Protest mit 1 000 Fischerbooten

Der Streit zwischen Japan und China um die Senkaku-Inseln verschärft sich. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Chinesen in Peking zünden japanische Fahnen an.
Foto: dpa | Chinesen in Peking zünden japanische Fahnen an.

Modernste chinesische Düsenjäger vom Typ J-11 fliegen bereits in der Nähe der umkämpften Inseln, Fischerboote und Patrouillenschiffe rammen sich hier schon seit Wochen auf dem umstrittenen Seegebiet. Und deren Besatzungen bewerfen sich dabei mit allerlei Gegenständen, die gerade zur Hand sind. Es ist ein kriegsähnlicher Zustand, der zwischen Japan und China herrscht. Das Streitobjekt sind die Senkaku-Inseln, wie sie auf japanisch heißen, die Chinesen nennen sie Diaoyu (Angelinseln). Das Archipel von acht unbewohnten Inseln liegt etwa 200 Kilometer nordöstlich von Taiwan und 2 000 Kilometer von Tokio entfernt. Geangelt haben die Chinesen da wohl schon in der Ming-Dynastie, denn auf diese Ära führen sie heute ihren Anspruch zurück. Fraglich ist nur, ob das zu einer rechtlichen Begründung ausreicht, oder ob hierzu nicht, wie Japaner argumentieren, die nationalstaatliche Grenzziehung gehört. Erst gestern sind drei chinesische Kriegsschiffe in das japanische Hoheitsgebiet um die Inseln eingedrungen und das chinesische Fernsehen berichtete, tausend Fischerboote seien unterwegs dorthin.

Bereits Mitte August hatten chinesische Fischer aus Hongkong eine der Inseln widerrechtlich betreten und waren dann von japanischen Behörden verhaftet und nach China zurückgebracht worden. Das japanische Fernsehen zeigte dann tagelang beinahe stündlich, wie die chinesische Gruppe dann in ihrer Heimat triumphierend mit umgehängten Blumengirlanden auf Cabriolets durch Straßen voll jubelnder Chinesen fuhren, wie bei der Miniausgabe einer New Yorker Konfettiparade. Die Besatzer waren plötzlich Volkshelden geworden. Seitdem ist der Hass auf Japan eskaliert, chinesische Demonstranten fordern sogar Krieg, und japanische Unternehmen in China haben Angst um ihre Mitarbeiter.

Weil die rechtlichen Probleme um die Inseln nicht wirklich klar sind, ist auch die Lösung des Konflikts äußerst schwierig. Es genügt nicht, dass sich jetzt beide Staaten alte Schulbücher aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorhalten, um frühere Grenzlinien zu behaupten. 1895 hat Japan die Inseln im ersten japanisch-chinesischen Krieg annektiert. Die Chinesen behaupten, die Inseln bereits im 16. Jahrhundert entdeckt zu haben, die Japaner 1884. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Amerika die Herrschaft über das bis dahin japanische Archipel übernommen und dieses 1972 an die japanische Provinz Okinawa übergeben. Der Fall hatte zusätzliche Brisanz dadurch bekommen, dass das japanische Ministerium für internationale Angelegenheiten zwischen 2002 und 2012 jährlich umgerechnet etwa 250 000 Euro an die japanische Familie Kurihara aus Saitama nördlich von Tokio gezahlt hat, damit diese drei Inseln pachten konnte. Das japanische Verteidigungsministerium hatte später noch eine weitere Insel übernommen. Um diesem Durcheinander und der Unentschiedenheit der japanischen Regierung in dieser Angelegenheit ein Ende zu machen, hat vor wenigen Monaten der konservative Bürgermeister von Tokio, Shintaro Ishihara, erklärt, die Stadt Tokio soll die Inseln kaufen und dann endgültig dem japanischen Staat übergeben. Damit waren die Chinesen vorgewarnt. Als dann Mitte August die Chinesen von der besetzten Insel wieder abgeführt wurden, fuhr sogar ein kleines Boot mit shintoistischen Priestern auf die schmale Küste zu, wohl um für den Erhalt des Eilands für Japan zu beten. Am 11. September jedenfalls ist die japanische Regierung über den Kauf der Inseln Minamikojima, Kitakojima, und Uotsuri mit der Familie Kurihara einig geworden, auch ohne den Zwischenhandel durch die Stadt Tokio. Damit wollte Japan den Fall beenden, aber die Provokation gegenüber China war perfekt, das den Kauf für illegal erklärte. Die Chinesen fühlen sich schon lange durch Japan gereizt. Die Besatzungen und Grausamkeiten aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind in China nicht vergessen. Es gab nie wirklich eine Aussöhnung zwischen den beiden Ländern.

Japan hat keine eigenen Rohstoffe und ist von Importen abhängig. China weiß das und hat bereits mit einer Exportsperre gedroht. Schließlich soll es auch um Erdöl und Gas gehen, das man im Bereich des Archipels vermutet. Und die Pläne der Vereinigten Staaten, in Japan das Raketenschutzschild auszubauen, angeblich nur gegen Nordkorea, werden die Chinesen zusätzlich beunruhigen. Beunruhigt ist aber auch der japanische Premierminister Yoshihiko Noda, der am Dienstag erklärte, die Fischerboote aus China, die zurzeit zu Hunderten ständig um die Inseln kreisten, könnten zu einer weiteren Eskalationsstufe führen. Diese Stufe ist in vielen chinesischen Städten längst erreicht, wo japanische Geschäfte und Restaurants zerstört wurden und die großen Autofirmen für einige Tage ihre Fließbänder angehalten haben. Mit 56 000 Menschen hat Shanghai die größte japanische Gemeinde – niemand von ihnen fühlt sich hier zurzeit sicher. Die Regierung in Tokio will im Augenblick abwarten, aber wenn die Küstenwache die Kontrolle verlieren würde, müssten die Selbstverteidigungsstreitkräfte eingreifen, erklärte Noda.

Eine endgültige rechtliche Klärung der Streitigkeiten, deren Ausgang völlig offen ist, wäre dringend nötig. Wichtig wäre dies auch für andere Pazifikinseln. Denn in den Tagen, als vor einem Monat Chinesen unerlaubt auf Senkaku waren, hat Korea die japanische Insel Takeshima besetzt; aber das ist eine andere Geschichte.

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