gerade sie wurde bisher von Vielen schmerzlich vermisst, doch hier scheint langsam etwas durchzubrechen: Nachdem schon im vergangenen Jahr der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs den Gottesdienst mitgestaltet hat, geht diesmal erstmals auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der zuvor mit vielen Mitbrüdern die Amtseinführung des neuen Berliner Erzbischofs Heiner Koch gefeiert hat, ganz selbstverständlich im Zug mit. Der Gottesdienst ist gleichfalls prominent besetzt, mit dem evangelischen Pfarrer Prinz Philip Kiril von Preußen und dem Rottenburger Weihbischof Thomas Maria Renz. Damit ist die deutsche Amtskirche unzweifelhaft auf dem „Marsch für das Leben“ vertreten. Weihbischof Renz betonte in seiner Predigt: Wenn sich Christen für das Lebensrecht der Ungeborenen und für eine passive Sterbebegleitung alter und kranker Menschen einsetzten, seien sie keine „selbst ernannten oder sogenannten Lebensschützer“, wie sie immer wieder einmal diffamiert würden. „Vielmehr müssen wir andersherum sagen: Sie wären keine Christen, wenn sie keine Lebensschützer wären! Christen sind also keine ,selbst ernannten Lebensschützer‘, sondern ,von Gott ernannte Lebensschützer‘. Deshalb stehen Christen immer auf der Seite des Lebens und sie stehen immer auf, wo immer dieses Recht auf Leben begrenzt, bestritten oder gar abgesprochen wird, ganz besonders an den ,Rändern‘, also ganz am Anfang und ganz am Ende des menschlichen Lebens.“

Als wichtige kirchliche Initiative hat der Regensburger katholische Bischof Rudolf Voderholzer den „Marsch für das Leben“ gewürdigt. Ihm sei es wichtig zu zeigen, „dass die Kirche hinter diesem Anliegen steht“, sagte er am Sonntag in Regensburg der Katholischen Nachrichten-Agentur. Voderholzer hatte an der Veranstaltung von Abtreibungsgegnern am Samstag in Berlin gemeinsam mit mehr als 7 000 anderen Menschen teilgenommen, 2 000 mehr als im Vorjahr. Dabei war es auch zu tumultartigen Zwischenfällen durch Gegendemonstranten gekommen. Das Bistum Regensburg verurteilte diese Proteste scharf. Eine „Gruppe gewaltbereiter Leute“ habe versucht, den Marsch zu blockieren, sagte ein Bistumssprecher: „Wir wurden gewaltsam daran gehindert, unser Recht auf Demonstrationsfreiheit auszuüben.“ Voderholzer war nach Angaben seines Bistums der erste Diözesanbischof in Deutschland, der an dem zum elften Mal stattfindenden Marsch teilnahm. Er zeigte sich verwundert, dass Vertreter des Vereins „Donum Vitae“ nicht vor Ort gewesen seien. Bei einer Veranstaltung beim Katholikentag 2014 in Regensburg hatten Kritiker von „Donum Vitae“ gefragt, ob der Verein zu gemeinsamen Aktionen bereit sei. Dabei ging es auch um den „Marsch für das Leben“.

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