London

Psychologe: Darum sterben mehr Männer an COVID-19

Oft heißt es, Männer sind stärker vom Virus betroffen und sterben früher, weil sie ungesund leben. Ein Männerpsychologie räumt mit diesem „Narrativ“ auf.

Coronavirus - Virus SARS-CoV-2
Die elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Coronavirus SARS-CoV-2, das die Lungenkrankheit Covid-19 verursacht. Foto: Uncredited (NIAID-RML/AP)

Frauen sind immer Opfer. Auch in der derzeitigen Krise. So jedenfalls lautet das weltumspannende Narrativ über die Opferrolle von Frauen. Und es wird unterstützt und vorangetrieben von Medienberichten über eine Dreifachbelastung der weiblichen Bevölkerung in Zeiten der Ausgangs- und Kontaktsperren, über die Unzumutbarkeit, seine Kinder ein paar Wochen ohne Kindergarten und Schule selbst zu betreuen. Seltener, wenn überhaupt, wird thematisiert, dass die Wahrscheinlichkeit für Männer, eine schwere Verlaufsform der COVID 19-Infektion zu erleiden, ja sogar an ihr zu versterben, signifikant höher ist als für Frauen. Wenn dieser Fakt erwähnt wird, schiebt man diese höhere Anfälligkeit auf die riskantere und ungesündere Lebensweise der männlichen Bevölkerung. Ist es wirklich so simpel?

Männer sind eher als Frauen gefährdet,
aus genetischen Gründen an einer
COVID 19-Infektion zu sterben.

Männer rauchen mehr und waschen sich seltener die Hände

Im australischen Online-Magazin Quillette widmet sich der Dozent für Psychologie am University College London und Ko-Autor von „The Palgrave Handbook of Male Psychology and Mental Health“ über die mentale Gesundheit von Männern, John Barry, dem „COVID 19-Gender Gap“ und damit dem Sachverhalt, dass 65 Prozent der Corona-Todesopfer männlich und nur 35 Prozent weiblich sind. Barry stellt damit das folgende „immer wiederkehrende Narrativ“ in Frage: „Mehr Männer sterben, aber die wahren Opfer sind die Frauen“. Zudem unterstelle dieses Narrativ meistens, dass der Tod der Männer weitgehend den „Fehlentscheidungen von Männern in Bezug auf ihr Gesundheitsverhalten geschuldet“ sei. Auch die medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ meine, dass die männlichen Todesfälle mit Verhaltensweisen in Verbindung stehen, „die mit männlichen Normen“ zu tun hätten. Nun gut, stellt Barry fest, zweifelsohne könnten einige Verhaltensweisen die Gesundheit beeinflussen, und einige dieser Verhaltensweisen zeigten Geschlechtsunterschiede. Beispielsweise rauchten Männer häufiger Zigaretten als Frauen und wüschen sich seltener die Hände. Dies werde auch häufig als Grund genannt, weshalb Männer eher an COVID 19 stürben, hauptsächlich deswegen, „weil das Händewaschen das Infektionsrisiko reduziert und Rauchen die Lungenkapazität einschränkt, was den Zugriff des Virus erleichtert“. Doch, so betont Barry, „keine dieser Erklärungen hält der Überprüfung stand“. Das Händewaschen beeinflusse zwar die Infektionsraten, doch „etwa ebenso viele Männer wie Frauen werden vom Coronavirus infiziert. Das erklärt also nicht, warum mehr Männer sterben, nachdem sie sich infiziert haben“. Was das Rauchen angehe, „so rauchen in vielen Ländern Männer und Frauen mehr oder weniger etwa gleich viel (zum Beispiel in Dänemark), dennoch sind Männer immer noch stärker gefährdet an COVID 19 zu sterben – 61 Prozent der dänischen Todesfälle betreffen Männer. Kinder rauchen selten, sodass auch hier das Rauchen nicht erklärt, warum Jungen eher als Mädchen sterben“. Wir hätten jedenfalls keinen vernünftigen Grund, die höhere Anzahl der männlichen Todesfälle auf das Rauchen oder das fehlende Händewaschen zu schieben: „Tatsächlich entpuppen sich derartige Erklärungen zunehmend als ‚victim-blaming‘ (Täter-Opfer-Umkehr) – das bedeutet, dass man jemandem selbst die Schuld an seinem Pech gibt, ohne andere Faktoren angemessen zu berücksichtigen“.

XX- Chromosom ist ein Vorteil

Der wirkliche Grund für den Geschlechtsunterschied bei der Mortalität in Bezug auf die COVID 19-Infektion liege darin, so Barry, dass „bei allen Säugetieren, einschließlich der Menschen, das Weibchen zwei XX-Chromosomen hat, die seinem Immunsystem im Vergleich zu dem der Männchen, die ein X- und ein Y-Chromosom besitzen, einen adaptiven Vorteil verschaffen. Mit anderen Worten: Männer sind eher als Frauen gefährdet, aus genetischen Gründen an einer COVID 19-Infektion zu sterben“.

Warum aber beschuldigen wir immer noch die Männer?, fragt Barry. Das Verhalten von Männern diene oftmals als Sündenbock und als gesundheitsschädlich für sie, „trotz der Forschungsergebnisse, die zeigen, dass die Wahrnehmung typisch männlicher Interessen von Vorteil für die körperliche und geistige Gesundheit sein kann. Oft wird übersehen, dass ein typisch männliches Verhalten, wie etwa Risikobereitschaft, extrem vorteilhaft für die Gesellschaft sein kann. Besonders klar wird das beim Rettungswesen, in dem hauptsächlich Männer beschäftigt sind und wo die Risikobereitschaft zur Selbstaufopferung werden kann“.

Männlichkeit nicht stigmatisieren

Natürlich, so stellt Barry fest, wäre „das Narrativ der Medien ein ganz anderes, wenn 65 Prozent der COVID 19-Todesfälle Frauen“ wären. Es „liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass unsere Sicht auf die Gesundheit von Frauen sehr viel empfindlicher für Kausalfaktoren ist“. Damit meine Barry aber nicht, dass „Männer keine Verantwortung für ihre gesundheitlichen Verhaltensweisen tragen sollten. Aber ich mahne auch einflussreiche Institutionen wie die WHO, sich davor zu hüten, ein Narrativ aufrechtzuerhalten, das Männlichkeit stigmatisiert oder zur Täter-Opfer-Umkehr und zu einer sich daraus ergebenden Entfremdung von Männern ermutigt“. Sich auf unwahrscheinliche Ursachen der höheren Coronavirus-Mortalität von Männern zulasten von plausibleren biologischen Faktoren zu fokussieren, helfe uns nicht, diese Krankheit zu verstehen oder Behandlungsmöglichkeiten zu finden. Es gelte, das Verhaltensmuster abzulegen, „das wir seit Jahren bei vielen Männerproblemen sehen, darunter der männliche Suizid, die männlichen Opfer von häuslicher Gewalt sowie Jungen, die im Bildungssystem ins Hintertreffen geraten“. Barry hofft: „Wenn wir lernen können, mit der aktuellen Pandemie mit mehr Empathie und Menschlichkeit umzugehen, können wir auch mit künftigen Krisen harmonischer und effektiver fertigwerden“.

 

 

DT/ks

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