Würzburg

Publizist Weimer: Corona führt zu Renaissance konservativer Werte

Der Publizist Wolfram Weimer erklärt im Gespräch mit der Tagespost, warum im Zuge der Corona-Krise die Stunde der Konservativen schlagen könnte.

Junge Menschen entdecken die Familie
Wo gehen wir hin? Immer nach Hause: Junge Menschen entdecken die Familie - Wolfram Weimer spricht vom „Vaterland des Herzens“ - für sich als attraktive Lebensform. Foto: Felix Kästle (dpa)

Herr Weimer, schlägt jetzt die Stunde der Konservativen? In der Debatte darüber, wie die Corona-Krise am besten zu meistern wäre, haben sich zwei Lager herausgebildet. Die eine Seite betont die Sicherheit und warnt vor frühzeitigen Lockerungen, die andere hebt die Freiheit hervor und weist auf die Bedeutung der Grundrechte und  verheerende Folgen für die Wirtschaft hin. Sie haben in Ihrem vor zwei Jahren erschienen „Konservativen Manifest“ Konservative  als diejenigen beschrieben, die sich durch ihren Sinn für Maß und Mitte auszeichnen. Sind Konservative  in besonderer Weise deswegen dazu geeignet, Sicherheit und Freiheit zusammen zu denken? Was könnte dies mit Blick auf die Corona-Herausforderungen bedeuten?

Ja, die Coronakrise führt dazu, dass der Wertekosmos von Konservativen ein starkes Comeback erlebt. Werte wie Schutz, Verlässlichkeit, Sicherheit, Verantwortung, Kranken- und Altenfürsorge, Familie, Nächstenhilfe sind plötzlich gefragt wie seit Jahren nicht mehr. Der wahre Konservative hängt nicht an dem, was gestern war; er lebt aus dem, was immer gilt. Für wertorientierte Menschen sind Freiheit und Sicherheit gar kein Gegensatz - sie bedingen einander. Daher gehen religiöse Menschen und Wert-Konservative in solchen Krisen instinktiv besser mit scheinbaren Dilemmata um. Sie gehen automatisch einen Weg von Maß und Mitte. Aber auch die fundamentalen Dinge des Lebens sind in so einer existenziellen Bedrohung vielen offenbar geworden. Obwohl die Kirchen geschlossen waren, haben einige Menschen auch zu Gott und Glauben zurück gefunden.

Erst wenn plötzlich etwas weg ist, fällt vielen Menschen auf, wie wichtig für sie das ist, was nun fehlt. Diese Erfahrungen sind auch jetzt zu beobachten: Erkennen die Menschen wieder stärker die Bedeutung von Institutionen, die ihnen in solchen Krisen Halt geben können? Etwa in Bezug auf die Familie?

Die Familie ist das Vaterland des Herzens. Adolph Kolping hat einmal gesagt: Für den Konservativen ist die Familie „das erste, das der Mensch im Leben vorfindet, das letzte, wonach er die Hand ausstreckt, das kostbarste, das er im Leben besitzt.“ Modernisierer und Linke des 20. Jahrhunderts haben die Familie kritisch hinterfragt, dekonstruiert, als Unterdrückungs- oder Entfremdungsstruktur oder als Leitbild der bürgerlichen Gesellschaft bekämpft. Doch sie hatten keinen nachhaltigen Erfolg damit. Die heutige Jugend wendet sich in der Familienfrage massiv konservativen Werten zu. Sie sucht vor allem Einvernehmen mit den Eltern. Wir-Stärke statt Ich-Stärke ist angesagt. In der Shell-Jugendstudie stellen die Forscher fest, dass für 80 bis 90 Prozent der jungen Menschen die Familie wichtig bis sehr wichtig ist. Ebenso viele wollen selbst eine Familie gründen und auf Dauer mit einem Partner zusammenleben, und die meisten wollen Kinder. Der Studie zufolge kommen 92 Prozent der deutschen Jugendlichen derzeit gut oder sogar bestens mir ihren Eltern aus. Die Werte sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die Coronakrise hat die Erfahrung von Familie als Hort von Sicherheit und Geborgenheit noch einmal verstärkt.

"In vielen Nationen kehrt die Religion spürbar zurück.
Nicht so in Deutschland. Wir sind im globalen Zug
zu Gott offenbar der Waggon der Atheisten"

Die klassischen Beispiele für Institutionen, die Halt geben, sind eigentlich die Kirchen. In Deutschland ist aber nicht zu beobachten, dass die Krise auch zu einer Renaissance der Religiosität führen würde. Woran liegt das?

