PRO: Das Prinzip der doppelten Wirkung

Warum der Staat den Abschuss eines gekaperten Flugzeugs befehlen darf. Von Pater Engelbert Recktenwald, FSSP
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Foto: Marc Müller (dpa) | Die Allianz Arena in München ist nicht nur ein Fußball-Stadion, sondern wäre auch ...

Ist es erlaubt, ein von Terrorristen gekapertes und zur Waffe umfunktioniertes Passagierflugzeug abzuschießen? Ich möchte diese Frage aus ethischer Sicht behandeln. Aus rechtlicher Sicht ist sie 2006 durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts negativ beantwortet worden. Es ist also nicht die Frage, ob der Abschuss nach geltendem Recht rechtswidrig ist, sondern ob er moralisch erlaubt, verboten oder gar geboten ist.

Die katholische Moraltheologie stellt zur Beantwortung dieser Frage zwei Prinzipien bereit. Das erste Prinzip besagt, dass ein guter Zweck nicht die schlechten Mittel heiligt. Das zweite Prinzip ist das von der doppelten Wirkung einer Handlung.

Das erste Prinzip betrifft Handlungen, die moralisch in sich schlecht sind. Auch ein noch so guter Zweck kann sie nicht rechtfertigen. Ein Gericht darf zum Beispiel nicht einen Unschuldigen zum Tod verurteilen, um Schlimmeres, etwa einen blutigen Aufstand, zu verhindern, wie es nun laut Tagespost vom 15. Oktober in Pakistan im Fall von Asia Bibi zu befürchten ist.

Wäre in unserem Szenario die Rettung der vom Flugzeug bedrohten Menschen die Folge des Todes der Flugzeugpassagiere, käme dieses Prinzip auch hier zur Anwendung. Das ist aber nicht der Fall. Diese Rettung ist nicht eine Folge des Todes der Passagiere, sondern allein der Zerstörung des Flugzeugs. Würde das Flugzeug keine Passagiere enthalten oder würden diese durch ein Wunder überleben, wäre der Zweck genau so erreicht. Der Tod wird nicht beabsichtigt, weder als Ziel noch als Mittel zum Ziel. Er wird nur als unvermeidbare Folge in Kauf genommen. Wir haben es deshalb mit einer Handlung zu tun, die zwei verschiedene Wirkungen gleichursprünglich zur Folge hat: den Tod der Passagiere und die Rettung der bedrohten Menschen. Damit fällt die Handlung unter das Prinzip der doppelten Wirkung. In diesem Fall muss eine Güterabwägung vorgenommen werden, die natürlich eine Reihe von Faktoren beachten muss, deren zwei wichtigste sich in diese Regeln fassen lassen: 1. Das positive Gut, das gerettet wird, muss das Gut, dessen Zerstörung in Kauf genommen wird, deutlich überwiegen. 2. Je größer das Gut ist, das geopfert werden soll, um so größer muss die Gewissheit der Gefährdung des Gutes sein, das gerettet werden soll.

Das Flugzeug darf also nicht auf Verdacht abgeschossen werden. Im Einzelfall mag es schwierig sein, über den wahren Sachverhalt Klarheit zu gewinnen, und das kann ein Grund sein, von einem Abschuss abzusehen. Aber vom Prinzip her ist bei genügender Gewissheit ein Abschuss nicht nur erlaubt, sondern unter Umständen sogar geboten.

Wie die Philosophin E. Anscombe zu betonen pflegte, kommt es auf die richtige Beschreibung der Handlung an. Wenn ich sage: „Ich töte die Passagiere, um die anderen Menschen zu retten“, dann scheint es klar zu sein, dass dies nicht erlaubt ist. Die korrekte Beschreibung aber lautet: „Ich zerstöre das Flugzeug, um die Menschen zu retten, und nehme den Tod der Passagiere in Kauf.“ Tatsächlich werden die Menschen ja vor dem Flugzeug, nicht vor den Insassen gerettet.

Wäre der Abschuss eine in sich schlechte Handlung, die jede Güterabwägung ausschließt, käme es nicht auf die Zahl der Passagiere an. Ein einziger Passagier würde genügen, um den Abschuss unmoralisch zu machen. Es käme auch nicht auf die Größe des zu verhindernden Schadens an, und es käme auch nicht darauf an, ob sich der unbeteiligte Mensch in einem Passagierflugzeug befindet oder – zum Beispiel als Geisel – in einem Militärflugzeug. Das würde also bedeuten, dass es dem Staat moralisch verwehrt wäre, das Land vor einem verheerenden Atomschlag zu schützen, wenn durch seine Abwehr auch nur eine einzige Geisel ums Leben käme.

Man spricht in solchen Zusammenhängen auch von Kollateral- oder Begleitschäden. Sie sind ein typischer Fall von Güterabwägung. Deshalb ist in jedem Einzelfall zu prüfen, ob die voraussehbaren Begleitschäden so groß sind, dass eine in sich gerechte Militär-, Notwehr- oder Rettungsaktion zu verantworten ist oder nicht.

Zu bedenken ist in unserem Fall außerdem, dass durch einen Verzicht auf den Abschuss das Leben der Passagiere nicht gerettet würde. Sie kämen kurz danach durch den Aufprall des Flugzeugs sowieso ums Leben. Würde es sich beim Abschuss um eine in sich schlechte Tat handeln, spielte das natürlich keine Rolle. Sobald jedoch eine Güterabwägung ansteht, fällt dies entscheidend ins Gewicht.

Das Prinzip der doppelten Wirkung ist vom kirchlichen Lehramt anerkannt und von Papst Pius XII. auf den Fall von lebensverkürzenden Schmerzmitteln angewandt worden. Die Lebensverkürzung darf in Kauf genommen werden, solange sie nicht direkt intendiert wird und wenn die Größe der Schmerzen es rechtfertigt.

Wenn übrigens Volker Beck gegen den Abschuss mit den Worten argumentiert: „Eine Abwägung Leben gegen Leben kann es nicht geben. Es bleibt Unrecht, unschuldige Menschen zu töten“, dann vertritt er hier einen Rigorismus, den man sonst der Haltung der katholischen Kirche zur Abtreibung vorwirft. Dabei handelt es sich bei der Abtreibung um die direkte, beabsichtigte Tötung eines unschuldigen Menschen und damit tatsächlich um eine in sich schlechte Handlung. Die beabsichtigte gute Wirkung, etwa die Vermeidung finanzieller Belastung durch das Kind (soziale Indikation), ist eine Folge seiner Tötung. Sein Tod wird nicht bloß in Kauf genommen, sondern als Mittel zum Ziel direkt gewollt. Hier wird also tatsächlich Leben abgewogen, und zwar nicht nur gegen Leben, sondern sogar gegen das soziale oder psychische Wohlbefinden der Mutter oder einfach auch gegen ihr Selbstbestimmungsrecht (so etwa bei Jochen Taupitz). Es ist widersprüchlich, der Kirche in einem Fall, wo es um in sich schlechte Handlungen geht, einen rigoristischen Standpunkt vorzuwerfen – das tun skandalöserweise auch katholische Theologen –, und gleichzeitig einen solchen einzunehmen in einem Fall, wo der Tod lediglich in Kauf genommen wird. Das bedeutet, die Güterabwägung am falschen Ort zu verweigern und der Kirche diese Verweigerung am richtigen Ort vorzuwerfen. Schon für Chesterton war solche Widersprüchlichkeit der Kritik ein Indiz für die Richtigkeit des Kritisierten.

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