Pressestimmen am 14. Februar 2019

Tatsächlich war Mussolini schon vor den Rassengesetzen von 1938 wieder zum Priesterhasser geworden; er selbst verglich die anschließenden Beziehungen zwischen Italien und dem Vatikan mit den kurzen Flitterwochen eines jungen Brautpaars. Auch in der Kirche waren viele unzufrieden, so dass Giovanni Battista Montini sich damals fragte, ob sich all die Jahre des Kampfes gelohnt hätten, nur um zu einem solchen Waffenstillstand zu gelangen. Auf die Frage des späteren Paul VI., antwortet, wenngleich indirekt, Alcide De Gasperi, der ganz sicher kein Faschist war: „Angesichts von Mussolinis hartnäckigem Klopfen an der Tür zum Apostolischen Palast konnte der Papst nicht anders als ihm zu öffnen. … Das Resultat war, wie man heute in Italien sehen kann, ein Erfolg für das Regime, aber im weltgeschichtlichen Rahmen ist es eine Befreiung für die Kirche und ein Glück für die italienische Nation.“ Nach Ansicht des Staatsmannes aus Trient hätte sogar sein verehrter Lehrmeister, der Diener Gottes Don Luigi Sturzo, wenn er Papst gewesen wäre, die Lateranverträge unterzeichnet.

Im Senat haben die Demokraten einen Gesetzesentwurf blockiert, der medizinisches Personal zwingen würde, Babys, die nach einem Abtreibungsversuch lebendig zur Welt kommen, Fürsorge und medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Wie ist es möglich, dass Kindermord heute vertretbar geworden ist, während er in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg undenkbar war? Deutsche Ärzte wurden in Nürnberg gehängt, weil sie behinderte Babys getötet hatten. Die Antwort liegt in einem zunehmenden Zusammenprall gegensätzlicher Grundprinzipien, die um gesellschaftliche Dominanz wetteifern. Ist das menschliche Leben heilig, oder hängt unser Wert von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen ab?

Besteht das Ziel der Gesellschaft letztendlich darin, alles unschuldige menschliche Leben zu schützen, oder darin, Leiden zu beseitigen – was sowohl die Beseitigung des Leidenden als auch, wie im Fall eines ungewollten Fötus oder Neugeborenen, dessen, was als Ursache des Leidens wahrgenommen wird, einschließt? Die Antworten, die wir auf diese Fragen letztendlich geben, werden dafür ausschlaggebend sein, ob Kindermord sich als etwas Alltägliches etablieren wird.

Viktor Orban lehnt „eine Welt ohne Nationen“ ab und widersetzt sich jeder Immigration, die er als „Kapitulation“ betrachtet. Für diesen Kampf betrachtet er die Religion als nützliche Waffe. Dabei verkürzt er sie auf ein einfaches gesellschaftliches Merkmal und setzt ihr enge Grenzen. Er, der zur Zeit des Kommunismus gegen die Mauer gekämpft hat, die Europa in zwei Teile teilte, will jetzt das Christentum in einen Kontinent einmauern. Die Berufung der Jünger Christi besteht jedoch darin, sich an die ganze Welt zu richten und mit allen Menschen in Dialog zu treten. Wie soll das geschehen, wenn man sich hinter Mauern verschanzt? Das Christentum lässt sich nicht auf eine „Identität“ oder auf „Traditionen“ reduzieren. Katholisch heißt universal.

Was das Lehramt von Papst Benedikt XVI. betrifft, so wurde es allzu oft „niedergemacht“ aufgrund verkürzter Lesarten und vorgefertigter Klischees [...]. Wir sollten uns daran erinnern, dass er gesagt hat: Die Kirche „hat nichts aus Eigenem gegenüber dem, der sie gestiftet hat, so dass sie sagen könnte: Dies haben wir großartig gemacht! Ihr Sinn besteht darin, Werkzeug der Erlösung zu sein, sich von Gott her mit seinem Wort durchdringen zu lassen und die Welt in die Einheit der Liebe mit Gott hineinzutragen.“ Das ist das Gegenteil von Vertrauen in Strategien und Projekte. Die Kirche, so Benedikt XVI. in seiner Ansprache im September 2011 im Konzerthaus in Freiburg im Breisgau weiter, „ist, wo sie wahrhaft sie selber ist, immer in Bewegung, muss sich fortwährend in den Dienst der Sendung stellen, die sie vom Herrn empfangen hat. Und deshalb muss sie sich immer neu den Sorgen der Welt öffnen, zu der sie ja selber gehört, sich ihnen ausliefern, um den heiligen Tausch, der mit der Menschwerdung begonnen hat, weiterzuführen und gegenwärtig zu machen.“

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