Globale Mindset-Studien zeigen, dass in vielen Teilen der Welt Glaube und Spiritualität wachsen. In vielen Nationen kehrt die Religion spürbar zurück. Nicht so in Deutschland. Wir sind im globalen Zug zu Gott offenbar der Waggon der Atheisten. Auch die Coronakrise hat daran nichts geändert. Möglicherweise haben wir in den Katastrophen unserer Geschichte und der darauf folgenden Raserei der Moderne den Schlüssel zum Haus Gottes verloren. Ich bin mir aber sicher, dass er wieder auftaucht. Das Heimweh nach Gott verschwindet nicht.

Erleben wir gerade auch eine Abwendung von dem Leitbild des Weltbürgers, des ständig um den Globus jettenden modernen Menschen, der eigentlich nirgendwo zuhause ist? Wird Heimat, wird das Konkrete wieder wichtiger?

Das glaube ich nicht. Die Globalisierung als irgendwie Mitschuldigen an der Pandemie zu brandmarken, ist schon sachlich falsch. Internationale wütende Pesten kannte die Antike und das Mittelalter - sie sind trauriger Teil des Lebens. Menschen haben historisch auf diese traumatischen Erfahrungen eher mit Aufbruch und Forschung reagiert. Nach den großen Pesten des 14. Jahrhunderts begann der Aufbruch Europas in neue Welten. Auch heute sehen wir, dass Virusforscher sich international vernetzen und am medizinischen Fortschritt arbeiten. Wir werden nach dem Virus aus Wuhan uns nicht in Wanne-Eickel einschließen

Noch ein Blick auf die Wirtschaft: Die Tugenden, die einen erfolgreichen Unternehmer auszeichnen, sind in vielerlei Hinsicht auch konservativ: Mut zur Entscheidung. Fähigkeit zur Verantwortung, Fleiß. Orientierung am Leitbild des ehrlichen Kaufmanns. Könnte die Post-Corona-Ära zu einer Pionierzeit werden, ähnlich wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit? Hat die Krise eine lethargisch gewordene Gesellschaft aufgerüttelt?

Die Krise entfesselt - wenn die akute Phase des Infektionsgeschehens vorüber ist - Kräfte der Innovation. Die Digitalisierung erlebt zum Beispiel durch Corona eine gewaltige Beschleunigung, in der Medizin werden wir ebenfalls sprunghafte Innovationen erleben. Im übrigen darf man nach der Rezession des zweiten Quartals zum Jahresende hin auf einen großen Aufschwung hoffen - Ökonomen erwarten  eine Kräfte-Aufholkonjunktur. Die Börse nimmt das schon vorweg mit steigenden Aktienkursen.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf das politische Leben?  Ein Beispiel: Als die zwei Antipoden im Streit um die Lösung der Corona-Krise gelten Markus Söder und Armin Laschet. Schaut man auf deren jeweilige Anhängerschaft, etwa in den Sozialen Netzwerken, so ist festzustellen, dass auf beiden Seiten Menschen vertreten sind, die aus allen politischen Lagern stammen. Personen, die vor kurzem noch Laschet als zu Merkel-freundlich kritisiert haben, sind zu glühenden Anhängern geworden. Söder wird nun von Leuten gelobt, die noch vor zwei Jahren in ihm einen einen latent rechtspopulistischen Hetzer sahen. Sortiert sich alles neu? Welche Chancen bietet dieser Prozess für Konservative, zu deren Standard-Klage es ja gehört, im etablierten Parteiwesen nicht angemessen repräsentiert zu sein?

Die Corona-Krise hat die politische Landschaft in Deutschland umgepflügt. Die beiden alten Volksparteien Union und SPD profitieren, weil sie in der Pandemie als handelnde Schutzmächte auftreten konnten. CDU und CSU werden von großen Teilen der Bevölkerung in so einer Lage als staatstragende Partei wahrgenommen. Deshalb erleben sich einen gewaltigen Aufschwung.

