Protestanten prüfen Vorwürfe

Frankfurt/Main/Hannover (DT/dpa/KNA) Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will die Vorwürfe von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller prüfen. „Wir können derzeit noch keine Stellung abgeben, weil wir die Quelle selbst nicht kennen. Wir sind um eine Klärung bemüht“, sagte ein Sprecher der EKD am Montag der dpa. Die aus dem Banat stammende Rumänien-Deutsche hatte am Sonntag in ihrer Dankesrede für den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis in der Frankfurter Paulskirche erklärt, sie und ihr damaliger Mann seien offenbar auf rumänischen Druck vom Deutschen Evangelischen Kirchentag 1989 ausgeladen worden. Zum Beweis las Müller aus dem Protokoll eines Telefongesprächs zwischen rumänischen Kirchenvertretern und der Leitung des Deutschen Kirchentags, das ihr kürzlich anonym zugespielt worden sei. Es habe sie „erschüttert“, sagte die 56-Jährige. In dem Gespräch hatten die Rumänen vor einer „Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rumäniens“ gewarnt und mit Konsequenzen gedroht. Müller sei damals kurzfristig ausgeladen worden – mit der „merkwürdigen Begründung“, sie und ihr Mann seien nicht evangelisch, sondern katholisch. Das Paar hätte den Angaben Müllers zufolge an einem Forum über die Zustände in der rumänischen Diktatur teilnehmen sollen.

Herta Müller hatte am Sonntag den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ erhalten. Mit der mit 10 000 Euro dotierten Auszeichnung würdigte die Stiftung insbesondere Müllers jüngst erschienenen Roman „Atemschaukel“, der die Deportation Rumäniendeutscher in die Sowjetunion nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Müller, so die Stiftung, habe das grausame Schicksal der in sowjetische Lager deportierten Deutschen in das Licht der Öffentlichkeit geholt und dem vielfältigen Schrecken des Lagerlebens literarisch einzigartig Ausdruck gegeben. Der von den deutschen Heimatvertriebenen begründete und nach dem jüdischen Schriftsteller Franz Werfel benannte Menschenrechtspreis wurde erstmals 2003 und wird alle zwei Jahre vergeben.

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