Pulverfass Ostafrika

Nach den Anschlägen in Uganda: Der islamistische Terror aus Somalia verlagert sich in andere afrikanische Länder Von Carl-H. Pierk

Ehebrecher werden gesteinigt, Dieben die Hände abgehackt: Die islamistische Al-Shabaab-Miliz will in Somalia einen islamischen Gottesstaat durchsetzen. Und dabei schreckt sie vor nichts zurück. Doch der Terror richtet sich nicht nur gegen die somalische Bevölkerung und die Übergangsregierung in Mogadischu. Al-Shabaab bezichtigte sich jetzt auch der Anschläge auf Fußballfans in Uganda, die am Sonntag Abend in der Hauptstadt Kampala das WM-Finale schauten. Mehr als 70 Menschen starben, fast ebenso viele wurden verletzt. Die Sprengsätze detonierten in einem äthiopischen Restaurant und einem Rugby Club. Es war der erste Anschlag der somalischen Al-Shabaab-Miliz außerhalb des Landes. Etwa die Hälfte der Toten in dem äthiopischen Restaurant sind nach Polizeiangaben Ausländer. Die Milizen hatten das Anschauen von WM-Spielen als „unislamisch“ verurteilt, was den Anschlägen einen zusätzlichen Symbolwert gibt. Ugandische Sicherheitskräfte haben inzwischen mehrere Verdächtige festgenommen. Es handele sich um Somalier, erklärte die Polizei in Kampala. Droht der Terror aus Somalia nun auf ganz Ostafrika überzugreifen?

Klassisches Beispiel eines gescheiterten Staates

Somalia am Horn von Afrika gilt als gescheiterter Staat, ist das klassische Beispiel eines „failed state“. 1969 war der Diktator Siad Barre durch einen Armeeputsch an die Macht gekommen, hatte die sozialistisch orientierte „Somalische Demokratische Republik“ ausgerufen und sich seit Ende der 1970-er Jahre dem Westen zugewandt. Seit seinem Sturz 1991 wird das Land von Bürgerkriegen zerrüttet. Der Staat hörte auf zu existieren, es gibt keine rechtmäßige Regierung, keine Verwaltung, kein Justizwesen. Das Land am Horn von Afrika wird beherrscht von Warlords, Clanmilizen und kriminellen Banden, die Krieg gegen das eigene Volk führen. Die Lebensbedingungen der somalischen Bevölkerung verschlechterten sich dramatisch, im Süden des Landes kam es zu einer Hungersnot.

Eine UN-Mission unter amerikanischer Führung sollte deshalb ab 1992 die Lieferung von Nahrungsmitteln sichern und den Frieden wieder herstellen. Nach dem Tod von 18 amerikanischen Soldaten bei Kämpfen mit somalischen Milizen in Mogadischu zogen die USA 1993 ihre Truppen von der UN-Mission ab, die UNO musste sich schließlich 1995 ganz zurückziehen und das Land sich selbst überlassen. Ein Land im Chaos.

Axel Rottländer, Mitarbeiter des Hilfswerkes „Care“ und dort zuständig für Somalia, erläutert: „Das größte Problem in Somalia ist die fehlende Regierung. Seit 1991 gibt es dort keine Führung mehr. Seitdem herrscht dort ein Durcheinander von verschiedenen Interessen der Nachbarländer und verschiedener kultureller, religiöser und wirtschaftlicher Gruppen innerhalb des Landes. Und es gibt auch Interessen, die von weit her, zum Beispiel von den USA, herrühren.“ In den Augen der Weltöffentlichkeit mag Somalia ein vergessener Staat sein, in dem schon so lange Chaos und Gewalt herrschen. Für seine Nachbarn ist Somalia nach wie vor ein Brennpunkt, der ihre eigene Stabilität bedroht. Versuche, eine diplomatische Lösung des Konflikts zu erreichen, sind bisher stets gescheitert. Auch militärisches Engagement zeigte keinen wirklichen Erfolg. Die internationale Gemeinschaft allerdings verhält sich noch immer so, als ob sie der dortige Konflikt nichts angehe.

Zusammenarbeit mit der El-Kaida

Dabei hatten sich zu Jahresanfang erstmals militante Islamisten in Somalia offen zur Zusammenarbeit mit dem internationalen Terrornetzwerk von Osama Bin Laden bekannt. Die Terrorgruppe Al-Shabaab kontrolliert weite Teile von Südsomalia. Sie bekämpft mit Anschlägen, Raubzügen und Überfällen die von der UNO und der Afrikanischen Union unterstützte Übergangsregierung. Die Al-Shabaab-Miliz hat inzwischen mit weiteren Terrorakten gedroht, sollte Uganda nicht seine 2 700 Soldaten aus Somalia zurückziehen. Uganda war das erste Land, das Truppen nach Somalia entsandte, die die schwache Übergangsregierung unterstützen und vor allem schützen sollten. Außerdem werden derzeit in Uganda mit Unterstützung der Europäischen Union somalische Truppen ausgebildet. Neben Uganda und Burundi, die das Kontingent der gut fünftausend Mann starken Friedenstruppe der Afrikanischen Union (AU) in Somalia stellen, gab es in der Vergangenheit auch Drohungen gegen Kenia und Äthiopien. So passt auch das Ziel eines der Attentate – ein äthiopisches Restaurant – ins Weltbild der Al-Shabaab. Äthiopische Bodentruppen und Kampfflugzeuge hatten im Dezember 2006 in die Kämpfe zwischen der Übergangsregierung und den Islamisten in Somalia eingegriffen.

Unterdessen ist die Afrikanische Union beunruhigt und das wohl zu Recht. Ein Ausbreiten des islamistischen Terrors hätte verheerende Folgen nicht nur für die einzelnen Länder, sondern auch für die gesamte Region südlich der Sahara. Dies umso mehr, da vor wenigen Wochen die Al-Shabaab-Miliz ihre Unterstützung für Islamisten im Jemen angekündigt hatte: Ein Bündnis über den Golf von Aden hinweg. Bisher legten die somalischen Islamisten Wert darauf, nur durch ein gemeinsames Ziel mit Gruppen wie Al-Kaida verbunden zu sein und eigenständig zu kämpfen.

Gerade der Jemen scheint inzwischen zu einer Art Drehscheibe für das Terrornetzwerk Al-Kaida geworden zu sein. Im Norden des Landes kämpfen schiitische Huthi-Rebellen gegen Truppen der sunnitischen Zentralregierung in Sanaa. Ein rechtsfreier Raum ist dort entstanden, der den Extremisten die Möglichkeit bietet, sich frei und weitgehend unbehelligt bewegen zu können. Zudem bieten die schwer zugänglichen Bergregionen ein optimales Rückzugsgebiet für das Terrornetzwerk Al Kaida. Vor allem die offene Küstenlinie gilt als Einfallstor für die Terroristen aus Somalia. Alles Idealbedingungen für Terrorgruppen.

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