"Die beiden alten Volksparteien Union und SPD
profitieren, weil sie in der Pandemie als
handelnde Schutzmächte auftreten konnten"

Der gegenteilige Effekt trifft die Grünen. Sie haben in zwei Monaten ein Drittel ihrer Wählerschaft verloren. Grüne Themen sind derzeit kaum mehr gefragt. Kaum ein Corona-Geplagter will sich in Anbetracht von akuter Lebensgefahr und Arbeitsplatzverlust noch mit Amazonas-Wäldern, Dieselmotoren und dem Gletscherklima beschäftigen. Die Grünen waren im Jahr 2019 perfekt als Leit-Opposition. Ihm Jahr 2020 taugen sie dazu nicht mehr. Nach der akuten epidemischen Notlage wird Deutschland sich viele Monate mit den wirtschaftlichen Folgen befassen müssen. Bei beiden Themen sind die Grünen keine Kompetenzführer. Zudem gilt: Eine Gesellschaft, die die unmittelbare Pandemie-Katastrophe durchlebt, wird sich der mittelbaren Klimakatastrophe nicht mehr mit gleicher Inbrunst zuwenden wollen.

Noch ein Blick auf einzelne Personen: Friedrich Merz - für viele Konservative war er ein Hoffnungsträger. Jetzt ist es still um ihn geworden.  Spielt Merz noch eine Rolle?

Krisen sind Hochzeiten für die Exekutive. Wer ein Regierungsmandat hat, der steht im Rampenlicht und kann als Beschützer und Retter wahrgenommen werden. Friedrich Merz hingegen musste zuhause sitzen, seine Infektion auskurieren und war vom politischen Diskurs wie abgeschaltet. Das mindert seine Chancen auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur momentan natürlich erheblich. Andererseits liegt er in Umfragen sogar jetzt noch vor Armin Laschet, der wochenlang die Nachrichten bestimmen konnte. Und: ab sofort wird die Frage wirtschaftlicher Erholung und Arbeitsplatzrettung immer wichtiger. Das wiederum ist die Kernkompetenz von Friedrich Merz. Man sollte ihn also nicht abschreiben. Bis zum Parteitag im Advent kann noch viel passieren.

"In der Coronakrise hat Angela Merkel
noch einmal zeigen können, dass sie Deutschland
verantwortungsvoll und bedacht führen kann"

Angela Merkel -  ist die Bundeskanzlerin zur  „lame duck“ geworden  oder erlebt sie gerade als Krisenkanzlerin den Höhepunkt ihrer Amtszeit?

Diese Krise versöhnt Angela Merkel mit weiten Teilen der Bevölkerung. Merkel drohte auf der Zielgeraden stark an Rückhalt zu verlieren. Als zu lange fühlte sich ihre Regentschaft an, zu groß waren die Abnutzungserscheinungen, zu deutlich traten politische Fehler hervor. Sie wirkte abgehoben, und viele warteten nur noch auf eine neue Führung in Deutschland. Doch in der Coronakrise hat sie noch einmal zeigen können, dass sie Deutschland verantwortungsvoll und bedacht führen kann. Ihre Zustimmungswerte sind jetzt wieder ganz oben.

Wird Markus Söder Kanzlerkandidat oder ist auch noch mit Armin Laschet zu rechnen?

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer. Foto: Karlheinz Schindler (dpa-Zentralbild)

Die Kanzlerkandidatur ist ein Thema des Triumvirats. Es geht um Söder, Laschet oder Merz. Wenn Söder wollte, hätte er derzeit alle Trümpfe in der Hand. Viele auch in der CDU halten ihn für einen richtig starken Ministerpräsidenten und kanzlertauglich. Er selbst verkündet aber beinahe täglich, dass er auf jeden Fall in München bleiben wolle. In der Politik können sich solche Ansagen auch ändern. Das hängt auch davon ab, wie die CDU sich sortiert. Laschet hat in der Krise nicht so überzeugt wie Söder. Damit bleibt auch Merz im Rennen. Der Dreikampf ist also offen.

Hintergrund

Wolfram Weimer ist Verleger und Publizist. Der Katholik, Jahrgang 1964, war von 2000 bis 2002 Chefredakteur von „Berliner Morgenpost“ und „Welt“. Danach gründete er das Magazin „Cicero“ und war zwischen 2004 und 2010 dessen Chefredakteur. Von 2010 bis 2011 stand er an der Spitze des Nachrichtenmagazins „Focus“. 2012 gründete er die Weimer Media Group, in der u.a. „The European“ und der „WirtschafrsKurier“ verlegt werden. 2018 erschien von ihm „Das konservative Manifest“ (Plassen).

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